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Um voll verschleierte Bademode gibt es immer wieder Debatten – in Rinteln ist sie erlaubt

Rinteln: Bedenkenlos baden im Burkini

RINTELN. Ist ein Burkini im Schwimmbad angemessen? Während die Frage andernorts schon zu hitzigen Debatten geführt hat, ist das Thema in Rinteln noch nicht öffentlich diskutiert worden. Bürgermeister Priemer sieht kein Problem bei der vollverschleierten Bademode. Anders sieht man das allerdings in Bückeburg.

veröffentlicht am 18.07.2017 um 12:11 Uhr
aktualisiert am 18.07.2017 um 18:22 Uhr

Eine muslimische Schülerin sitzt im Ganzkörper-Badeanzug (Burkini) am Rande eines Schwimmbeckens. foto: dpa
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Jakob Gokl Stv. Chefredakteur zur Autorenseite
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Hier dürfen Frauen in allen städtischen Bädern auch im Burkini baden. Wie eine Stadt mit der Badebekleidung für Musliminnen umgeht, bleibt ihr selbst überlassen – eine einheitliche Badeordnung gibt es in Deutschland nicht. Ein Verbot in der bayerischen Gemeinde Neutraubling sorgte für Aufsehen, ebenso das Verbot in Frankreich im letzten Jahr.

Deutlich entspannter sieht man die Situation in Rinteln. Bäderbetriebe-Geschäftsführer Jürgen Peterson sagt: „Wir haben kein Verbot ausgesprochen.“ Die Badeordnung regle lediglich, dass man Schwimmkleidung tragen müsse. Und wenn ein Burkini dezidiert als Badebekleidung gedacht sei, dann ginge das auch in Ordnung. „Bisher hat es damit auch noch keine Probleme gegeben“, berichtet Peterson – wobei er sich wie auch der diensthabende Schwimmmeister nicht erinnern können, dass in diesem oder im letzten Jahr überhaupt jemand im Burkini das Wasser betreten wollte. Es habe zwar einige Fälle gegeben, wo sich Frauen vollverschleiert im Grünbereich des Bades aufgehalten hätten – diese wären dann aber nicht schwimmen gegangen. „An der Kasse sagt dann keiner: ,ihr kommt hier nicht rein‘“, meint Peterson.

Der Vorsitzende der islamischen Gemeinde in Rinteln, Orhan Alinak, betont auf Anfrage: „Ich kenne in unserer Gemeinde niemanden, der überhaupt ganzkörperverschleiert wäre.“ Wer sich mit dem Islam beschäftigt habe, wisse auch, dass dieser eine Verschleierung nicht vorschreibe. „Der Ganzkörperschleier existierte schon lange vor dem Islam.“ Er verweist auch auf die traditionelle Kleidung vieler christlicher Ordensschwestern. „Da sagt doch auch keiner ,Ganzkörperkondom‘“. Er stehe dafür, dass jeder Anziehen dürfe was er wolle. „Ich habe nichts gegen einen Minirock und auch nichts gegen einen Schleier.“

Auch Bürgermeister Thomas Priemer sieht kein Problem bei Badegästen im Burkini. „Ich stehe immer auf dem Standpunkt: Wir sind eine offene und tolerante Stadt. Wenn jemand zu uns kommt und das Freibad nutzen möchte, dann soll er oder sie das auch tun können.

Etwas kritischer sehen das die Bäderbetriebe in Bückeburg. Geschäftsführer Reiner Wilharm erklärt, dass die Frage konkret zwar noch nicht aufkam – sie aber für den Fall der Fälle bereits mit dem Personal abgesprochen sei. Man sei übereingekommen, dass eine komplette Verschleierung nicht gewünscht sei. In diesem Fall würde das Personal die Badegäste ansprechen. Als Grund führt Wilharm den „Eintrag“ ins Schwimmbecken an. „Das ist eine grundsätzliche Frage, um so größer die Klamottenfläche ist, desto mehr Verunreinigungen kommen ins Becken.“

Allerdings gebe es bei der Badebekleidung für Muslime eine große Bandbreite von Vollverschleierung bis zum Bikini. „Im Einzelfall entscheidet dann unser Badepersonal vor Ort.“ Wichtig sei auch, wie das von den Badegästen angenommen werde. Aber: Bisher sei die Frage seines Wissens theoretisch geblieben, mit Burkini wollte noch keine Besucherin baden gehen.

Möglicherweise, weil es im Hallenbad in Steinbergen Badezeit extra für muslimische Frauen gibt. Das habe die Stadt schon vor geraumer Zeit nach einer Anfrage aus der islamischen Gemeinde ermöglicht, so Priemer. Die Badeaufsicht werde dann von einer weiblichen Mitarbeiterin der Stadt übernommen.

Alinak betont, dass das auf Initiative der Frauensparte seiner Gemeinde zurückgehe. „Nicht die Männer schreiben ihren Frauen das vor, sondern die Frauen organisieren sich das selbstständig, wenn sie den Wunsch verspüren, unter sich zu sein“, so der Vorsitzende der Gemeinde.

Auch das Sonnenbrinkbad in Obernkirchen steht dem Burkini offen gegenüber, wie Vorstandsvorsitzender Wolfgang Hein auf Anfrage erklärt. „Ich wüsste zwar nicht, dass wir Gäste im Burkini haben, aber ich würde kein Verbot erteilen.“ Schon alleine deswegen nicht, da man selber zwei muslimische Badeaufsichten habe – die seien aber nicht verschleiert.

Im Freibad Rolfshagen sieht man es ähnlich entspannt. Vor ein oder zwei Jahren, so erinnert sich Freibad-Chefin Andrea Jagata, habe es auch eine Frau im Burkini ins Bad verschlagen. „Das ist für uns überhaupt kein Problem“, betont sie.

Migrationsforscher Özkan Ezli, der sich in einem kulturwissenschaftlichen Gutachten mit der Frage auseinandergesetzt hat, empfiehlt, dass Frauen Burkini in deutschen Bädern tragen dürfen. Die Bademode sei nicht Zeichen von Abgrenzung – sondern ermögliche Musliminnen soziale Teilhabe.

Mein Standpunkt
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Von Jakob Gokl

Auch wenn ich kein Freund des Burkini bin – mit einem Verbot nimmt man diesen Frauen die Möglichkeit der sozialen Teilhabe. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich eine Burka-Trägerin wegen des Verbots plötzlich einen Bikini anzieht. Sie werden auf das Schwimmen verzichten. Und wo besser als im Freibad kann man Anschluss an die Gesellschaft finden?

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