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Forscher warten mit Sensation auf: Bislang unbekannte Raptoren-Art entdeckt / Medieninteresse gewaltig / Film im Internet

"Raptor ist hier schnurgerade durch die Lagune gepest"

Landkreis (mld). Norddeutschland vor 140 Millionen Jahren: Die Weserregion ist Küste, der Obernkirchener Sandsteinbruch eine flache Lagune. Ein Dinosaurier, der vogelähnliche Raptor, rennt durch das seichte Wasser. Seine Spuren haben Wissenschaftler vor wenigen Wochen freigelegt und können ihr Glück kaum fassen: Die Dinosaurierfährten in den Sandsteinbrüchen schenken derWissenschaft weltweit neue Erkenntnisse über das Verhalten und die Anatomie der Dinosaurier aus der Kreidezeit. Und noch längst sind nicht alle Spuren identifiziert.

veröffentlicht am 13.09.2008 um 00:00 Uhr

Stolz auf die sensationelle Entdeckung: Martin Schmidt (v.l.) un

Mitarbeiter des Landesmuseums Hannover, des Landkreises Schaumburg und der Obernkirchener Sandsteinbrüche bestätigten gestern bei einer Pressekonferenz den unschätzbaren wissenschaftlichen Wert der Dinosaurier-Spuren, die von der Paläontologin Dr. Annette Richter und einem Helfer-Team freigelegt wurden. Von besonderer Bedeutung sind die Fährten des Raubsauriers Raptor, die Mitarbeiter Torstenvan der Lubbe erst vor sechs Wochen entdeckte. Bislang wurden diese Spuren weltweit an nur sechs Stellen gefunden - sämtliche Funde werden von der Neuentdeckung in ihrer Bedeutung übertroffen. Älteste Raptoren-Spuren weltweit: Die jetzt freigelegten Spuren sind 140 Millionen Jahre alt - und damit "derälteste Raptoren-Fund weltweit", so van der Lubbe. 49 Raptoren-Trittsiegel - weltweit Spitze: Insgesamt haben die Paläontologen hier 49 Trittsiegel gefunden. Die bis dahin spektakulärste Raptoren-Spur war eine Fährte mit elf Trittspuren in China. In Obernkirchen hingegen hat van der Lubbe allein zwölf Trittspuren in einer einzigen Fährte freigelegt - "hier ist der Raptor schnurgerade durch die Lagune gepest", kommentiert Annette Richter. Bisher unentdeckte Raptoren-Art: Sicher ist auch, dass es sich um eine bisher unentdeckte Raptoren-Art handelt. Um was für eine, ist noch unklar, sagt Richter: "Wir befinden uns selbst noch mitten in der Forschung." Dass es sich aber um eine bisher unbekannte Art handelt, verraten die Trittspuren, deren Zehen einen ungewöhnlichen Spreizwinkel aufweisen. "Stehspur" als paläontologische Sensation: Ein Abdruck sticht besonders hervor: An einer Stelle sind der rechte und linke Fuß des Sauriers nebeneinander auszumachen. Der Raptor muss an dieser Stelle stehen geblieben sein und dabei eine sogenannte Stehspur hinterlassen haben - "eine paläontologische Sensation", urteilt Richter. Erste nachgewiesene Raptoren-Spur in Europa: Sicher ist, dass die Raptoren-Spuren eine "weltweite wissenschaftliche Sensation" sind, wie Martin Schmidt vom Landesmuseum bestätigt. Sie beweisen, dass vor 140 Millionen Jahren die Entwicklung der Vögel von den Sauriern - der Raptor ist ein vogelähnlicher Dinosaurier - auch in Europa stattgefunden hat. Raptor-Knochen in Niedersachsen? Torsten van der Lubbe hofft, in Obernkirchen vielleicht sogar die Knochen eines Raptors zu finden. Vermutlich gibt es einen solchen Fund schon - "und das in Niedersachsen", verrät er. Näheres geben die Wissenschaftler erst preis, wenn die Vermutung bestätigt ist. Familienverbände von Iguanodons erstmals nachgewiesen: Eine weitere Sensation sind die Fußtritte des vor 120 Millionen Jahren ausgestorbenen Dinosauriers Iguanodon. Durch sie können Paläontologen erstmals zweifelsfrei nachweisen, dass sich die pflanzenfressenden Saurier in Herdenverbänden bewegten. Die Trittspuren weisen zwei Herden von jeweils mindestens zehn Tieren verschiedenen Alters auf und beweisen so, dass Iguanodons in Familien unterwegs waren. Einzigartiger "Trampelpfad" des Allosaurus: Einzigartig sind auch die Fährten des tonnenschweren Allosaurus. Zwar war er die häufigste Raubsaurierart der Kreidezeit, dennoch konnten Wissenschaftler bisher nur einzelne Fußabdrücke finden. Im vergangenen September jedoch fanden Annette Richter und ihr Team einen regelrechten Trampelpfad. Zusammen mit den Spuren von Raptoren und Iguanodons gleicht der Fundplatz einem "Hühnerhof", wie die Mitarbeiter den Tummelplatz liebevoll nennen. 80 Prozent Raubsaurierspuren: Die Besonderheit: "80 Prozent der hier gefundenen Spuren gehören Raubsauriern", also Allosauriern und Raptoren, erklärt Annette Richter. "Das ist eine sehr rätselhafte Balance." Üblicherweise überwiegen die Spuren pflanzenfressender Dinosaurier. Und es gibt Rätsel darüber auf, was sich vor 140 Millionen Jahren hier befand: Eine Wasserstelle? Eine Lagune? Zog etwa Aas ein ganzes Rudel der Raubsaurier an? Die Funde sind noch zu neu, um Genaueres sagen zu können. Riesiger Abdruck eines Reptils: Das Ausgrabungs-Team hat neben den Fährten der Iguanodon-Herden den riesigen Abdruck eines Reptils ausgemacht - vermutlich lag hier einmal ein etwa sechs Meter langes Krokodil, dessen Abdruck konserviert wurde. Wie soll es weitergehen mit der etwa 10 000 Quadratmeter großen Fläche im Steinbruch? Momentan sind die Fährten rechtlich ungeschützt. Hinzu kommt die wirtschaftliche Frage: Die Fläche, auf der die Spuren gefunden wurden, "entspricht etwa einer Jahresproduktion der Steinbrüche", schätzt Geschäftsführer Klaus Köster. Doch er - und dafür gebührte ihm gestern mehrmals der herzliche Dank der Forscher - gibt der Wissenschaft den Vorzug vor wirtschaftlichem Profit: "Die Fläche muss erhalten bleiben." Auch dieÖffentlichkeit soll die Sensationsfunde bestaunen können - am Tag des Geotops am 21. September. Am Vorabend des letztjährigen Geotop-Tages übrigens waren die ersten Saurier-Spuren entdeckt worden. "Irgendwo müssten hier auch Fußabdrücke sein", hatte Annette Richter damals laut gehofft - nicht ahnend, dass sie selber zu diesem Zeitpunkt auf den noch verborgenen Fährten stand. Für die Fachwelt wird ein Symposium geplant: "Wissenschaftler aus aller Welt stehen bei uns Schlange", so Richter. Die Arbeit hat gerade erst begonnen: "Wir haben ein Fenster in die Zeitgeschichte geschlagen und wollen es so weit wie möglich öffnen." Internet: Einen Film von den Dinosaurier-Spuren finden Sie auf www.landes-zeitung.de oder www.schaumburger-zeitung.de, "Videos".

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