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Wie die beiden Zeppeline led-ztlich ihr eigenes Ding machen (mussten)

Robert plant ohne das Luftschiff und Jimmy zieht andere Saiten auf

Es muss Robert Plant arg gewurmt haben, als Jimmy Page ihn 1993 mit David Coverdale betrog, jenem Mann, dem Plant schon 1988 in der Musikzeitschrift Metal Hammer kein gutes Haar gelassen hatte: „Coverdale ist banal (…) Mit einem anderen Rhythmus könnte er auch Billy Ocean sein.“ Fünf Jahre später war es trotzdem zur donnernden Kollaboration mit dem schlichten Titel „Coverdale & Page“ gekommen. Die beiden gingen sogar auf Tournee, und das aus gutem Grunde, denn die Hard-Rock-Legenden – der eine war einst Chef von Led Zeppelin, der andere ehemaliger Sänger von Deep Purple und Whitesnake – hatten mithilfe von Robert Fraser ein Klasse-Album eingespielt.

veröffentlicht am 24.06.2011 um 04:35 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 13:15 Uhr

Jens Meyer

Autor

Leiter Redaktion PR- und Sonderthemen zur Autorenseite

Einer von Dreien hatte sich total verPlant. Pages Entscheidung, mit Coverdale Musik zu machen, jenem Rocker, der in den siebziger Jahren freimütig zugegeben hatte, sein wildes Idol zu imitieren und später unausgesprochene Ansprüche auf eine Led-Zep-Reunion erhob, war für Plant ein Schlag in die Fresse. Andererseits war er Pages Werben um eine Wiederauferstehung von Led Zeppelin – mit Bassist John Paul Jones und dem Sohn des verstorbenen Drummers John Bonham – konsequent ausgewichen. Er, ohne den Led Zeppelin niemals in den siebten Himmel abgehoben wäre, verfolgte lieber seine Solokarriere und brachte zwischen dem Ende der Band und dem Coverdale’schen Fausthieb sechs Alben heraus.

Aber was zuviel ist, ist zuviel: Plant schoss nun, 1994, zurück, aus allen Rohren. Mit Led-Zep-Songs wie „Nobody’s Fault But Mine“, „The Battle Of Evermore“ und „Kashmir“ als finalen Gipfel. Kaum war das Projekt Coverdale & Page gezündet worden, verpuffte es also auch schon wieder, weil die beiden langjährigen Weggefährten 1994 für das „No Quarter“-Album gemeinsame Sache machten und Coverdale zur weißen Schlange zurückschickten. Voluminöser Untertitel: „Jimmy Page & Robert Plant unledded“. Nicht weniger als 53 Musiker waren daran beteiligt, unter anderem 17 Violinisten des London Metropolitan Orchestra und fünf Duf und Bendir spielende ägyptische Percussionisten. Ein Mordsaufwand, für den P&P zwischen London und dem walisischen Nest Bron-Y-Aur in Snowdonia auch bis nach Marrakesch reisten.

Und mich traf es wie Donnerhall, es packte mich vom ersten Moment an, in dem ich „Gallows Pole“ live zum ersten Mal hörte. Ich sah im Videoclip auf MTV, dass Page comme toujours seine Saitenhiebe mit liebkosendem Fingerspitzengefühl zu setzen wusste. Ich sah, wie die Halsschlagader Plants bei jeder Strophe, bei jedem gutturalen Laut anschwoll wie ein Fluss in seinen heiß geliebten Midlands an einem lausigen Apriltag. Stakkatogesang, überbordende Licks und Riffs, die in ägyptische Bambusflöten und britische Cellis hineinflossen, eine Einheit begründeten auf der Basis des fast unmöglichen. Doch diese irre Mischung zündete, auferstanden aus den Ruinen einer großartigen Rockband. Wonderful One. Thank You.

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Und doch kein Neustart des Zeppelins. Die beiden finsteren Gesellen des Hardrocks mieden „Stairway To Heaven“ genau so konsequent wie „Rock’n’Roll“ und „Whole Lotta Love“. Ob dies aus Ehrfurcht vor der ruhmreichen Vergangenheit so geschah, bleibt ein Geheimnis. Zep-Bassist John Paul Jones mischte bei diesem Projekt auch gar nicht mit; er war einfach nicht gefragt worden! Das war 1985 beim Live-Aid-Spektakel noch anders gewesen. An jenem sonnigen 13. Juli fanden sich die drei Zepper auf der Bühne des John-F.-Kennedy-Stadions in Philadelphia zusammen, weil’s ja für einen guten Zweck war. Hochheilige Ausnahme. An den Drums saß Phil Collins. Der Genesis-Schlagzeuger und sehr erfolgreiche Sänger hatte bereits für Plant auf dessen ersten beiden Soloalben „Pictures At Eleven“ 1982 und „The Principle Of Moments“ 1983 getrommelt und war seit jeher ein glühender Fan Bonhams gewesen.

Nur an jenem 13. Juli und noch einmal am 10. Dezember 2007 – aus Anlass des Todes von Ahmed Ertegun, einem der wichtigsten Promoter in der Rockgeschichte – stieg der Zeppelin glorreich mit Page, Plant und Jones auf. Der Run auf das 2007er Memorial-Konzert in der O2-Arena in London war von nie dagewesener Heftigkeit. 20 Millionen Menschen mühten sich mit Milliarden Mausklicks im Internet um Eintrittskarten und brachten das rockende Luftschiff online zum Absturz. 20 000 durften dann schließlich dabei sein, und ja, mit Jason Bonham, dem Sohn ihres ehemaligen Bandmitglieds, spielten die Musiker auch „Stairway To Heaven“, den Song, der für viele Menschen bis heute das schönste Stück Musikgeschichte bedeutet, was es aber nicht ist.

Doch alles glühende Flehen von Millionen Fans um eine Welttournee half nicht: Die Musiker beließen es bei diesem letzten Stelldichein. Es war gut so, denn Legenden leben nur dann, wenn man sie Legenden bleiben lässt. Eine Band, die weltweit über 330 Millionen Tonträger verkauft hat, konnte weder nach fünf und schon gar nicht nach 27 Jahren unfallfrei einfach so wiederbelebt werden. Den Fehler hatte schon Queen gemacht, indem Bandleader Brian May fast 15 Jahre nach dem AIDS-Tod von Freddie Mercury der Gruppe mit Paul Rodgers 2005 einen neuen Sänger gab. Mit Verlaub: So was ist großer Quatsch. Vor allem für Plant kam dies in Bezug auf Led Zeppelin niemals in Frage. Schon 1998 zeichnete sich ab, dass sein musikalischer Weg nicht der von Page sein wird. Nach dem „Unledded“-Album spielten die beiden zwar noch „Walking Into Clarksdale“ ein, aber das Album war lasch, flach, zu gewollt und von lausiger Soundqualität.

Im Vergleich hatte Plants 1993er Soloalbum „Fate Of Nations“ – eines seiner besten – mit dem hymnischen „Greatest Gift“, dem fließenden „29 Palms“ und dem geheimnisumwobenen „Come Into My Life“ viel mehr Ausdruckskraft. Pages härterer Ansatz war nicht mehr Plants Anspruch. Er, im Herzen das ewige Lied seiner Midlands in sich tragend, liebte die Melancholie und definierte seine musikalischen Grenzen neu. Es wäre ein Trugschluss, ihn nur zum Ex-Sänger von Led Zeppelin abzustempeln. Ein Dutzend Soloalben zeugen vom Reichtum seines Könnens, nicht alle, schon gar nicht solche aus der zweiten Hälfte der achtziger Jahre, waren eine Offenbarung. Aber Plant verband verschiedene Spielarten und Einflüsse auf offener See als ewig nach neuem Land Suchender. Gewissermaßen verfolgte er jetzt die Wege, die seinem Partner Jimmy Page nach der Led-Zep-Ära abhanden gekommen waren. Spätestens nach der Jahrtausendwende vermochte sich Plant überhaupt auf keine Richtung mehr festzulegen. Für „Raising Sand“ begab er sich im Duett mit Countrysängerin Alison Kraus 2007 auf ihm fast komplett unbekanntes Terrain. Selbst Traditionals haben es dem Altrocker angetan. Und immer wieder diese tiefe, grollende Schwermut. Aus Robert Plants Kehle klingt „Satan, Your Kingdom Must Come Down“ wie ein Abgesang auf Mutter Erde.

Und Page? Knüpfte viele musikalische Kontakte, von denen die wenigsten at the top landeten. Unter anderem entstand 2000 mit den Black Crowes das Album „Live At The Creek“. Sänger Chris Robinson machte seine Sache nicht übel, aber „Celebration Day“ oder „In My Time Of Dying“ hörten sich bei ihm nur wie Rocksongs an, bei Plant aber waren sie verrockte Poesie, vielschichtig gehaucht, geflüstert, vehement herausgepresst. Eben das ist der gravierende Unterschied: Das eine zerrt an jedem, der aufmerksam zuhört, wie der Wind an weißen Segeln. Das andere ist Mittelmaß und lässt einen unerklärlich kalt. Es ist wie Musik von U2. Die Band macht ihre Sache gut, aber immer bleibt ein Vakuum gepflegter Langeweile zurück.

Wie, das mit U2 ist gemein? Wundervoll, dann nehme ich es gar nicht erst zurück und empfehle den Musikfilm „It Might Get Loud“. Darin trifft Jimmy Page auf Jack White III (The White Stripes) und U2-Gitarrist The Edge. Einer von denen sieht manchmal so hilflos aus.

Jimmy Page: Seine wilden Jahre sah man ihm schon in den Neunzigern an, als dieses Bild entstand. Am fulminanten Gitarrenspiel änderte aber auch seine Heroinsucht nichts.

Robert Plant live ist purer Rock und geht doch weit darüber hinaus, sogar bis zu melancholischen Traditionals. Fotos: ey

Darkness, Darkness,

be my pillow.

Take my head

and let me sleep.

In the coolness

of your shadow, In the silence

of your deep.



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