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„Plötzlich war ich Gesandte des Fürsten“

Als er die „Alte Schlossküche“ betrat, wusste ich, dass etwas passiert war. Er sah gefrustet aus. Eigentlich hätte er zu diesem Zeitpunkt im Flugzeug nach Colombo sitzen sollen. Mit 800 gebrauchten Brillen im Gepäck. Es waren gebrauchte Sehhilfen für arme Menschen auf Sri Lanka. Für Menschen, die auf diese Unterstützung der heimischen Hilfsorganisation „Interhelp – Deutsche Gesellschaft für internationale Hilfe“ dringend angewiesen sind.

veröffentlicht am 03.03.2010 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 04.03.2010 um 11:07 Uhr

Freude auf Sri Lanka: Zu Ehren der Gäste aus dem Weserbergland t

Autor:

Jule Sareyka

Als er die „Alte Schlossküche“ betrat, wusste ich, dass etwas passiert war. Er sah gefrustet aus. Eigentlich hätte er zu diesem Zeitpunkt im Flugzeug nach Colombo sitzen sollen. Mit 800 gebrauchten Brillen im Gepäck. Es waren gebrauchte Sehhilfen für arme Menschen auf Sri Lanka. Für Menschen, die auf diese Unterstützung der heimischen Hilfsorganisation „Interhelp – Deutsche Gesellschaft für internationale Hilfe“ dringend angewiesen sind. Interhelp-Schirmherr Alexander Fürst zu Schaumburg-Lippe hatte sie gemeinsam mit seinem Freund, dem Interhelp-Vorsitzenden Ulrich Behmann, tief im Dschungel verteilen wollen. Stattdessen war er am Flughafen in Hamburg-Fuhlsbüttel gestoppt worden. Pass verschwunden! Hatte er ihn verloren, oder war er ihm gestohlen worden? Er wusste es nicht. Es spielte auch keine Rolle mehr. Der adelige Bückeburger war gestrandet. Gestrandet auf einer Reise der Menschlichkeit. Hätte er das schwere Paket mit den Sehhilfen per Kurierfracht verschickt, wäre es viel zu teuer gewesen oder nicht mehr rechtzeitig angekommen. Was tun? „Warum nicht jemand anderes schicken?“, fragte ich ihn. Fürst Alexander nickte, griff zum Telefon und schickte Behmann, der im Flugzeug saß, eine SMS. Inhalt: „Ich habe die Lösung. Info folgt!“

Als ich ihm einen starken Kaffee servierte, passierte etwas, womit ich niemals gerechnet hätte. „Willst du fliegen?“, fragte er mich. Ein schlichtes „Ja“ – und 34 Stunden später kam ich in Colombo an. Über Nacht war aus einer Kellnerin die Gesandte des Fürsten geworden.

Empfangen wurde ich von gefühlten 50 Grad Celsius und einem Fahrer namens Sudu, was übersetzt „Weiß“ heißt, wie er mir mit einem Lächeln und einem Fingerzeig auf mich erklärte. Geschickt, aber im rasanten Tempo manövrierte uns Sudu durch das Wirrwarr von hupenden Autos, Lastwagen, Bussen, Mopeds und kleinen Tuk-tuks. Auf einer von Palmen gesäumten Holperpiste fuhren wir vorbei an bewaffneten Soldaten, barfüßigen Frauen in Saris, Kühen und Wasserbüffeln. Staub lag in der Luft. Die Sonne brannte. Kleine Kinder schauten mich aus großen Augen an.

Einsatz im Regenwald: Jule Sareyka und Ulrich Behmann verteilen
  • Einsatz im Regenwald: Jule Sareyka und Ulrich Behmann verteilen gebrauchte Brillen an Menschen in Not.

Sri Lanka – ein Land von großer Faszination. Ein Land von großer Armut. Armut, die zermürbt. Armut, die quält. Ich begegnete ihr viel zu unvorbereitet. Gewappnet nur mit ein paar simplen Fakten. Ich wusste, wie groß das Land ist. Ich wusste, wie der Präsident heißt. Aber ich wusste nicht, was Armut wirklich bedeutet.

Einen Eindruck gewann ich in dem kleinen Dorf Daraniarao. Eine Siedlung mitten im Urwald. So fantastisch die Landschaft, so hart ist das Leben dort. Die Menschen, die hier wohnen, arbeiten auf Tee- und Kautschukplantagen. „Es ist eine sehr schwere Arbeit, und die Leute hier sind sehr arm“, sagt Mangala Fernando, Interhelp-Koordinator auf Sri Lanka. Stundenlang ging es durch den Urwald bis wir endlich unser Ziel Daraniarao erreichten. Wir, das sind Ulrich Behmann, Vorsitzender von Interhelp, Mangala Fernando, Interhelp-Koordinator, und ich. Erwartet wurden wir von vielen hoffnungsvollen Menschen. Es war bereits dunkel geworden, als wir mit der Verteilung der Brillen beginnen konnten. Die Freude der Dorfbewohner war riesig groß. Für uns sind es nur ein paar gebrauchte Sehhilfen, auf Sri Lanka vollbringen sie ein kleines Wunder. Ein Wunder, das den Menschen ermöglicht, wieder ihrer Arbeit nachgehen zu können. Wer wieder richtig sehen kann, ist in der Lage, sich selbst und seine Familie zu ernähren.

„Bohoma stutiyi“ – vielen Dank!

Dankbar falteten Frauen und Männer, Alte und Junge die Hände wie zum Gebet und verbeugten sich vor uns. Von überall her schallte es zu uns herüber „Bohoma stutiyi“ – Vielen Dank! „Die Freude und Dankbarkeit ist jedes Mal wieder überwältigend für mich“, sagt Interhelp-Vorsitzender Ulrich Behmann zu mir. Die Verteilung der Brillen gab mir einen wichtigen, aber nur einen kleinen Einblick in die Arbeit von Interhelp. Mehr begriff ich auf der Reise in den Nordosten der Insel. Es war eine zwölfstündige Fahrt in das ehemalige Bürgerkriegsgebiet bei Trinkomalee. Ein Gebiet, in das jetzt nach und nach die Familien zurückkehren, die in den achtziger Jahren vor Gewalt und Terror geflüchtet waren. Sie haben nur ihr Land. Keine Häuser. Keine Brunnen. Es sind Menschen die ihre Heimat so sehr lieben, dass sie versuchen, sich aus dem Nichts eine neue Existenz aufzubauen. Sie bauen Reis und Gemüse an, um etwas zum Essen zu haben. Sie errichten notdürftige Hütten aus Lehm und Holz, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben. Sie graben tief, um an etwas Grundwasser zu kommen. Viele von ihnen haben während des Bürgerkrieges Verwandte verloren. Vielleicht eine Tochter, einen Sohn, den Mann oder die Eltern. Es fehlt hier an allem. Tagsüber kämpfen sie gegen den Hunger. Nachts gegen Elefanten, die ihnen die Reisfelder kahl fressen. Die Natur hat sich die Region in fast drei Jahrzehnten zurückerobert. „Heute Nacht waren es 50 Elefanten“, erzählt mir Apuralage, eine verzweifelte alte Frau, die jede Nacht mit ihren Kindern um die Reisernte bangen muss. „Schlangen sind hier ein großes Problem“, sagt der kommissarische Landrat Anuruddha Bandara. Wird man hier von einer Kobra oder Viper gebissen, so ist man dem Tod nahe. Zu weit weg ist das nächste Krankenhaus.

Die Regierung von Sri Lanka hat Interhelp um Wiederaufbauhilfe gebeten. Hilfe ist hier wirklich nötig. Geholfen hat Interhelp schon vielen Menschen. Diese Reise der Menschlichkeit hat mich in dem bestätigt, was ich vorhabe – Krankenschwester zu werden und Medizin zu studieren, um vielleicht später einmal mit Interhelp die Welt ein wenig besser machen zu können. Auf einem Tor zu einem Tempel steht geschrieben: „Hope in need“ – Hoffnung in der Not.

Spenden: Interhelp bittet um Spenden, um auf Sri Lanka Kindern in Not helfen zu können. Spenden können auf folgende Sonderkonten eingezahlt werden: Nr. 20313 bei der Sparkasse Weserbergland (BLZ 254 501 10), Nr. 33233 bei der Stadtsparkasse Hameln (BLZ 254 500 01) und Nr. 700 700 000 bei der Volksbank Hameln-Stadthagen (BLZ 254 621 60). Stichwort: Sri Lanka. Infos im Internet unter: www.interhelp.info.

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