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Zwischen Zwangssterilisation und Kindereuthanasie: Von der Verhütung „lebensunwerten Lebens“ per Gesetz

„Rassenhygiene“ im Schaumburger Land

Albert Friehe, seit 1935 Bückeburger Bürgermeister, formulierte in seiner Schrift „Was muß der Nationalsozialist von der Vererbung wissen? (1939) seine Vorstellungen zum Umgang mit Behinderten: „Wir wollen die Belasteten, die unschuldig sind an ihrem Leid, auch nicht im Straßengraben zugrunde gehen lassen. Sie sollen und müssen asyliert werden. Aber diese Fürsorgetätigkeit soll nicht länger ein Selbstzweck sein, sondern ein zielbewußtes Mittel zur Reinigung und Gesundung der eigenen Art. Darum haben selbst die Erbkranken der Gemeinschaft, die sie nicht zugrunde gehen lässt, noch einen Gegendienst zu leisten: Sie haben unter allen Umständen das Volk mit minderwertiger Nachkommenschaft zu verschonen, und wo ihnen die notwendige Einsicht dazu fehlt, haben sie sich bedingungslos dem Zwang zu fügen.“

veröffentlicht am 17.04.2009 um 23:00 Uhr

Abbildung aus dem „Stader Jahrbuch“.

Autor:

Stefan Brüdermann

Die Voraussetzungen dafür hatten die Nationalsozialisten schon wenige Monate nach ihrer Machtübernahme geschaffen: Das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses vom 14.7.1933 legte folgendes fest: „Wer erbkrank ist, kann durch chirurgischen Eingriff unfruchtbar gemacht (sterilisiert) werden, wenn mit großer Wahrscheinlichkeit zu erwarten ist, dass seine Nachkommen an schweren körperlichen oder geistigen Erbschäden leiden werden.“ Unter den Begriff „erbkrank“ fielen angeborener Schwachsinn, Schizophrenie, manisch-depressives Irresein, erbliche Fallsucht (Epilepsie), erbliche Blindheit, Taubheit und schwere erbliche körperliche Missbildung.

Eugenische Überlegungen wurden in Deutschland erstmals in den 1860er Jahren von dem Zoologen Ernst Haeckel auf der Basis der Theorien Darwins formuliert. In seiner „natürlichen Schöpfungsgeschichte“ (1868) führte er den Begriff der künstlichen Züchtung ein. Demnach führte die moderne Therapeutik zu einer Zunahme von Erbkrankheiten, weil sich die Überlebenschancen der Kranken verbesserten. Haeckel verzichtete noch darauf, ein gegensteuerndes Selektionsverfahren ausdrücklich zu verlangen, da er der natürlichen Auslese vertraute. Der um 1900 zunehmende Kulturpessimismus, die Zivilisationskritik und die nach 1918 verbreitete Vorstellung, der Erste Weltkrieg habe die Besten getötet, spielte dann für die Weiterentwicklung der Eugenik und des deutschen Konzepts der „Rassenhygiene“ eine wichtige Rolle. Nun sollte der Staat aktiv eingreifen.

Ohne Einwilligung der Betroffenen

Es gab Sterilisationen von Behinderten schon vor 1933 und es gab sie nicht nur in Deutschland, aber die neuen NS-Gesetze verzichteten völlig auf das Prinzip der Einwilligung der Betroffenen. Antragsberechtigt war nach dem „Erbgesundheitsgesetz“ neben dem Betroffenen und seinem gesetzlichen Vertreter der „beamtete Arzt“ oder für Insassen einer Heil- oder Strafanstalt der Anstaltsleiter. Der Antrag wurde beim Erbgesundheitsgericht gestellt und mit einem ärztlichen Zeugnis glaubhaft gemacht. „Hat das Gericht die Unfruchtbarmachung endgültig beschlossen, so ist sie auch gegen den Willen des Unfruchtbarzumachenden auszuführen.“

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Seite 51 aus der Veröffentlichung „Von der Vererbung“.

Dem Amtsgericht Bückeburg war ein Erbgesundheitsgericht für Schaumburg-Lippe angegliedert, Fälle aus der Grafschaft Schaumburg wurden in Hameln oder Hannover verhandelt. Die NS-Propaganda widmete sich intensiv dem Thema der „Rassenhygiene“, im März 1936 wurde z. B. in Bückeburg mit viel Werbung die Ausstellung „Erbgut und Rasse im deutschen Volk“ eröffnet. Die Schaumburg-Lippische Landes-Zeitung behauptete am 14.6.1935: „Zahlreiche Berichte von Sterilisierten, die heute bereits vorliegen, zeugen davon, wie wohl sie sich nach dem Eingriff gefühlt haben.“

Das Unbehagen in der Bevölkerung scheint aber von Beginn an groß gewesen zu sein. Der Bückeburger Landrat Gebbers berichtete im November 1935, angesichts der „noch immer gefühlsmäßig ablehnenden Haltung weiter Volkskreise gegen diese Bestimmungen dürfte es sich empfehlen, das Gesetz mit größter Sorgfalt durchzuführen, denn eine einzige Fehlentscheidung könnte in politischer Hinsicht mehr Schaden als Nutzen bringen.“ Aber, so brutal das Gesetz an sich schon war, die beteiligten Behörden legten es weit aus.

Kinderreichtum nicht in jedem Fall erwünscht

So stellte der Rintelner Amtsarzt 1940 „angeborenen Schwachsinn“ beim Pflegekind eines Bauern fest. Sein Vater war Trinker, die Mutter wegen Epilepsie sterilisiert. Gegenüber der erblichen Belastung sei es „unerheblich, daß sich bis jetzt irgendwelche epileptische Wesensveränderung und Intelligenzdefekte nicht feststellen lassen“. Das Erbgesundheitsgericht Hannover beschloss die Unfruchtbarmachung.

Einige Zahlen geben ein quantitatives Bild für den Bezirk des Erbgesundheitsgerichts Bückeburg: 1934 und 1935 wurden 43 Sterilisationen beschlossen, davon 21 wegen angeborenen Schwachsinns, 15 wegen Schizophrenie. 1938 bis 1940 werden 52 Beschlüsse gefällt, 1941 bis 1944 sind es noch 21. Im letzten Kriegsjahr wurde das Verfahren praktisch eingestellt, da sich insbesondere die Ärzte auf den „totalen Kriegseinsatz“ konzentrieren mussten.

Kinderreichtum war im NS-Staat nicht in jedem Fall erwünscht. Der Landrat von Rinteln verweigerte 1941 einer Familie die „Kinderbeihilfe“ für drei Kinder, weil diese – offenbar lernbehindert – „als geistig absolut minderwertig anzusehen“ seien und unter das Erbkrankengesetz fielen. Unter größtmöglicher Tarnung wurden schließlich auch behinderte Kinder getötet. Ab 1939 sollten Hebammen behinderte Neugeborene den Behörden melden und erhielten dafür eine Prämie von je zwei Reichsmark. Was dann geschehen sollte, zeigt ein Fall aus dem Kreis Rinteln, wo 1940 ein an „Mongolismus“ (Down-Syndrom) leidendes Kleinkind vom Gesundheitsamt Rinteln an den „Reichsausschuss zur wissenschaftlichen Erfassung von erb- und anlagebedingten schweren Leiden“ gemeldet wurde. Kurz darauf kam der Entscheid, das Kind an die „Kinderfachabteilung“ der Provinzialheilanstalt Marsberg zu geben, da dort „aufgrund der durch den Reichsausschuss getroffenen Einrichtungen die beste Pflege und im Rahmen des Möglichen neuzeitliche Therapie durchgeführt werden“ kann. Einige Monate später wurde der Tod des Kindes mitgeteilt. Die „Kinderfachabteilungen“ waren Einrichtungen zur unauffälligen Durchführung der Kindereuthanasie, der genannte „Reichsausschuss“ koordinierte ihre Tätigkeit. In Marsberg wurden 1940 etwa 50 Kinder ermordet, insgesamt wurden im Zweiten Weltkrieg auf diese Weise etwa 5000 Kinder getötet.

Quantitativ in größter Breite wurde die Zwangssterilisation der „Erbkranken“ betrieben. Insgesamt wurden im NS-Deutschland etwa 500 000 Erbgesundheitsverfahren durchgeführt, etwa 400 000 Menschen wurden sterilisiert, durchschnittlich ein halbes Prozent der Gesamtbevölkerung. 5000 Menschen, vorwiegend Frauen, starben an den gesundheitlichen Folgen der Sterilisierung.

Das Erbgesundheitsgesetz wurde nach 1945 nicht aufgehoben, es wurde nur nicht mehr angewendet. Die wenigen Wiederaufnahmeverfahren, die von den Opfern angestrengt wurden, richteten sich nach dem NS-Recht. D. h. Richter und Ärzte urteilten nach denselben Kategorien der Erbgesundheit, revidierten nur zuweilen unter Anziehung neuer Gesichtspunkte die alten Urteile. Zwangssterilisierte wurden nur dann als NS-Verfolgte angesehen (und entschädigt), wenn sie nachweisen konnten, dass die Sterilisation aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen erfolgte. Lediglich diejenigen, die ohne „ordentliches“ Gerichtsverfahren sterilisiert worden waren, konnten auf eine Härtefallentschädigung hoffen.

Seit 1980 wird NS-Sterilisierten im Rahmen einer Härtefallregelung einen einmalige Entschädigung von 5000 DM gezahlt. Erst 1998 wurde das Sterilisationsgesetz durch den Bundestag förmlich aufgehoben, Entschädigungszahlungen aber erneut verweigert.



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