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Vorsitzender des Schöffengerichts: Schwerste Entscheidung seiner Amtszeit

"Riesensauerei": Sexuelle Nötigung nicht nachweisbar - Freispruch

Stadthagen (men). In Feierlaune hat ein 52-jähriger Stadthäger nach dem Freispruch seinem Verteidiger auf die Schulter geklopft und das Urteil als sein "schönstes Geburtstagsgeschenk" gepriesen. Andere Verfahrensbeteiligte ließ das Ende des strittigen Verfahrens mit dem Hauptvorwurf der sexuellen Nötigung eher in Katerstimmung zurück.

veröffentlicht am 15.11.2007 um 00:00 Uhr

Der Vorsitzende des Schöffengerichts, Kai-Oliver Stumpe, sprach in der Urteilsbegründung von der "schwersten Entscheidung" in seiner bisherigen Amtszeit in Stadthagen. Offen kritisierte der Richter das Verhalten des Angeklagten als "Riesensauerei" und befand, was der Mann getan habe, "das ist schamlos". Gleichzeitig musste Stumpe resümieren: "Das ist kein Straftatbestand." In der Verhandlung hatte lediglich festgestellt werden können, dass der 52-Jährige zwei minderjährigen Mädchen Geld für sexuelle Dienstleistungen angeboten hatte. Der Vorwurf aus der Anklageschrift, dass er eine damals 17-Jährige mit Gewalt zu sexuellen Handlungen an sich gezwungen hat, war nicht zweifelsfrei nachzuweisen. Die bizarren Gesamtumstände des Falls konnten nicht geklärt werden. Der Stadthäger hatte die beiden Freundinnen auf der Straße angesprochen und vorgeblich zum Putzen engagiert. Dass er ganz andere Hintergedanken hegte, daraus machte der Mann vor Gericht gar keinen Hehl. Ihm ging es um den "Augenschmaus" und mehr. Nachdem man miteinander bekannt geworden war, lockte der Stadthäger mit mehr Geld für Nacktputzen und bot noch mehr Geld für sexuelle Handlungen. Mit einer Jugendlichen war der Mann auch im Bett gelandet, über die Umstände wurde jetzt vor Gericht gestritten. Die 17-Jährige habe sich freiwillig eingelassen, war die Version des 52-Jährigen, von Zwang berichteten dagegen das Mädchen und deren Freundin. Den größten Schreck hat das Mädchen im Nachhinein vor Gericht erlebt, als das Schlimmste überstanden zu sein schien. Mit aufgerissenen Augen, die geballte Faust vor den offen Mund gepresst, hörte die 18-Jährige das Vorstraferegister; hörte, dass der Stadthäger wegen Sexualstraftaten dreimal vorbestraft ist und jahrelang im Knast gesessen hat. Die junge Frau rannte weinend aus dem Saal, als der Vorsitzende Richter aus dem letzten Urteil zitierte, was das zuständige Landgericht als Sachverhalt festgestellt hatte. "Reiner Indizienprozess", sein Mandant bestreite die Tat bis heute, versuchte der Verteidiger Schadensbegrenzung zu betreiben. Rechtsanwalt Dietmar Weyland als Nebenklägervertreter des Mädchens warnte, man dürfe "nicht davon ausgehen, wie wir gehandelt hätten". Er mutmaßte der Angeklagte sei intellektuell überlegen gewesen und habe ausgenutzt, dass er es "mit Kindern zu tun hatte". Der Rechtsanwalt schloss sich der Staatsanwältin an, die zwei Jahre und drei Monate Haft gefordet hatte. Arge Zweifel hatte der Verteidiger an der Glaubhaftigkeit des Mädchens. Er forderte, Widersprüche in den Aussagen und Erinnerungslücken dürfe man "nicht einfach an die Seite kippen". Rechtsanwalt Peter Apel bilanzierte, es gebe keine "lupenreine Beweislage" gegen seinen Mandanten. "Hirnrissig" sei der und habe "nicht alle Tassen im Schrank", aber das sei nicht strafbar. Die Richter folgten dem Antrag auf Freispruch. Der Vorsitzende wollte das Urteil aber ausdrücklich nicht als Abwertung des Opfers verstanden wissen. Der Freispruch erfolge allein nach dem Grundsatz "im Zweifel für den Angeklagten", unterstrich der Richter. Die Staatsanwaltschaft hat Berufung gegen das Urteil eingelegt.



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