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Warum die Schiffsbranche und ihr Hamelner Zulieferer anders ticken als andere Industriezweige

Reintjes spürt die Weltkrise zeitversetzt

Hameln (dpa/rtr/TT). Der Hamelner Schiffsgetriebehersteller Reintjes bekommt die krisenbedingte Auftragsflaute in der maritimen Industrie zu spüren. 2009 werde der Umsatz um rund fünf Prozent zurückgehen, berichtete der Geschäftsführer der Reintjes GmbH, Christian Schliephack, in Hamburg. Noch schlimmer: Sorgt die Krise für einen anhaltenden Auftragsschwund, wird der bestehende Auftragsbestand Anfang 2011 abgearbeitet sein. Kommen nicht genügend neue Aufträge herein, wird sich die Krise zeitverzögert bis Ende 2011 bemerkbar machen.

veröffentlicht am 08.07.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Nach einer kräftigen Wachstumsperiode in den drei Vorjahren sei ursprünglich bei Reintjes ein Zuwachs von 25 Prozent eingeplant worden, doch Auftragsstornierungen im zweistelligen Millionenbereich machten die Pläne zunichte. Die Stornierungen sind eine Folge der weltweiten Wirtschaftskrise – global sind schlicht und einfach weniger Güter zu transportieren, die Reeder haben deutlich weniger zu tun und lassen geplante neue Schiffe nun doch nicht auflegen, was für den Zulieferer Reintjes bedeutet: Keine neuen Getriebe. Von 220 Millionen Euro Auftragsbestand im Jahr 2008 sind aktuell noch 120 Millionen Euro abzuarbeiten. Der Umsatz werde 2009 auf rund 107 Millionen Euro zurückfallen, prognostizierte Schliephack für das Hamelner Unternehmen. „Im Jahr 2010 werden wir noch gut über die Runden kommen“, kündigte der Firmenchef an. Danach dürfte nach seiner Einschätzung der aktuelle Auftragsbestand aufgezehrt sein. „Aber“, so Schliephack, „wir laufen ja beim Auftragseingang nicht gegen Null. Und wir haben acht gute Jahre hinter uns. Wir können nun auch eine Krise überstehen.“

Zeitarbeitsverträge werden nicht verlängert

Allerdings mit Veränderungen auch in der Reintjes-Belegschaft: Von 70 Zeitarbeitsstellen wird bis 2012 keine übrig bleiben. 370 Mitarbeiter sind fest bei Reintjes beschäftigt. Unter anderem durch den Abbau von Überstunden und weniger Zusatzschichten soll die übrige Belegschaft gehalten werden. Schliephack erläuterte diese Entwicklungen bei der Jahresbilanz des VDMA Schiffbau- und Offshore-Zulieferindustrie in Hamburg.

Wegen des Einbruchs des Welthandels stehen Schiffbauer und ihre Zulieferer vor schwierigen Zeiten. „Wir haben 2010 und wohl auch 2011 eine harte Durststrecke vor uns“, sagte der Chef vom Branchenverband, Alexander Nürnberg. „Wir hatten eine Konsolidierung der bis Mitte 2008 stark überhitzten Schiffbaumärkte erwartet. Niemand aber konnte die tatsächliche Wucht vorhersehen, mit der Auftragsrückgänge, Projektstornierungen und Insolvenzen wichtiger Kunden einschlugen.“ 2008 waren die Auftragseingänge bereits um 17,7 Prozent eingebrochen. Der weltweite Auftragsbestand an Schiffen war 2008 auf den Rekordwert von 11 341 Schiffen gestiegen, bis März dieses Jahres aber bereits auf 11 056 Schiffe gesunken und ist seitdem weiter rückläufig. Entsprechend sinkt die Nachfrage nach Zulieferteilen. Reintjes-Chef Schliephack erklärt den für die Schiffsbranche üblichen Zeittakt: „Unsere Branche tickt anders, bei Investitionsgütern geht es langfristiger zu. Derzeit liegen Hunderte Schiffe ohne Fracht in den Häfen. Zugleich laufen dem Markt noch Hunderte neue Schiffe zu, für die es keine Arbeit gibt. Erst wenn die Krise vorbei ist und die Frachtraten weltweit so deutlich steigen, dass Frachtraum knapp wird, dann bekommen die Reeder wieder Lust, Schiffe zu bestellen. Und dann dauert es noch rund zwölf Monate, bis wir als Getriebezulieferer etwas davon spüren.“

Einer VDMA-Umfrage zufolge will gut die Hälfte der deutschen Unternehmen der Branche Stellen streichen. Im vergangenen Jahr hatte die Branche mit ihren 72 000 Beschäftigten noch die letzten Monate der Boomphase erlebt. Der Umsatz der deutschen Schiffbau- und Offshore-Zulieferer stieg um 8,4 Prozent auf 12,9 Milliarden Euro, wobei drei Viertel der Produkte in den Export gingen, besonders an die führenden Schiffbau-Nationen Korea und China.

Maschinenbau jammert, Industrie vermeldet Plus

Momentan sind die allgemeinen Meldungen zum Thema Konjunktur und Wirtschaftsaussichten recht unterschiedlich. Während die Schiffswirtschaft klagt, und zum Beispiel der Maschinenbau im Mai nochmals über ein katastrophales Auftragsminus von fast 50 Prozent berichtete, zeigte sich am Dienstag die Industrie in einem etwas positiveren Licht: Die deutschen Industrieunternehmen haben im Mai den dritten Monat in Folge wieder mehr Aufträge erhalten. Die Auftragseingänge stiegen im Vergleich zum April unter dem Strich um 4,4 Prozent, wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilte. Der Anteil von Großaufträgen war überdurchschnittlich. Die Orders stiegen aus dem Ausland um 5,2 Prozent an, aus dem Inland um 3,9 Prozent. Besonders stark wuchs die Zahl der Bestellungen aus dem nicht-europäischen Ausland. Auch der Zwei-Monats-Vergleich zeigt eine deutliche Belebung des Geschäfts: Die Zahl der Aufträge im April und Mai lagen preis- und saisonbereinigt 4,2 Prozent über dem Auftragseingang im Februar und März. Ein deutliches Minus zeigt sich weiterhin im Vorjahresvergleich. Die Zahl der Aufträge im April und Mai 2009 lag 33,5 Prozent unter der des Vorjahreszeitraums.



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