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Wie sich die Tiere umeinander kümmern

Ratten: Nager mit sozialer Ader

Sie ist Hamelns Maskottchen. Dennoch steht es um den Ruf der Ratte schlecht: Ekeltier, Krankheitsüberträger, gar Pestbringer. Doch der Nager lässt sich auch von einer anderen Seite betrachten. Denn die neugierigen Tiere zeigen ein ausgeprägtes Sozialverhalten mit einigen Besonderheiten. In unserer Serie „Einfach tierisch“ geht es heute um die Ratte.

veröffentlicht am 28.05.2018 um 10:06 Uhr
aktualisiert am 28.05.2018 um 10:50 Uhr

Kanalratte? Wasserratte? Wegen ihrer bevorzugten feuchten Wohnorte wird die Wanderratte immer wieder so tituliert. Foto: dpa

Autor:

Sophie Aigelsreiter
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HAMELN. Ihr soziales Verhalten rettet die Ratte zwar nicht vor dem Misstrauen des Menschen, wohl aber vor dem Gift, das dieser für sie auslegt. Die cleveren Nager kommunizieren eifrig untereinander, bevor eine neue Nahrungsquelle für die ganze Gruppe freigegeben wird. Denn Unvorsichtigkeit könnte eine ganze Gruppe – im Falle von Rattengift – das Leben kosten. Zimperlich sind sie dabei jedoch keineswegs: Nicht selten senden sie ein rangniederes Tier als Vorkoster aus. Sollte das Tier dann bald nach dem Fressen sterben, verknüpfen die anderen Ratten automatisch den Tod mit der Nahrung. Diese wird dann gemieden. Doch damit nicht genug: Das eventuelle Gift wird zusätzlich mit Kot markiert, sodass auch unerfahrene Jungtiere nicht von dem Futter fressen. Schnell wirkendes Gift oder gar Fallen sind gegen Ratten deshalb kaum wirksam. Zudem beweisen Ratten in diesen Fällen ihre Intelligenz in der Gruppe: Gelerntes wird unter Ratten weitergegeben, berichten etwas Experten des BUND.

Im Hamelner Museum beschäftigt sich noch bis zum 26. August eine Sonderausstellung mit den für die Rattenfängerstadt so wichtigen Nagern. Die Rudelstruktur beschreibt Wibke Reimer, wissenschaftliche Volontärin im Museum, als „nicht statisch, denn die Rangordnung wird durch Kämpfe immer wieder austariert“.

Reimer weist auf eine Studie hin, welche die hilfsbereite Ader der Ratten im Einzelnen zeigt. Dem Menschen nicht ganz unähnlich erwartet jede Ratte aber auch eine Gegenleistung. Im Experiment gibt man den Tieren die Möglichkeit, einer bekannten Ratte den Zugang zu Futter zu ermöglichen. Dafür müssen sie an einem Stab ziehen. Resultat: Ratten, die bereits einmal Hilfe erhielten, neigten deutlich öfter dazu, einem Artgenossen Futter zu beschaffen.

Selten zu sehen, immer da. Ratten Leben mit uns in den Städten. Foto: dpa
  • Selten zu sehen, immer da. Ratten Leben mit uns in den Städten. Foto: dpa
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Um sich verständigen zu können, besitzen die Tiere eine ausgeprägte Körpersprache. Aus Sicht des Menschen ist diese aber nicht immer eindeutig: So können manche Verhaltensweisen auf Wohlbefinden wie auch auf Schmerzen hinweisen. Unmissverständlich ist da das Sträuben des Fells, um das Revier zu verteidigen. Die Ratte wirkt so größer und einschüchternder auf den möglichen Feind. „Aber sie kommunizieren auch durch Töne, die teilweise außerhalb des hörbaren Bereichs für Menschen liegen“, klärt Wibke Reimer auf. Ratten besitzen einen deutlich größeren Frequenzbereich, als der Mensch.

Auch für uns hingegen deutlich wahrnehmbar: der strenge Geruch der Tiere. Nicht nur ihr Revier markieren Ratten mit Urin, sondern auch die Artgenossen. Durch den spezifischen Rudelgeruch erkennen sich die Tiere stets untereinander. Über Pheromone erfassen sie dabei sogar das Alter des Tieres und, ob es vielleicht krank ist. In der Natur leben Wanderratten in Gruppen von 50 bis 60 Tieren zusammen.

Wanderratten werden nicht selten auch als Kanalratten bezeichnet. Sie sind nun mal typische Bewohner der Kanalisation und oft in der Nähe von Flüssen – wie der Weser – anzutreffen. Trotz dieses keimreichen Wohnorts der Wanderratte: Für die Verbreitung der Pest war sie nicht verantwortlich – Verwandte jedoch schon. „Das Vorhandensein der Wanderratte in Europa ist erst seit dem 18. Jahrhundert belegt.“, schreibt der BUND. Die Hausratte, die sich einige Zeit früher in unsere Städte schmuggelte, wird es aber wohl – über die Flöhe in ihrem Fell – gewesen sein. Diese deutlich kleinere Rattenart trieb sich damals gern auf Schiffen herum und wurde so verbreitet. Heutzutage gilt sie in Deutschland als fast ausgestorben. „Seit der industriellen Revolution wurde ihr peu á peu der Lebensraum durch den Menschen entzogen“, bestätigt Wibke Reimer. Die Haus- oder Dachratte, wie sie auch genannt wird, zog Speicherböden als Lebensraum vor. Auch der Rattenfänger von Hameln dürfte es 1284 also mit mancherlei Nagern, nicht aber mit der heutigen Wanderrate zu gehabt haben.

Laut BUND zeigen junge Ratten ein ausgeprägtes Spielverhalten, was für Kleinsäuger, zu denen zum Beispiel auch die Kaninchen gehören, äußerst ungewöhnlich ist. Zudem betont Wibke Reimer: „Auch Ratten haben verschiedene Charaktereigenschaften.“ Von Geburt an ist jedoch klar: Ratten sind sozial und gruppenorientiert.



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