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Von einem Bach, der mächtig bullert, und ein paar Minuten Stille

Pilgern ist … Beten mit den Füßen

veröffentlicht am 17.05.2013 um 06:00 Uhr

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Kirchbrak. Heute ist es endlich so weit. Wir, 21 Schüler und Schülerinnen der Klasse 3/4 der Grundschule Kirchbrak, wollen mit dem Pilgerbegleiter Johannes Owsianowski eine Etappe auf dem Pilgerweg Loccum– Volkenroda wandern. Unsere acht Kilometer lange Strecke startet an der Kirche St. Michael in Kirchbrak und endet an der Klosterkirche Kemnade und ist die achte Etappe des Pilgerweges. Wir starten mittags nach dem Unterricht.

Mit vollen Bäuchen marschieren wir zur Kirche, wo uns Herr Owsianowski und die Pastorin Frau Engelmann schon erwarten und begrüßen. „Pilgern ist Beten mit den Füßen“, erzählt uns Herr Owsianowski, während wir um ihn herum im Stuhlkreis in der St.-Michael- Kirche sitzen. Nach einem Lied und dem Vaterunser bekommt jeder von uns einen Pilgerausweis und eine Anstecknadel mit dem Pilgerzeichen Loccum– Volkenroda, die wir an unseren Jacken befestigen. „Die Anstecker sind Zeichen, die anderen zeigen, dass ihr Pilger seid“, erklärt uns Johannes. „Und die Pässe sind dazu da, dass ihr in jeder Kirche, in die ihr unterwegs hineingeht, einen Stempel bekommt und beweisen könnt, dass ihr auch wirklich dort wart.“

Nachdem der erste Stempel von St. Michael Kirchbrak in unseren Pässen ist, laufen wir am Niederen Bach entlang. Anouk, die direkt nebenan wohnt, nennt ihn den „Bullerbach“, weil das Wasser so schön bullert. Aber Johannes weiß noch mehr zu erzählen: „Der Bach ist wichtig für die Pflanzen, die am Bachlauf wachsen. Das Wasser fließt immer weiter, genau, wie euer Leben weitergeht von einem Tag, einem Jahr zum nächsten, bis es eines Tages ins Meer mündet.“ Wir sind noch nicht weit gelaufen, da kommen wir an die Stelle, an der der Bach in die Lenne fließt. Und nach einigen Kilometern sehen wir, dass die Lenne in die Weser fließt. „Das ist ja wie bei einer Hochzeit, da leben zwei Menschen von nun an zusammen, und einer hat dann vielleicht auch einen neuen Namen“, fällt Rosa auf.

Gut, dass wir ein Pilgerabzeichen tragen, denn so kommen wir mit zwei Pilgerinnen aus Kassel ins Gespräch. Sie zeigen uns stolz die vielen Stempel in ihrem Ausweis. An ihren Rucksäcken haben sie noch weitere Zeichen ihres Weges, eine kleine gestrickte Socke mit einem Bibelspruch und verschiedene Armbänder.

Kurz danach fordert uns Johannes auf, ihm im Abstand von zehn Metern schweigend zu folgen. Vorher erzählt er von einem Mann, der ganz allein lebt und von einem Besucher gefragt wird, ob er sich nicht einsam fühle. Daraufhin führt er den Fremden zu einem Brunnen und fragt ihn, was er sieht, nachdem er Wasser geholt hat. „Ich sehe nichts“, sagt der Mann. Nach einigen Minuten soll er erneut in den Brunnen schauen. Nun staunt er: „Ich sehe mein Gesicht im Wasser wie in einem Spiegel.“ Da antwortet der Mann ihm: „Siehst du, es muss ruhig sein, damit ich mich selber sehen kann.“

Jetzt schickt unsere Lehrerin einen nach dem anderen los und folgt als letzte. Jeder ist für einige Minuten allein mit sich. Die Zeit kommt uns ganz schön lang vor. Endlich können wir wieder sprechen, aber es bleibt erstaunlich leise, bis alle angekommen sind. Jan-Malte und David berichten, dass sie die Blumen, die Bäume und die Farben der Blätter genauer beachtet und auch gerochen haben, und eine Schülerin hat unterwegs ein Kreuz aus zwei Stöcken und einem langen Grashalm gebastelt. Jetzt balancieren viele von uns auf den alten Eisenbahnschienen herum, die neben dem Rad- und Pilgerweg entlanglaufen. Dann gibt es eine kurze Rast bei Rosas Familie. Unser Weg führt nun an Rapsfeldern und Wiesen entlang, auf denen unendlich viele Rapsglanzkäfer herumschwirren. Die Kapelle in Linse erwartet uns mit geöffneten Türen. Im Kirchenschiff faltet jeder nach Kims, Tabeas und Annabells Anleitung (und mit ihrer Hilfe) selbst ein Papierschiff. Johannes hat Stifte dabei, mit denen wir unseren Namen außen auf das Schiff schreiben, und innen notieren wir den größten Wunsch für unser Leben. Einige klagen allmählich über Fußschmerzen, aber tapfer geht es weiter über die Weserbrücke, die Weserwiesen, bis ans Ufer der Weser in Bodenwerder, wo wir unsere Papierschiffe der Weser übergeben wollen. Wir lassen uns vom Regen nicht stören, unsere Boote werden nass, wir ebenso. Aber fast alle Schiffchen werden von der Strömung der Weser erfasst und fortgetrieben und verschwinden bald aus unserem Blickfeld. Sie nehmen unsere Wünsche mit.

Zum Abschluss des Ausflugs stellen wir uns alle in den Kreis. Johannes spricht einen Segen, jeder bekommt ein Armband, auf dem der Wunsch steht: Gott segne und behüte dich. Wir haben die achte Etappe des Pilgerweges Loccum–Volkenroda geschafft und viele von uns sind geschafft. Wir wissen nun, was der Satz „Pilgern ist Beten mit den Füßen“ bedeutet: Pilgern ist ganz schön anstrengend!

Pilgerbegleiter Johannes Owsianowski weiß auf dem Weg zwischen Kirchbrak und Kemnade viel zu erzählen.



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