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Reportage aus dem Alteheim

Pflege(n) unter Druck: Altenpflegerin über Zeitmangel, Erfüllung und Tod

Angehörige, die Senioren für zwei Wochen „Urlaub“ bringen und nicht zurückkehren, Bewohner die weinend auf dem Flur stehen und die Zeit immer im Nacken: Der Arbeitsalltag einer Altenpflegerin ist hart. Aber es gibt auch Momente, die den Job schön machen, versichert Karina Samaritter. Unsere Zeitung durfte sie bei einer Schicht in der Seniorenresidenz Zimmermann in Bad Eilsen begleiten.

veröffentlicht am 10.05.2019 um 16:51 Uhr

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Autor:

Malick Volkmann

Es ist sechs Uhr früh, die ersten Sonnenstrahlen kitzeln die Seniorenresidenz Zimmermann in Bad Eilsen. Karina Samaritter ist Wohnbereichsleiterin der Demenzstation und sitzt mit drei Kollegen im Dienstzimmer beim ersten Kaffee zusammen – Schichtübergabe. Die Nachtschicht geht in den Feierabend, Samaritter und ihre Kollegen gehen in die Frühschicht. Man bespricht besondere Vorkommnisse während der Nacht, sei es eine entdeckte wunde Stelle bei einem Bewohner oder ein defekter Toiletten-Stuhl.

„Die erste Dreiviertelstunde ist meistens recht ruhig, weil die meisten Bewohner noch schlafen“, erzählt Samaritter, die seit fünf Jahren im Seniorenheim arbeitet und auch hier ausgebildet wurde. Diese Ruhe hält jedoch nicht lange. Gegen 7 Uhr schwärmen die vier Altenpfleger aus, um die Bewohner zu begrüßen, zu waschen und für das Frühstück vorzubereiten.

Vier Altenpfleger, die sich um 29 teils bettlägerige Heimbewohner des Wohnbereichs kümmern müssen – eine Aufgabe unter enormem Zeitdruck, wie Samaritter verrät. Und das stimmt. Im ersten Zimmer versorgt sie eine Dame, die seit 14 Jahren an das Bett gefesselt ist und seit neun Jahren in der Seniorenresidenz Zimmermann liegt. Sie kann weder die Toilette aufsuchen noch feste Nahrung zu sich nehmen. Das übernimmt Karina Samaritter, indem sie vorsichtig das Ventil des am Tropf hängenden, mit Brei gefüllten Sackes öffnet und die Bewohnerin dadurch ernährt.

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Viel Zeit bleibt nach dem „Guten Morgen“ nicht.

Doch zuvor steht das Waschen auf dem Programm: „Wir waschen die Bewohner alle zwei Tage überall, an den anderen Tagen kümmern wir uns nur um die dringenden Stellen“, sagt Samaritter. Heute ist so ein Tag. Die Pflegerin verbringt höchstens zehn Minuten im Zimmer, redet mit der Bewohnerin, obwohl diese nicht in der Lage ist zu antworten. Sie versuche, es den Menschen so angenehm wie möglich zu gestalten. Sie versucht, sie teilhaben zu lassen an einem Leben, dass sie eigentlich nicht mehr leben.

Der Zeitdruck belastet Samaritter: „Natürlich würde ich lieber mehr Zeit mit den Bewohnern verbringen, mal fünf Minuten einfach da sein.“ Dafür ist meistens zu wenig Luft im eng getakteten Zeitplan. Stichwort Zeitplan: Es gibt keinen immer gleichen Ablauf. Mal klingelt ein anderer Bewohner, mal steht ein Demenzkranker orientierungslos und weinend auf dem Flur. Umso wichtiger ist Samaritter zufolge daher die Zusammenarbeit und der Zusammenhalt der Pfleger: „Wir unterstützen uns, wo es geht.

Dann bleibt manchmal etwas Raum, um sich etwas intensiver um den einen oder anderen zu kümmern. Das sind Momente, die die Arbeit so schön machen“, sagt die 50-Jährige. Denn für Samaritter ist ihr Beruf als Altenpflegerin genau das – schön und relevant. „Es wird immer alte Menschen geben, die gepflegt werden müssen und nicht jeder hat die Mittel und die Kraft, das zu Hause zu stemmen – deswegen gibt es uns ja“, meint sie.

Dennoch wünscht sie sich mehr Anerkennung für den Beruf und ihre Arbeit, die ihrer Meinung nach nicht das beste Image hat. Vor allem das Verhältnis zu manchen Angehörigen sei schwierig: „Es ist einfach nicht schön, wenn sich manche Angehörige nie blicken lassen, sich offenbar null um ihre Verwandten sorgen und uns Pfleger dann von oben herab behandeln“, beklagt sich Samaritter, die sich selbst nicht vorstellen könne, später in einem Altenpflegeheim zu wohnen.

Manche Verhaltensweisen der Angehörigen schockieren in der Tat. So soll es vorgekommen sein, dass Personen ihren pflegebedürftigen Verwandten in das Heim brachten und sich mit den Worten „Du machst jetzt zwei Wochen Urlaub hier“ verabschiedeten. Sie verabschiedeten sich für immer.

Doch es gibt auch schöne Seiten, die laut Samaritter überwiegen: „Der Spaß ist es, der mich motiviert. Den Menschen zu helfen, ist ein unglaublicher Antrieb.“ Vor allem die Demenzstation fülle sie aus, was in einem kurzen Augenblick von vielleicht drei Minuten deutlich wird. Eine Bewohnerin sitzt mutterseelenallein im Frühstücksraum und friert. Sie bringt nicht viele Worte heraus, aber die, die man versteht, wenn sie die Jacke bekommt, sind: „Du bist gekommen, danke!“ oder „Ich liebe dich“. Herzerwärmende Momente, die Samaritter immer wieder in ihrer Berufswahl bestätigen. Es sind diese kleinen Augenblicke, die leider viel zu wenig ausgekostet werden können, weil sie direkt weitermuss, um sich um den nächsten Bewohner zu kümmern.

In der Seniorenresidenz sind insgesamt rund 40 Pfleger für 107 Bewohner verantwortlich. Für Entlastung könnte zusätzliches Pflegepersonal sorgen. Durch den Personalschlüssel, der eine gewisse Anzahl von Pflegenden pro Bewohnergruppe vorgibt, sind die Möglichkeiten allerdings begrenzt. Man könne laut Heimleitung Christa Zimmermann nicht mehr Geld in Personal investieren, weil die Kosten sonst auf die Bewohner umgelegt werden müssten. Ein Prozess, der die Wirtschaftlichkeit des 1977 gegründeten Unternehmens gefährden würde. Dazu kommt die mangelnde Attraktivität des Berufes: „Früher gab es deutlich mehr Bewerbungen und mehr Azubis. Das ist alles zurückgegangen“, berichtet Samaritter.

Alles andere als zurückgegangen ist hingegen die Pflegebedürftigkeit der Bewohner. Samaritter verteilt nach der morgendlichen Weck- und Waschrunde Tabletten, die teilweise noch vor dem Frühstück eingenommen werden. Manche Bewohner sind nicht einmal dazu in der Lage, die Pillen selbst zu schlucken. Deswegen zerkleinert die Pflegerin einige Tabletten behutsam mit dem Mörser und löst sie dann in Wasser auf, damit die Bewohner die Wirkungsstoffe so aufnehmen können.

Der heutige Tag ist einer, an dem die gebürtige Obernkirchenerin ihre zugeteilten Bewohner recht schnell abgearbeitet hat und ihrer Kollegin eine Versorgung abnehmen kann: „Wir arbeiten hier miteinander und nicht gegeneinander – anders geht es gar nicht“, sagt Samaritter. Miteinander arbeiten heißt auch, dass man sich unterstützt und aushilft.

Nach dem oft stressigen Arbeitstag beschäftigt sich Samaritter nicht mehr groß mit der Arbeit: „Wenn ich das Heim verlasse, dann schalte ich ab. Sonst macht dich das doch verrückt“, findet die 50-Jährige, die dann gerne Zeit auf der Couch verbringt oder sich mit Freunden trifft. Die Gedanken gehen dann weg vom Pflegeheim, hin zu entspannenden Dingen.

Dieses Abschalten sei auch im Umgang mit einem ständigen Begleiter notwendig – dem Tod. Für viele Bewohner ist das Altenheim die letzte Haltestelle auf dem Pfad des Lebens. Für Samaritter ist der Tod oft präsent, aber kein Schreckgespenst: „Bei manchen Bewohnern bin ich froh, wenn das Leiden ein Ende hat. Bei anderen schockiert es mich schon mehr. Vor allem, wenn sie sehr unerwartet und plötzlich versterben“, erklärt sie. Aber auch dann wird den Verstorbenen ein würdevoller letzter Weg ermöglicht, indem das Pflegeheim einen Trauerraum im Keller eingerichtet hat. Dort bleibt der Tote, bis das Bestattungsunternehmen ihn abholt. Brennen Kerzen vor dem Raum, ist er belegt: „Wenn die Kerzen brennen, herrscht eine andächtige Atmosphäre. Wir bringen den Verstorbenen bis zur Tür. Dann ist es aber abgeschlossen“, so Samaritter.

Es ist Mittag. Samaritter sitzt vor dem Computer im Dienstzimmer und dokumentiert außergewöhnliche Vorkommnisse während der Schicht. Dieses Mal sind außer ein paar kleineren Wehwehchen bei einigen Bewohnern keine Einträge hinzugekommen. Doch trotzdem kritisiert Samaritter die gestiegene Bürokratie im Beruf: „Ich finde, dass es sinnvoller wäre, mehr Arbeitszeit in die Pflege der Bewohner zu stecken und weniger am Computer sitzen zu müssen. Aber so sind die Vorgaben nun einmal.“ Und dann ist ihre Frühschicht auch schon wieder vorbei. Sie endet, wie sie begonnen hat – mit der Schichtübergabe und einem Kaffee.

Samaritter verlässt das Pflegeheim und ist mit den Gedanken angeblich sofort woanders. Weil der Druck sonst zu groß wäre. Weil der Druck sie sonst nicht losließe. Und sie wird wieder und wieder zur Frühschicht kommen, weil dieser Beruf sie erfüllt.



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