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Vor Gericht: Auftakt zu weiterem Neonazi-Prozess / Partys mit lauter Musik bis in die Nacht

Psychoterror gegen zwei albanische Familien

Obernkirchen/Bückeburg (ly). Schlag auf Schlag: Einen Tag nach der Verurteilung von Arwid S. zu acht Monaten Haft (wir berichteten) hat ein weiterer Neonazi-Prozess begonnen, diesmal vor dem Bückeburger Amtsgericht. Erneut geht es um Körperverletzung. Verantworten muss sich Jan N. aus Obernkirchen, der als Mitläufer der rechten Szene gilt, jedenfalls nicht als einer der Anführer.

veröffentlicht am 28.04.2007 um 00:00 Uhr

Über mehrere Monate soll der 20-Jährige im Frühjahr 2006 zusammen mit Gesinnungsgenossen zwei albanische Familien terrorisiert haben, die im selben Haus am Kolbergring in Obernkirchen lebten. Nach Erkenntnissen der Bückeburger Staatsanwaltschaft drückte sich dieser Psychoterror unter anderem in regelmäßigen Partys mit lauter Musik bis in die Nacht aus. Zu vorgerückter Stunde hätten die Rechten dann Parolen wie "Ausländer raus!" gegrölt. Außerdem sei mit Gegenständen an Heizungsrohre, Balkongeländer oder Türen geschlagen worden. Fast jede Nacht habe Randale geherrscht. Die Albaner haben nach eigener Erinnerung nachts zum Teil kein Auge zubekommen und deshalb tagsüber geschlafen. Besonders schlimm soll dieser Zustand für die Kinder gewesen sein. Durch den Schlafentzug und die andauernde Lärmbelästigung, so heißt es, seien vier Mädchen traumatisiert worden. Die Körperverletzung wäre in diesem Fall also seelischer Art. Der Vater der Kinder, die ärztlich behandelt werden mussten, tritt vor Gericht als Nebenkläger auf. Nicht die offenbar eingeschüchterten Albaner selbst, sondern Nachbarn hatten schließlich die Polizei gerufen. Jan N., der damals mit einem zweiten Mann in einer Wohngemeinschaft am Kolbergring lebte, war nach drei Monaten wieder ausgezogen. Die genauen Umstände wurden vor Gericht nicht geklärt. Strafrechtlich ist N. im Vergleich zu den Aktivposten der Szene erst recht wenig in Erscheinung getreten. Möglicherweise wird er deshalb vorgeschoben und "taucht neuerdings als Verantwortlicher für viele rechte Aktionen auf", wie es im März während Stadthäger Prozesses geheißen hatte, in dem Marcus W., der führende Kopf, wegen Volksverhetzung zu neun Monaten Haft verurteilt wurde. In einem Artikel auf der Internet-Homepage der Schaumburger Neonazis waren Opfer des Holocaust verhöhnte worden. Vor Gericht hatte Marcus W. die Schuld Jan N. zugeschoben. Dass den Mitläufer N. im laufenden Bückeburger Prozess eine Freiheitsstrafe erwartet, gilt als unwahrscheinlich. Erstens hätte der 20-Jährige dafür wohl zu wenig Vorstrafen, zweitens kann er als Heranwachsender nach dem moderaten Jugendstrafrecht behandelt werden, das den Erziehungsgedanken in den Vordergrund stellt. Der Prozess wird fortgesetzt.



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