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Späte Reue beim Auszug aus Hameln: OB bietet Pfeifer Geld

Rattenfängers Flötentöne verführen über 1000 Kinder

Hameln. Die lockenden Flötentöne, die das Signal zum Aufbruch geben, kommen diesmal nicht vom heimischen Rattenfänger, sondern von einem Briten: Kein Geringerer als der „Rattenfänger der Rockmusik“, Ian Anderson, steht Hamelns Pfeifer Michael Boyer zur Seite und verabschiedet auf der Hochzeitshaus-Terrasse deutsche und britische Kinder, die einen langen Marsch antreten. Der Frontman der legendären Rockband Jethro Tull ist Schirmherr für den weltgrößten Kinderauszug im 725. Jubiläumsjahr des Rattenfängers.

veröffentlicht am 26.06.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 23.10.2009 um 14:17 Uhr

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Späte Reue: Hamelns OB Susanne Lippmann bietet dem Rattenfänger als Wiedergutmachung Geld

an. Doch der

lehnt ab.

Zum zweiten Mal in der Geschichte Hamelns werden Kinder vom Pfeifer entführt: Beim weltgrößten Auszug folgen über 1000 Kids Rattenfänger Michael Boyer – für den guten Zweck. Sie sammeln bei einem Sponsorenlauf nach Coppenbrügge Kilometergeld für bedürftige Kinder.

4 Bilder
Stopp! Ortsbürgermeisterin Waltraud Mehring versucht in Afferde die Entführung der Kinder durch den Rattenfänger zu verhindern. Eine von etlichen Stationen, wo unterwegs Action angesagt war.

Fotos: Dana

Waren es einst 130 Kinder, die vom Rattenfänger entführt wurden und der Sage nach bei Coppenbrügge in einem Berg verschwanden, so sind es diesmal über 1000, die dem Pfeifer folgen – für einen guten Zweck. Kinder helfen Kindern mit ihrem Auszug auf historischen Pfaden über 15 Kilometer von Hameln nach Coppenbrügge. Und der Rattenfänger bringt sie diesmal auch wieder zurück: „Es ist eine Wiedergutmachung“, freut sich Michael Boyer: „Ich bin jetzt wieder der Gute.“ Sein böses Alter Ego, Sohn Brian, ist als dämonischer Verführer im mystischen Jubiläumsjahr zwar auch dabei – den großen Auftritt aber hat bei diesem Sponsorenlauf der bunte, fröhliche Pfeifer.

Und der lässt sich 725 Jahre nach dem Betrug an ihm nicht mehr um den Finger wickeln. Die Münzen, die ihm Oberbürgermeisterin Susanne Lippmann in später Reue hinstreckt, lehnt der Rattenfänger ab. „Heute ist ein stolzer Tag für Hameln, auch wenn wir in der Sage gar nicht gut wegkommen“, stellt die OB fest und gesteht: „Mein Vor-Vor-Vor-Vor-Vorgänger war schuld an der ganzen Sache, deshalb habe ich etwas Geld mitgebracht.“ Geld, das der Pfeifer nicht will: „Man kann die Geschichte nicht mehr ändern, aber Sie können spenden – für Interhelp.“

Als Rattenkiller taugt Ian Anderson nicht

Diese Hamelner Hilfsorganisation hatte nämlich die Idee zu der neuerlichen Entführung durch den Rattenfänger, bei der Kinder mithilfe von Sponsoren Kilometergeld für bedürftige Kinder erlaufen. Die HMT zog mit und sicherte für den Auszug Ian Anderson als Schirmherr, der eigens seine Deutschland-Tournee um dieses historische Datum gruppierte. „Schon immer sind Leute mit der Flöte verführt worden“, meint der Rockstar. Da sei Hameln nicht einmalig. Aber, so Anderson: „Der bekannteste Verführer mit der Flöte ist der Rattenfänger.“ Andersons wichtigste Erkenntnis aus der Sage: „Man sieht hier, was passiert, wenn man einen Musiker nicht bezahlt.“ Er selbst wird wohl kaum um seinen Lohn bangen müssen, wenn er nun schon zum fünften Mal in der Rattenfänger-Halle ein Konzert gibt. Als Rattenkiller taugt er ohnehin nicht: „Bei mir kommen die Ratten nicht aus ihren Löchern hervor, wenn ich spiele“, gesteht der Brite, der auf einer Farm zuhause ist: „Den Job erledigen dort meine fünf Katzen.“ Die lieben seine Flötentöne.

Und nicht nur die: Als Anderson zur Querflöte greift, scharen sich Fotografen, Radio- und TV-Teams um die Rocklegende. Auch den Kindern, die geduldig auf dem Pferdemarkt warten und Regengüssen trotzen müssen, gefällt sein Spiel. Aaron Adamson (8) ist einer von rund 100 kleinen Briten der Hamelner Weser-School, die bis Afferde mitmarschieren. Warum? „To raise money“, erklärt der Junge kurz und bündig: Um Geld für den guten Zweck zu sammeln. Und auch die 11-jährige Katrin Zunke aus Detmold fiebert schon dem Abmarsch entgegen: „Mir gefällt die Sage“, sagt die Kleine, die als Ratte verkleidet antritt. Das Kostüm hat sie schon am Tag der Niedersachsen getragen: „Da habe ich in dem Rattenfänger-Ballett mitgewirkt“, erzählt sie.

Katrin ist nicht die einzige Ratte an diesem Morgen: Unübersehbar schweben vier kleinere und ein ganz fetter Nager in der Luft. Der Drachenclub „Die Sturmbremsen“ hat sie eigens für den Auszug der Kinder gebastelt. So wie Klaus Petzold extra für das Großereignis gereimt hat. Marktkirchenpastor Thomas Risel trägt ein paar Strophen des Gedichts vor und verrät dann, was man in Hameln tun kann, damit die Kinder wiederkommen: „Schulen und Kindergärten fördern, so große Feste feiern wie am Tag der Niedersachsen, Hameln lebenswerter machen und nicht so geizig sein wie damals.“

Dann endlich! Es geht los. Der lange Zug setzt sich in Bewegung, folgt dem Rattenfänger und seinem Flötenspiel. Doch, halt – da mischen ja auch Dudelsäcke mit: „Die waren damals im ganzen Kulturraum verbreitet“, sagt Jürgen Leo von der Gruppe Schallmeyer aus dem Auetal und rüttelt gewaltig am Image des Pfeifers, als er feststellt: „Der Rattenfänger könnte auch Dudelsack gespielt haben.“ Die Kinder im Zug kümmert’s nicht – sie folgen dem Pfeifer heute für den guten Zweck, egal, ob der trötet oder dudelt...



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