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Hamelner Unternehmer wird Betrug und Bankrott vorgeworfen/Strafkammer in Hildesheim zuständig

Protec-Pleite – Anklageschrift mit 140 Seiten

Hameln(mafi). „Das wird dauern“ – so hatte es Oberstaatsanwalt Jürgen Lendeckel bereits geahnt, als sich die „Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen“ in Hannover des spektakulären Hamelner Pleitefalles „Protec/Stratec“ angenommen hatte. Tatsächlich sind fast fünf Jahre vergangen, bis die Experten der Justiz und des Landeskriminalamtes nach „schwierigen Ermittlungen“ in das „sehr komplexe Verfahren“ so viel Licht gebracht haben, dass nun Anklage erhoben werden kann.

veröffentlicht am 02.02.2009 um 19:34 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

Juli 2004: Die verbliebenen Protec-Mitarbeiter stehen fassungslo

Von Marc Fisser

Hameln. „Das wird dauern“ – so hatte es Oberstaatsanwalt Jürgen Lendeckel bereits geahnt, als sich die „Zentralstelle für Wirtschaftsstrafsachen“ in Hannover des spektakulären Hamelner Pleitefalles „Protec/Stratec“ angenommen hatte. Tatsächlich sind fast fünf Jahre vergangen, bis die Experten der Justiz und des Landeskriminalamtes nach „schwierigen Ermittlungen“ in das „sehr komplexe Verfahren“ so viel Licht gebracht haben, dass nun Anklage erhoben werden kann. Hauptangeschuldigter ist ein Geschäftsmann aus Hameln – Sproß einer angesehenen Unternehmerfamilie. Er soll als Ex-Chef des Walzenproduzenten Protec und des Baumaschinenhandels Stratec dubiose Vorgänge um den Niedergang seiner Firmen gesteuert haben. Im Zuge der Doppelpleite, so heißt es, seien „Sicherungsgüter in erheblichem Umfang“ verschwunden. Die Gläubiger hatten das Nachsehen – und einen Schaden, der mehr als zehn Millionen Euro betragen soll.

Der frühere Geschäftsführer hatte angeblich einen „Firmenbestatter“ engagiert, der die Unternehmen abseits der Heimat unauffällig auflöste. Dieser GmbH-Aufkäufer ist in dem Verfahren ebenfalls angeschuldigt. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft lauten vor allem auf Insolvenzverschleppung, Betrug und Bankrott, wie Oberstaatsanwalt Manfred Knote auf Dewezet-Anfrage bestätigt. Die 140 Seiten starke Anklageschrift wurde an die 6. Große Wirtschaftsstrafkammer des Landgerichts Hildesheim geleitet. Ein Prozessbeginn sei aber nicht vor Mai 2009 zu erwarten, heißt es dort. Zurzeit beschäftige sich die Kammer noch mit dem Spielbankenverfahren und einem Nachfolgeprozess zur Heros-Pleite, erklärt Gerichtssprecher Jan-Michael Seidel. Außerdem scheide der Vorsitzende Richter im April aus Altersgründen aus – da sei es nicht sinnvoll, vorher noch einen Prozess dieser Größenordnung zu eröffnen.

Insolvenzverwalter Raimund Schafmeister und die Gläubiger hatten im Sommer 2004 von einer großen kriminellen Energie gesprochen, mit der die Beschäftigten um ihre Löhne und die Kreditinstitute um ihr Geld betrogen worden seien. Die Protec GmbH und die Stratec GmbH waren im Spätsommer 2003 an den Firmenaufkäufer übergeben worden. Ihr Sitz wurde kurz darauf an eine Briefkastenadresse in Blomberg verlagert und ihr Name in Rotech GmbH und Bastra GmbH geändert. Als die Hauptgläubiger, die sich um die Sanierung der Firmen bemüht hatten, skeptisch wurden und den Insolvenzantrag vorbereiteten, sollen vom Unternehmensgelände „Am Hastebach 8“ in Hameln sämtliche Geschäftsunterlagen und Straßenbaumaschinen verschwunden sein. Die Geräte sollen eigentlich einer Leasingbank gehört haben. „Wegen der fehlenden Unterlagen war es schwierig, die Straftaten zu rekonstruieren“, erzählt Oberstaatsanwalt Knote. Hier mussten Zeugenaussagen weiterhelfen. Der Verbleib der Maschinen sei aufwendig nachverfolgt worden. Dazu seien weltweite Recherchen und zeitaufwendige Rechtshilfeersuchen zu ausländischen Behörden nötig gewesen.

Der professionelle „Firmenbestatter“ hat seinerseits Strafanzeige gegen den Hamelner Unternehmer erstattet. Der neue Geschäftsführer war von den Mitarbeitern nur zweimal kurz in der Firma gesehen worden; dagegen soll der Ex-Chef weiter die Geschäfte geführt haben – angeblich mit Blankounterschriften des GmbH-Aufkäufers. Geplant war offenbar, dass das Insolvenzverfahren mangels Masse eingestellt würde. „Nur einem Verfahrenskostenvorschuss des hauptgeschädigten Kreditinstituts aus Hameln und der Zusammenarbeit aller Betroffenen ist es zu verdanken, dass es dazu nicht gekommen ist“, sagte seinerzeit Schafmeister.

Wenn das Strafverfahren in Hildesheim eröffnet wird, drohen den Angeschuldigten Haftstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Die Männer haben gegenüber den Ermittlungsbehörden keine Aussagen gemacht.

Die Firmen Protec und Stratec waren in den Jahren 1991 beziehungsweise 1989 von einem früheren Geschäftsführer und Gesellschafter der Baumaschinenfabrik ABG gegründet worden. Protec hatte in guten Zeiten 72 Mitarbeiter.



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