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NDR dreht für TV-Dokumentation „Die Schlacht am Harzhorn“ in Wallensen – Sendetermin 2010

Römer schlagen ihr Lager am Humboldtsee auf

Wallensen. „Achtung, Aufnahme! Ruhe bitte!“ Der Rauch der Feuerstelle vernebelt den Blick auf die Zelte. Leuchten tut nur der Goldhelm des Centurio. Palisaden werden rundum in den Boden gerammt, das Gestrüpp niedergetrampelt, um ein Zelt zu versetzen. Davor wird zwischen Mühlsteinen Getreide gemahlen, Sandalensohlen werden benagelt, Pferde versorgt, Notizen in Wachstafeln geritzt. Wachen zu Pferd und zu Fuß werden gewechselt, Rüstungen gereinigt, Bogen, Pfeile und Torsionsgeschütz überprüft.

veröffentlicht am 03.11.2009 um 10:20 Uhr
aktualisiert am 16.11.2009 um 12:18 Uhr

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Autor:

Ingrid stenzel

Als Darsteller konnten für die Römer Historikervereine aus Regensburg, Augsburg, Rosenheim und Ingolstadt gewonnen werden.

Die „Römer“ sind nach der Schlacht am Thüster Berg in ihr Lagerleben unweit des Wallenser Humboldtsees zurückgekehrt – im Auftrag des NDR stellt die Firma Looks Medienproduktionen GmbH eine TV-Dokumentation mit dem Titel „Die Schlacht am Harzhorn“ her.

Fotos: ist

Wallensen. „Achtung, Aufnahme! Ruhe bitte!“ Der Rauch der Feuerstelle vernebelt den Blick auf die Zelte. Leuchten tut nur der Goldhelm des Centurio. Palisaden werden rundum in den Boden gerammt, das Gestrüpp niedergetrampelt, um ein Zelt zu versetzen. Davor wird zwischen Mühlsteinen Getreide gemahlen, Sandalensohlen werden benagelt, Pferde versorgt, Notizen in Wachstafeln geritzt. Wachen zu Pferd und zu Fuß werden gewechselt, Rüstungen gereinigt, Bogen, Pfeile und Torsionsgeschütz überprüft. Ein Katapultgeschoss schlägt dumpf trocken durch die dicke Holzplatte – geduldige Suche nach dem kurzen Holzpfeil mit Eisenspitze in Kettenhemd und Toga mit teilweise bluttriefenden Wunden in der Wiese dahinter: Die „Römer“ sind nach der Schlacht am Thüster Berg in ihr Lagerleben unweit des Wallenser Humboldtsees zurückgekehrt.

Pferde und Wagen gehören auch zur Ausstattung der Dreharbeiten.
  • Pferde und Wagen gehören auch zur Ausstattung der Dreharbeiten.
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Zeit für geduldige Suche und Aufräumarbeiten war dagegen vor rund 1800 Jahren auf dem Schlachtfeld am Harzhorn bei Kalefeld beim Kampf Mann gegen Mann, Römer gegen Germane, eher nicht vorrangig und sorgte auf diese Weise fast pünktlich zum 2000. Jahrestag der Varusschlacht für die große Sensation in der römischen Geschichtsschreibung, für eine kleine Sensation im Belegungsplan der Außenstelle des Campingplatzes am Humboldtsee.

Nach Entdeckung und ersten Funden bei Kalefeld am Harz untersuchen Archäologen seit dem Sommer vergangenen Jahres ein extrem gut erhaltenes römisches Schlachtfeld aus dem 3. Jahrhundert nach Christus und haben dort bereits annähernd 2000 Waffen- und Waffenteile geborgen. Dieser Fund, so die einhellige Meinung der Historiker, könne, auch wenn die Geschichte nicht umgeschrieben werden müsse, so doch das Geschichtsbild ins Wanken bringen.

Auf einem knapp zwei Quadratkilometer großen Schlachtfeld waren Pfeilspitzen von Bogenschützen, Geschossspitzen von Torsionsgeschützen, Speer- und Lanzenspitzen, Beschlagteile von Wagen des Trosses, Sandalennägel und Münzen eindeutig römischen Ursprungs gefunden worden.

Bislang waren Experten davon ausgegangen, dass sich die Römer nach ihrer verheerenden Niederlage in der Varusschlacht im Jahre 9 nach Christus hinter den Limes zurückgezogen und keine großen militärischen Expeditionen ins heutige Norddeutschland mehr unternommen hätten, das 3. Jahrhundert insgesamt als müde römische Krisenflaute vor sich hin dümpelte.

Im Auftrag des NDR stellt die Firma Looks Medienproduktionen GmbH jetzt eine TV-Dokumentation mit dem Titel „Die Schlacht am Harzhorn“ her. Der Film dokumentiert die Ausgrabungen der am Harzhorn gefundenen Spuren einer Schlacht der Römer gegen die Germanen um das Jahr 235 und stellt aufwendige Szenen nach, die sich dort zugetragen haben könnten sowie das römische Lagerleben. „Der 45-minütige Film ist eine Zusammenstellung dokumentarischer Aufnahmen am Grabungsfeld und im Labor sowie szenischen Darstellungen“, sagt Herstellungsleiter Marco Voß. Wissenschaftliche Begleitung erfahre das Projekt durch den niedersächsischen Landesarchäologen Henning Haßmann vom Landesamt für Denkmalpflege, der auch am Drehort anwesend ist, sowie durch Privatdozent Dr. Günther Moosbauer, Althistoriker von der Universität Osnabrück und Professor Dr. Michael Meyer von der FU Berlin. Als Darsteller konnten für die Römer Historikervereine aus Regensburg, Augsburg, Rosenheim und Ingolstadt wie die Populares Vindelicenses gewonnen werden – Menschen, die in ihrem Freizeitparallelleben Römer gerade jenes vermeintlich müden 3. Jahrhunderts sind. „Enthusiasten mit wissenschaftlichem Know-how, originalgetreu nachgearbeiteter Ausrüstung und unschätzbarer Mitarbeit“, sagt Regisseur und Drehbuchautor Florian Dedio. Und Wallensen ist Drehort im Klein-Hollywoodglück durch die Ähnlichkeit der landschaftlichen Formation mit der am Harzhorn. „Denn Dreharbeiten am Originalschauplatz sind aufgrund von Landschaftsschutz und Sperrung der Ausgrabungsstätte nicht möglich“, so Voß. Die Produktion „Die Schlacht am Harzhorn“ soll voraussichtlich im Jahr 2010 im Fernsehen des NDR, möglicherweise auch der ARD, gesendet werden.

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