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Vor Gericht: Kein Jugendknast für einen Serienbetrüger, 14 Monate werden zur Bewährung ausgesetzt

Reparaturversuch an kaputtem Lebenslauf

Bückeburg (ly). Im Wahlkampf werden gern härtere Sanktionen für jugendliche und heranwachsende Straftäter gefordert. Klingt gut, hat mit der Praxis aber häufig nicht viel zu tun. Natürlich hätte Dr. Dirk von Behren, Jugendrichter in Bückeburg, einen Serientäter aus Rinteln, der 40 Betrügereien begangen hat, für längere Zeit wegsperren können.

veröffentlicht am 12.02.2008 um 00:00 Uhr

Doch von Behren und seine Schöffen haben sich für den Versuch entschieden, den jungen Mann nach Jugendrecht durch eine 14-monatige Bewährungsstrafe mit strengen Auflagen wieder auf einen gesetzestreuen Weg zu führen. Für seine schlimme Kindheit kann der Angeklagte nämlich nichts. Und hinter Gittern können aus Kleinkriminellen leicht Verbrecher werden. Nun bekommt der heute 23-Jährige einen Bewährungshelfer, muss 150 Stunden gemeinnützig arbeiten und sich einer stationären Alkoholtherapie unterziehen. Zumeist als Heranwachsender hatte der vorbestrafte Hartz-IV-Empfänger zwei Jahre lang eingekauft und per Lastschrift bezahlt. Weil sein Konto nicht gedeckt war, musste jeweils zurückgebucht werden. "Mein Geld hatte ich versoffen", erklärte er. Schaden: unterm Strich rund 5200 Euro. Wiederholt war der gewerbsmäßige Betrüger in Bückeburger und Rintelner Kaufhäusern sowie anderen Geschäften aufgetaucht. Allein Anfang Januar 2005 beging er in wenigen Tagen etwa 20 Taten, einmal fünf an einem Tag. "Ein einkaufsmäßiger Amoklauf", so der Leitende Oberstaatsanwalt Thomas Pfleiderer. Eher kritisch beleuchtete Pfleiderer in seinem Plädoyer aktuelle politische Forderungen nach härteren Strafen, um dann auf den Einzelfall einzugehen: "Hier sitzt jemand mit einer verkorksten Biographie, für die er nichts kann." Im Detail: Der Angeklagte kommt aus einer offenbar kaputten Familie. Er hat weder Schulabschluss noch Berufsausbildung, dafür ein Alkoholproblem. Seine Mutter soll als Prostituierte Freier in der eigenen Wohnung empfangen haben. Und deren Freund hat den Jungen, der zeitweise obdachlos war, angeblich mit dem Tode bedroht. "Wir sollten nicht hart strafen, sondern konsequent und angemessen", erklärte Pfleiderer. "Und wir sollten etwas gerade biegen." Ob der junge Rintelner mitspielt, muss sich zeigen. Er will jedenfalls "arbeiten, Schulden zurückzahlen und ein vernünftiges Leben führen mit allem, was dazu gehört". Für den 23-Jährigen sprachen trotz "schädlicher Neigungen" die Bereitschaft zur Therapie, eine Untersuchungshaft, die ihn beeindruckt hat, sowie die Tatsache, dass er mit seiner Frau wieder zusammen ist. Betreten hatte der Angeklagte den Gerichtssaal als Untersuchungshäftling in Handschellen. Verlassen konnte er ihn als freier Mann. "Bei einem Erwachsenen wären mindestens drei Jahre rausgekommen", gab Richter von Behren dem Rintelner zur Warnung mit auf den Weg. "Ohne Bewährung, versteht sich."



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