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Schriftführer der Wählergemeinschaft führte bis 1999 die rechte "Kameradschaft Tostedt" / "Bin froh, dass es vorbei ist"

Rechtsextreme Vergangenheit holt WGR-Kandidaten ein

Landkreis/Rodenberg. Nachüber sechs Jahren holt einen Kandidaten der Wählergemeinschaft Rodenberg (WGR) seine rechtsextreme Vergangenheit ein: Sacha Bothe, Schriftführer der WGR und Kandidat für den Rodenberger Gemeinde- und Samtgemeinderat, war bis 1999 aktives und führendes Mitglied der Hamburger Skinhead-Szene. Seitdem hat Bothe nach eigenen Angaben keinerlei Kontakt mehr zum rechten Spektrum. Das Antifaschistische Aktionsbündnis Deister (AAD) fordert die Wählergemeinschaft auf, sich von rechtem Gedankengut deutlich zu distanzieren und Bothe sofort auszuschließen.

veröffentlicht am 30.08.2006 um 00:00 Uhr

Sacha Bothe, wie er sich heute nicht mehr sehen will: in den 90e

Autor:

Frank Werner

In einer unserer Zeitung vorliegenden Erklärung des Aktionsbündnisses wird Bothe als früherer Anführer der "militanten Kameradschaft Tostedt" sowie der "Blood and Honour Sektion Nordmark" geoutet. Das international agierende "Blood and Honour"-Netzwerk wurde im Jahr 2000 vom früheren Innenminister Otto Schily verboten. Bothe soll in dieser Funktion unter anderem ein Konzert zu "Ehren des 70. Todestages" von Horst Wessel organisiert haben, auch an rechten Aufmärschen war er beteiligt. Ein altes Foto zeigt ihn mit einem tätowierten Hakenkreuz am Arm. "Es ist unfassbar, wie so ein geistiger Brandstifter möglicherweise in einem Rat dabeisitzt", empört sich AAD-Sprecherin Kerstin Schmidt. Zusätzlich zum Ausschluss müssten die WGR und andere Wählergemeinschaften darüber nachdenken, wie sie künftig gegen Rechtsextreme in den eigenen Reihen vorgehen. "Eine Satzungsänderung mit unverkennbarer Position gegen Rechts wäre ein Anfang." Auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt Bothe unumwunden seine rechtsextreme Vergangenheit, bezeichnet sich selbst als einen der damaligen "Rädelsführer" in der Hamburger Skinhead-Szene. Richtig sei auch, dass er noch früher eine mehrmonatige Haftstrafe wegen Körperverletzung abgesessen habe. Allerdings sei die Straftat nicht aus politischen Motiven erfolgt, wie das Aktionsbündnis behauptet. Aktiv sei er in der rechten Szene vor allem in den Jahren 1998 und 1999 gewesen, bevor er Ende 1999 Tostedt verlassen habe. Bothe, heute 36 Jahre, betont, dass dies seine Vergangenheit sei: "Ich bin dort weggegangen, weil ich eine Tochter bekommen hatte und mit denen nichts mehr zu tun haben wollte." Seine Grundeinstellung habe sich gewandelt: "Zu 98 Prozent" habe er die Gedanken aus früherer Zeit abgelegt. Inzwischen sei er als selbstständiger Handwerker im bürgerlichen Leben angekommen, sei Mitglied der Feuerwehr, des Fußballclubs und habe eine Familie. "Und einen kurdischen Mitarbeiter." Politisch engagiere er sich in der WGR in ganz anderen Bereichen: "Ich kümmere mich um Zebrastreifen vor Kindergärten." Bothe vermittelt relativ glaubwürdig: Er hat vor sechs Jahren ein neues Leben angefangen. Als norddeutsche Neonazis am 29. Juli in Bad Nenndorf aufmarschierten, darunter auch alte Bekannte Bothes, habe er sich nicht mal unter die Zuschauer gemischt: "Ich bin froh, dass es vorbei ist, ich will damit nichts mehr zu tun haben." Man müsse ihm zugestehen, dass sich Meinungen ändern können. Der Ex-Skinhead hat Angst, jetzt zur Zielscheibe von Antifa-Sympathisanten zu werden. Seine braune Vergangenheit hat er bis jetzt verschwiegen. "Wenn jemand konkret danach gefragt hätte, hätte ich es erzählt, aber es hat niemand gefragt." Auch WGR-Vorsitzender Ralf Sassmann wusste nach eigenem Bekunden nichts über den rechten Hintergrund seines Schriftführers: "Ich kenne Herrn Bothe seit vier Jahren, und ich kann nichts Nachteiliges über ihn sagen." Sassmann, der gestern mit Bothe gesprochen hat, zeigt sich geschocktüber die Nachricht: "Das ist ein Schlag ins Kontor." Der Vorsitzende befürchtet nun eine öffentliche "Demontage" der Wählergemeinschaft. Er gehe davon aus, dass Bothe seine Kandidaturen zurückziehe und sein Vorstandsamt niederlege. Er wolle zuvor aber selbst noch einmal mit Bothe sprechen.

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