weather-image
Im Krankenhaus Bethel werden Patienten und Angehörige ausführlich beraten / Hohe Erfolgsquote

Pflege auch nach der Entlassung sichern

Bückeburg. "Deshalb kommen Sie extra zu mir?" Viele Patienten machen erst einmal große Augen, wenn Schwester Thekla sich ihnen am Krankenbett bekannt macht. Penibel genau will die Expertin von den ganz unterschiedlich hilfsbedürftig gewordenen Patienten herausbekommen, wie sie sich ihre Versorgung nach der Entlassung aus dem Krankenhaus vorstellen.

veröffentlicht am 29.07.2006 um 00:00 Uhr

Autor:

Werner Zimmermann

Für die einen ist auch in der zum Beispiel durch einen Schlaganfall urplötzlich veränderten Lebenssituation alles sonnenklar: "Das macht meine Schwiegertochter!" Andere dagegen haben geradezu Angst vor der Entlassung, wissen nicht, wie es mit ihnen danach weitergehen kann, wie alles bezahlt werden soll. Thekla Blank hat im Bückeburger Krankenhaus Bethel eine Pionieraufgabe übernommen. "Pflegeüberleitung", so lautet etwas sperrig ihr Metier. Gemeinsam mit dem Diplom Sozialarbeiter / -pädagogen Manfred Kuhlmann kümmert sie sich darum, dass im Anschluss an die Entlassung keine Versorgungsbrüche entstehen. Bundesweit ist diese Sorge in den letzten Jahren für alle Kliniken zunehmend zu einer Herausforderung geworden. Bethel sieht sich dafür bestens gerüstet. "Wir können stolzsein auf unsere Erfolge", ist in der Chefetage zu hören. Im Gespräch mit Thekla Blank und Manfred Kuhlmann erfahren wir aus erster Hand, wie es bei ihnen läuft. Die Anzahl der Krankenhaus-Patienten, die wegen ihrer Erkrankung weiterführende Hilfe benötigen, ist auch hier in den letzten Jahren "ganz gewaltig gestiegen". Weit über 300 sind es derzeit jährlich, Tendenz weiter ansteigend. Die Ursachen dafür liegen auf der Hand: Eine immer älter werdende Bevölkerung. Demenz. Verkürzte Krankenhaus-Aufenthaltsdauer im Zuge der Gesundheitsreform. Veränderte Familienstrukturen. Als Wissenschaftler Ende 2002 ein eigens entwickeltes Modell "Expertenstandard Entlassungsmanagement" präsentierten, reagierte Bethel sofort. Ein Team unter Leitung von Blank und Kuhlmann erarbeitete ein detailliertes Konzept, das das Modell auf Bückeburger Verhältnisse überträgt und im Alltag möglichst optimal umsetzt. "Eine innovative Sache, wie wir das machen", umschreibt Kuhlmann den Betheler Erfolgsweg. Die wichtigste Neuerung: Zusätzlich zum schon lange bestehenden Sozialdienst durch Manfred Kuhlmann wurde Schwester Thekla als spezielle Fachkraft für Pflegeüberleitung "installiert" und fest in die Gesamtorganisation des Hauses integriert. Die akribische Planung der Entlassung beginnt für die beiden bereits bei der Aufnahme und endet mit der kompletten Organisation der nahtlos weiterführenden Hilfe nach der Entlassung, Sicherstellung der Finanzierung inklusive. Stellt sich heraus, dass ein erforderliches Krankenbett nicht rechtzeitig vor Ort zu Hause steht, können Thekla und Kuhlmann die Entlassung sogar verhindern. Ein ausgeklügeltes Raster sorgt dafür, dass kein durch seine Erkrankung vorübergehend oder dauerhaft hilfsbedürftig gewordener Patient übersehen wird. Was braucht er? Wer kann helfen? Wie kann geholfen werden? Intensiv wird alles individuell für jeden Patienten geprüft. Der jeweilige Hilfebedarf steht für Thekla Blank meistens relativ schnell fest. Aber damit beginnt für sie und ihren Kollegen Kuhlmann das tagtägliche Problem, Pflegebedarf und die Vorstellungen der Patienten und Angehörigen unter einen Hut zu bringen. "Marschroute dabei ist für uns das Selbstbestimmungsrecht des Patienten, und da birgt jede Pflegesituation Konfliktstoff". In aller Regel haben sich Patient und Angehörige vorher keine Gedanken gemacht, was passieren soll, wenn zum Beispiel die betagte Mutter plötzlich zum Pflegefall wird. Ein Tabu. Nun, in der Ausnahmesituation, schätzen Patienten ihre Situation oft nicht richtig ein, wollen oft nicht wahrhaben, dass sie Hilfe brauchen oder dass ihre berufstätige Tochter überfordert ist. In intensiven Konsensgesprächen am Bett mit Patient und Angehörigen mühen sich Blank und Kuhlmann um einen funktionierenden Kompromiss. "Dabei muss der Patient unbedingt auch mit der Realität konfrontiert werden". Der kaum noch zu übertreffende Erfolg von 99 Prozent einvernehmlich beigelegter Konflikte spricht für sich. In den Augen der beiden Moderatoren Thekla Blank und Manfred Kuhlmann ist ihre erfolgreiche Arbeit auch ein diakonischer Beitrag zur Stärkung der Familie. Die "hohe Dankbarkeit" der Patienten und Angehörigen kann sie nur noch mehr motivieren. "Wir sprechen immer gerne mit ihnen".

Copyright © Deister- und Weserzeitung 2017
Texte und Fotos von dewezet.de sind urheberrechtlich geschützt.
Weiterverwendung nur mit Genehmigung der Chefredaktion.

Weiterführende Artikel
    Anzeige
    Kommentare