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Heimatforscher Uwe Kurt Stade entlarvt Hollywood-Legende als deutschtümelndes Märchen

Rintelner gründet Hollywood? Alles Fiktion!

Rinteln/Pansmithville . Es gibt Geschichten, die so gern geglaubt werden, dass sie auch ohne letzte Beweise immer wieder erzählt und weiter gegeben werden - und das besonders gern, wo es um die engere Heimat geht. So wird immer wieder die Varusschlacht nach Eisbergen verlegt oder auch von einem geheimnisvollen unterirdischen Gang zwischen der Rintelner Jakobikirche und dem Kloster Möllenbeck spekuliert, wo sich einst heimliche Treffen zwischen Mönchen und Nonnen angebahnt haben sollen.

veröffentlicht am 22.11.2008 um 00:00 Uhr

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Autor:

Ulrich Reineking

Mit großer Bereitschaft hat man daher auch immer wieder die Behauptung kolportiert, dass Hollywood von einem Rintelner (!) Bankbeamten gegründet worden sei, der einst sein Glück in Amerika gesucht hat und auch gefunden haben soll. Kürzlich stieß auch Heimatforscher Uwe Kurt Stade aus Hohenrode bei Recherchen in anderen Angelegenheiten auf diese These und war wie elektrisiert: "Wenn das stimmen würde..." Mit Akribie und Ausdauer machte sich der Gründer des lokalen Boule-Museums auf die Spurensuche und fand schließlich heraus, dass die angebliche Gründung der späteren Filmmetropole unter dem vorläufigen Namen "Pansmithville einem gewissen Adolf Pfannenschmidt zugeschrieben wurde, einem "Büroarbeiter" aus Rinteln. Doch fanden sich bei Nachforschungen in US-Archiven, beim Generalkonsulat in Hamburg und selbstüber die kostenpflichtige Auswanderer-Datenbank keine weiteren Bestätigungen dafür. Immerhin ermittelte Stade, dass es ein gewisser Dr. Friedrich Koch-Wawra war, der wiederholt als Quelle für die Behauptung erwähnt wird. "Damit war klar - die Spur mussüber diese Person weiter verfolgt werden", dachte sich der Hohenroder und forschte weiter. Anno 1923 soll dieser Mann an der Universität Münster zum Doktor der Philosophie promoviert haben - wofür es immerhin eine Bestätigung durch deren Archiv gab. Das Internet gab preis, dass dieser Mann einüberaus fleißiger Reiseschriftsteller war, nachdem er zuvor über die holländische Kolonie Guayana in Südamerika und deren politische Verhältnisse seine Dissertation verfasst hatte. Alles, was Stade sonst noch über die Vita von Koch-Wawra erfuhr, war nicht dazu angetan, dessen Reputation als Wissenschaftler zu erhöhen. So will Koch-Wawra mehrere Reisen durch Nord- und Südamerika unternommen und prähistorische Funde in Mexiko gemacht haben, die auf Verbindungen zu China und in die Mongolei deuteten. Auch unter Indianern wollte er längere Zeit verbracht haben: "Das klang schon alles ziemlich nach den Flunkereien seines Kollegen Karl May." Der Verdacht der Aufschneiderei bestätigte sich für Stade durch die Lektüre eines Pamphlets unter dem Titel "Der verkaufte Doktortitel", das sich als Rechtfertigungsversuch in eigener Sache entpuppte: Inzwischen kam auch die Bestätigung der Universität Münster, dass dem "Doktor" Koch-Wawra der Titel ein Jahr nach der Verleihungwieder aberkannt worden ist - wobei der heutige Dekan der zuständigen Fakultät sich dazu am Telefon auch 85 Jahre später nicht zu den Gründen äußern wollte: "Wegen des Datenschutzes". Jedenfalls kristallisierte sich nach den so belegten Zweifeln am Wahrheitsgehalt der wawraschen "Informationen" als wahrscheinlichste Tatsache heraus, dass dieser die Story von Pansmithville nur als literarische Fiktion entwickelt hatte, um das "verlorene Deutschtum" patriotisch zu symbolisieren. Der Fabulierer verstarb bereits 1930 bei einer Notlandung seines (?) Flugzeugs unweit von Wittenberg mit nur 34 Jahren. Das Resümee von Stade: "Alles nur das deutschtümelnde Märchen eines jungen Wichtigtuers. Wer hinterfragt eigentlich Informationen im Internet?" Fest steht jedenfalls: Hollywood ist nicht von einem Rintelner gegründet worden. Schade eigentlich... Übrigens wurde die Hollywood-Legende auch in den Schaumburg-Lippischen Heimatblättern von 1976 und im Schaumburger Heimatkalender "Weserbote" von 1988 ausführlich geschildert und verbreitet. Manchmal sind solche Fiktionen eben interessanter als die Wirklichkeit!



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