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CET Teleport GmbH verbindet via Satellit die Neumayer-Station in der Antarktis mit der Außenwelt

Polarforscher halten Kontakt über Groß Berkel

Von Christian Branahl

 

Ihre Motivation beschreibt sie mit Abenteuerlust, Neugierde und beruflicher Herausforderung. „So eine Chance bekomme ich nicht wieder", sagt Tanja Fromm. Für 15 Monate will die Diplom-Physikerin aus Warendorf in der Antarktis forschen. Umfangreiche Vorbereitungen gehören für das neunköpfige Winterteam dazu, um in wenigen Wochen die Neumayer-Station III im ewigen Eis als Forschungsbasis zu beziehen - neun Monate davon zwischen März und Dezember völlig isoliert.

veröffentlicht am 14.10.2009 um 15:56 Uhr
aktualisiert am 29.10.2009 um 14:40 Uhr

„Wir liefern Daten für die kommenden Generationen“:

Von Christian Branahl

 

Groß Berkel. Ihre Motivation beschreibt sie mit Abenteuerlust, Neugierde und beruflicher Herausforderung. „So eine Chance bekomme ich nicht wieder“, sagt Tanja Fromm. Für 15 Monate will die Diplom-Physikerin aus Warendorf in der Antarktis forschen. Umfangreiche Vorbereitungen gehören für das neunköpfige Winterteam dazu, um in wenigen Wochen die Neumayer-Station III im ewigen Eis als Forschungsbasis zu beziehen – neun Monate davon zwischen März und Dezember völlig isoliert. Damit sie mit der Außenwelt trotzdem in Verbindung bleibt, lässt sich die 27-jährige Tanja Fromm zusammen mit der Diplom-Geophysikerin Sarah Huber (34) und dem Diplom-Ingenieur für Elek-trotechnik Guido Erdmann (26) in Groß Berkel schulen. Auf dem Gelände der Erdfunkstelle erfahren die künftigen Antarktis-Bewohner die wichtigsten Grundlagen, um den Kontakt zur Außenwelt zu behalten. Ob Telefon, Faxgerät oder das für den umfangreichen Datentransfer notwendige Internet: Die Kommunikation der Antarktisforscher läuft per Telekommunikationssatellit über eine Satellitenantenne zum rund 14 000 Kilometer entfernten Groß Berkel.

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„Für uns ist es wichtig, die Forscher auf ein ausreichendes technisches Niveau zu bringen“, erläutert Frank Weiß von der CET Teleport GmbH, wie das Nachfolgeunternehmen der einst von der Deutschen Bundespost gegründeten Erdfunkstelle nach mehreren Besitzerwechseln heißt. „Sie müssen die Systeme selbst betriebsbereit halten, überwachen und instand- setzen können.“

Gewaltige Datenmengen

Die Techniker aus Groß Berkel haben jederzeit Zugriff. Doch: In der Abgeschiedenheit der Antarktis gilt es, für alle Notfälle gerüstet zu sein, wie Frank Weiß mit dem „Worst-Case-Szenario“ den schlimmsten Fall beschreibt. Aus der Ferne müssen die Wissenschaftler „mit der Erfahrung unserer Techniker“ in der Lage sein, die Kommunikationsverbindungen wieder in Gang zu setzen, wie er erläutert.

Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung mit Sitz in Bremerhaven betreibt seit fast 30 Jahren eine Forschungsstation in der Antarktis. Schon seit Ende der 90er Jahre besteht die Verbindung mit dem Teleport in Groß Berkel, um die stetig wachsenden Datenmengen aus den zunehmenden gewaltigen Messergebnissen nutzen und die Kommunikation gewährleisten zu können. Auch an der in diesem Jahr eingeweihten neuen und damit in der breiten Öffentlichkeit bekannt gewordenen Neumayer-Station III – die Feier mit Bundesforschungsministerin Annette Schavan über Video-Schaltung machte übrigens auch Technik aus Groß Berkel möglich – steht wieder eine mit Radom ausgestattete 3,7-Meter-Satellitenantenne der CET Teleport GmbH. Die speziell vor den widrigen Wetterverhältnissen mit tiefen Minustemperaturen und kräftigen Stürmen geschützte Sendeanlage in der Antarktis übermittelt die Daten über den Telekommunikationssatelliten Intelsat 901 in der geostationären Umlaufbahn nach Groß Berkel, wo sie von einer 4,6-Meter-Antenne empfangen werden. Von dort besteht eine Standleitung zum Institut nach Bremerhaven, das damit direkten Zugriff auf die Daten hat.

Und das sind wahre Datenfluten. Der Physiker Dr. Saad El Naggar, der seit 25 Jahren für das Alfred-Wegner-Institut die Neumayer-Station betreut, nennt vor allem das meteorologische Observatorium und die Strahlungsforschung, aber auch ein Infraschall-Messfeld, das Teil des weltweiten Beobachtungssystems der Organisation des Internationalen Kernwaffenteststoppabkommens ist. Und diese Messungen gilt es dem internationalen Datenzentrum in Wien unmittelbar zur Verfügung zu stellen. Hinzu kommt ein Observatorium, das kontinuierlich die Unterwassergeräuschkulisse nahe der Schelfeiskante aufzeichnet. Mit diesen akustischen Langzeitaufnahmen lassen sich auch das akustische Repertoire und Verhalten von Walen und Robben in einem vom Menschen nahezu ungestörten Lebensraum erforschen – und sind im Internet zu hören.

Als herausragende Aufgabe bezeichnet Dr. El Naggar die Grundlagenforschung für das Klima. „Dies ist ein auf die Zukunft angelegtes Programm“, so der Physiker, der es für wichtig hält, präzise wissenschaftliche Messreihen durchzuführen. Aktuell seien die Ergebnisse nur bedingt aussagekräftig. Durch die Untersuchungen von insgesamt vier Observatorien soll aber ein umfassendes Datenarchiv über die Entwicklung der Erde, der Atmosphäre und des Klimas geschaffen werden. „Wir liefern Datensätze für kommende Generationen“, sagt der Wissenschaftler. Und trotz des enormen Aufwandes sei es wichtig, die Forschung in der Antarktis zu betreiben. Dr. El Naggar: „Wir wissen schließlich, dass die Polarkappen eine enorme Bedeutung für das Klima spielen.“

Für die Mitarbeiter der CET Teleport GmbH ist es denn auch in diesem Fall interessant, welchen Beitrag ihr Unternehmen mit der Satellitenkommunikation für die Wissenschaft ermöglicht. Natürlich: In der Regel sind es größere Kunden wie aus der Automobil- und Druckindustrie oder eine Tankstellenkette mit rund 500 Stationen, die ihre Daten über eine oder mehrere der insgesamt rund 50 Satellitenantennen in Groß Berkel übertragen lassen. „Aber wir sind sehr stolz, für das Alfred-Wegener-Institut diese Verbindung zur Forschungsstation in der Antarktis betreiben zu dürfen“, so Frank Weiß. „Das ist für uns eine hervorragende Referenz.“

„Das ist einfach nicht zu toppen“

Und für die drei Mitglieder des Winterteams, die sich nun in Groß Berkel unter Anleitung von dem Systemingenieur Eike Kirschstein bei der CET Teleport GmbH auf ihren Einsatz in der Forschungsstation vorbereitet haben, ein besonderer Reiz. „Da sehe ich eine Herausforderung, Technik unter Extrembedingungen zu beherrschen“, meint der Diplom-Ingenieur Guido Erdmann aus Rheine, der im November die Reise ins ewige Eis antritt. Abenteuer Antarktis – und das für 15 Monate in nahezu unbewohntem Gebiet. Die Geophysikerin Tanja Fromm sieht voller Erwartungen der Aufgabe entgegen, auch wenn vieles „Routinearbeiten sein werden“. „Aber das ganze Drumherum – das ist einfach nicht zu toppen“, sagt sie. Und Guido Erdmann fügt hinzu: „Da kommt dann höchstens noch die Raumfahrt.“

Für den Antarktis-Auftrag gerüstet: Eike Kirschstein (CET Teleport) erklärt Sarah Huber, Tanja Fromm und Guido Erdmann (v. re.) die Technik in Groß Berkel. Mit dabei: Dr. Saad El Naggar (li.) und Regina Moore (CET Teleport). Fotos: cb, Jürgen Janneck /Alfred-Wegener-Institut (oben).

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