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Schmaler Grat zwischen Anonymität und Anteilnahme, zwischen Geschäft und Gefühl

Plädoyer für "Totenehrung statt Gottesdienst"

Bückeburg (bus). Wenn es gilt, von einem Menschen Abschied zu nehmen, ist vor allen Dingen die Würde gefragt; Würde, Andenken an das Wirken des Verstorbenen und Trost für die Hinterbliebenen. "Von den Kirchen werden Begräbnisse aber zumeist als Gottesdienste betrachtet", sagt Gerd Rothe. Was oftmals den Vorstellungen und Wünschen der Beteiligten nicht entspreche. Der freiberufliche Trauersprecher stellt dem kirchlichen Brauch das Konzept "Totenehrung statt Gottesdienst" entgegen.

veröffentlicht am 30.08.2006 um 00:00 Uhr

Trauersprecher Gerd Rothe.

Der in Bad Oeynhausen lebende gelernte Großhandelskaufmann und studierte Freizeitpädagoge gilt als Ansprechpartner für Menschen, die einen feierlichen, persönlichen und weltlichen Abschied begehren. "Oft stellen Bestattungsunternehmen den Kontakt her", erläutert der Trauersprecher, der 1989 von der Kurseelsorge in die Kapellen wechselte und seitdem im Landkreis Schaumburg etwa 150 Verstorbenen das letzte Geleit gestaltete. "Ich versuche, das Individuelle der zu Beerdigenden herauszuarbeiten und deren einzigartigen Lebensweg in den Mittelpunkt zu stellen", schildert Rothe seine Intention. Eine Predigt gebe es nicht. "Bei mir steht der Tote im Mittelpunkt, nicht die Bibel." Für den Trauersprecher ist der Tod ein ähnlich großes Fest wie Geburt und Hochzeit. Zur Feier des letzten Festes gehören außer Gedichten und Worten, die sich häufig an den Gedanken anerkannter Schriftsteller und Geistesgrößen orientieren, vor allen Dingen auch musikalische Begleitungen. "Zu 80 Prozent werden klassische Stücke gewünscht", lehrte Rothe die Vergangenheit. Volkslieder wie "Im schönsten Wiesengrunde" oder "Die Gedanken sind frei" spielten ebenfalls wichtige Rollen. Er widerspricht indes nicht, falls der Wunsch nach "Yesterday" von den Beatles oder dem Henry-Maske-Song "Time to say goodbye" geäußert wird. Hauptsache: Ruhig und feierlich. Und nach Möglichkeit von leibhaftigen Musikern dargeboten. Das Abspielen von CDs mag der 57-Jährige "eigentlich überhaupt nicht". In Ausnahmefällen drücke er jedoch ein Auge zu. Dass er sich bei seiner Tätigkeit auf dem schmalen Grat bewegt, der zwischen Anonymität und Anteilnahme, zwischen Geschäft und Gefühl verbleibt, ist dem Trauersprecher durchaus bewusst. Dennoch kann er sich derzeit eine andere berufliche Beschäftigung nicht vorstellen. Und falls doch, antwortet er auf die entsprechende Frage, müsse sie "irgendetwas mit Menschen" zu tun haben. Mit lebenden, versteht sich. Informationen unter (0 57 31) 98 00 80 und im Internet unter www.Trauersprecher-Rothe.de

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