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Pachtvertrag – fast wie ein Sechser im Lotto

Wochenendgrundstück für die Naherholung, Betätigungsfeld für Hobbygärtner mit der Möglichkeit zur Selbstversorgung oder einfach ein Stück persönliche Freiheit. Unter dem Begriff Schrebergarten vereinigen sich viele unterschiedliche Vorstellungen, die trotzdem oder gerade deswegen die unterschiedlichsten Menschen verbinden. Der Schrebergarten ist eine deutsche Institution, die, obwohl sie zeitweise aus dem Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit verschwunden zu sein schien, so vital ist wie eh und je und zurzeit sogar eine neue Blüte erlebt. Neben den erfahrenen Gartenfreaks alten Stils mit dem liebenswerten Hang zur von Gartenzwergen bewachten Idylle zwischen Rosenstöcken, Zwiebelbeeten und einem Mini-Kartoffelacker sind es heute zunehmend auch Neu- oder Wiedereinsteiger, die ihre Liebe zur eigenen oder gepachteten Scholle entdecken.

veröffentlicht am 10.08.2011 um 00:00 Uhr

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Klaus Kunkel, der im Oktober 2009 rund 400 Quadratmeter städtischen Grund auf dem Heinekamp gepachtet hat, verbindet mit seinem Garten sogar ein neues Leben. Der 50-jährige Frührentner wollte sich durch seine plötzliche gesundheitsbedingte Arbeitsunfähigkeit nicht zur Untätigkeit verdammen lassen. Viele Jahre war er für ein weltweit operierendes Unternehmen unterwegs, das auf die Sanierung von Pipelines aus Beton spezialisiert ist. „Und wenn man sein ganzes Leben gearbeitet hat, dann ist es schwer, auf einmal nichts mehr zu machen.“

Kunkel erinnerte sich an seine Kinder- und Jugendzeit, als er mit dem Garten seiner Eltern aufgewachsen ist. Er habe danach aber „kein Interesse mehr“ an dem Thema gehabt, abgesehen davon, dass er sich an seinem früheren Wohnort um die Pflege von ein paar Blumenbeeten und etwas Rasenfläche gekümmert habe.

Nach überstandener Krankheit, Reha und Umzug in eine Etagenwohnung in der Rintelner Mühlenstraße merkte Klaus Kunkel, dass offenbar mehr von einem Gartenfreund in ihm steckte, als er sich bis dahin selber eingestanden hatte. Ihm fehlte etwas. „Da war dann plötzlich kein Garten mehr ...“

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So wurde er bei der Stadt Rinteln vorstellig und erlebte etwas, worauf viele Antragsteller lange warten. Andreas Wendt, zuständig für die Verwaltung und Verpachtung städtischer Schrebergärten, konnte Kunkel kurzfristig eine Parzelle auf dem Heinekamp anbieten. Kunkel weiß, dass das fast mit einem Sechser im Lotto vergleichbar ist. „Ein Bekannter von mir sucht schon seit sieben Jahren nach einem Garten.“ Meistens kommt man nur über Empfehlungen und persönliche Beziehungen zu einem Pachtvertrag, meint Kunkel: „Wir sagen immer, das wird familienintern geregelt.“

Er selber hatte deutlich mehr Glück und bekam nach der Unterschrift unter den Pachtvertrag zusätzlich noch einen 1000-Quadratmeter-Garten an der Hartlerstraße angeboten. Doch er entschied sich gegen diesen großen Garten. „Die Arbeit muss ja auch zu schaffen sein.“

Und Arbeit habe der vorherige Pächter in 20 Jahren auf den 400 Quadratmetern Heinekamp genug angehäuft, berichtet er weiter. Das Terrain musste gründlich saniert und entmüllt werden: „Dreimal war der Schrotthändler da, vier Touren Holz haben wir abgefahren, einen langen Zaun aus Wellblech entsorgt und einen neuen Zaun mit neuen Toren gesetzt.“

Insgesamt hat aber das Starterpaket mit Laube, Geräteschuppen und Gewächshaus gut gepasst. Sogar eine Grundwasserpumpe hatte der Vorgänger hinterlassen, denn „ein heißer Sommer ohne Wasser und man ist aufgeschmissen“.

Schritt für Schritt hat sich Kunkel mit jedem rekultivierten Quadratmeter auch Lebensqualität zurückgeholt. Es gehe ihm gesundheitlich viel besser, erzählt er. „Ich kann hier meine Kraft einteilen, und wenn es mal nicht geht, setze ich mich hin und erhole mich erst mal wieder.“

Inzwischen ist der Schrebergarten für Kunkel und seine große Familie, zu der inzwischen auch vier Enkel gehören, das geworden, was er auch für die meisten anderen Kleingärtner ist: die Ausweitung der Stadtwohnung ins Grüne und Lebensraum mit einer ganz besonderen Qualität. „Wir sind in der Saison eigentlich fast immer hier draußen und alles ist bei uns auf Kinder gemünzt.“ Der familieneigene Spielplatz mit der riesigen Kletterburg spricht für sich. „Und vor allem unsere Enkelin Leonie ist gerne hier, weil Opa ihr zeigt, wie man mit Wasser spielt“, sagt seine Frau Kerstin über das mit zweieinhalb Jahren jüngste Mitglied der Familie.

Die Kunkels schätzen zunehmend auch den ursprünglichen Zweck ihres Schrebergartens. Mehr und mehr wird angebaut, was den Speisezettel bereichert, die Haushaltskasse entlastet und vor allem außerordentlich zufrieden macht. „Seit eineinhalb Jahren bauen wir Gemüse an, letztes Jahr haben wir den ersten Apfelbaum gepflanzt. Unser Ziel ist es, erst mal jedes Jahr einen neuen Obstbaum zu pflanzen.“ Salat, Radieschen, Zwiebeln, Gurken, Paprika und Erdbeeren sind dieses Jahr gut gediehen, zählt Kunkel auf. „Wunderbar, wenn man’s frisch reinholen kann, und wo wir jetzt nur noch zu zweit sind, leben wir fast nur von Eigenversorgung.“

Dass die Kunkels mehr und mehr zu Gartenprofis geworden sind, liegt vor allem an der guten Chemie unter Schrebergärtnern. Man hilft sich gegenseitig mit Tipps und neuen Pflanzen zum Ausprobieren im Frühbeet oder Gewächshaus. Der Schnack über den Gartenzaun gehört ebenso dazu, wie gelegentliche Einladungen zum Grillen oder das Gießen, wenn die Nachbarn ausnahmsweise doch mal verreist sind.

Übers Helfen hat auch Joachim Weiss sein Herz für das kleine Paradies Schrebergarten entdeckt. Der Vorruheständler aus der Rintelner Innenstadt unterstützt eine alte Dame, die ebenfalls ihren Garten auf dem Heinekamp hat und sich nach 30 Jahren aus Arbeit und Leben im Zweitwohnsitz zurückziehen möchte. Ob er den Schrebergarten übernehmen wird, kann Weiss noch nicht sagen. Aber als Teil seiner Ruhestandsbeschäftigung und Hobby könne er sich das Ganze gut vorstellen, „obwohl es hier immer nachwachsende Arbeit gibt“. Nicht zuletzt durch die Lage im Hochwassergebiet, wenn die Weser wieder einmal Garten samt Laube geflutet und eine dicke Schlammschicht hinterlassen habe. Da helfe nur, rechtzeitig alle Gartengeräte hochzustellen und anschließend die Hütte gründlich zu säubern. Joachim Weiss ist allerdings genügend Optimist, um allem seine schönen Seiten abzugewinnen und berichtet lächelnd: „Das Schöne am Hochwasser ist, dass es hier keine Wühlmäuse und keine Maulwürfe gibt.“

Und mit Blick auf alles, was rund um ihn herum wächst und gedeiht, gerät er fast ins Schwärmen: „Die Kartoffeln sind dieses Jahr gut, und gerade haben wir auch Honigmelonen im Zelt.“ Warum die Obstbäume aber dieses Jahr nur in Richtung Osten Früchte tragen, ist ihm dagegen ein Rätsel, bei dessen Lösung vielleicht die alteingesessenen Heinekämper helfen können. Bis dahin vermutet er: „Vielleicht gab’s ja in der Blüte kalten Wind aus Westen ...“

Schrebergärtner sind eigentlich zugängliche und kommunikationsfreudige Naturen, aber hier und da gibt es auch eine Mauer des Schweigens. So in der kleinen Gartenkolonie zwischen Doktorseeweg und Hartlerstraße in der Nachbarschaft von Hochhäusern. Die Erwartung, hier ins Gespräch zu kommen, wird enttäuscht. So gibt sich die alte Frau mit Kopftuch und Puschen, die gerade im Weg zwischen den Parzellen verschwindet, außerordentlich zugeknöpft: Ich habe keinen Garten, besuche nur Bekannte hier.“ Auch gut, fragen wir also die Bekannte, die aber ebenso abwehrend mitteilen lässt, ohne sich zu zeigen: „Gazette? Nein!“ So ist es auch drei Gärten weiter, wo die Ehefrau nach kurzer Rücksprache im Gewächshaus mitteilt: „Mein Mann will nicht...“

Ganz anders die überaus freundliche und zuvorkommende Aufnahme in einem Schrebergarten im Exterfeld. Die beiden türkisch-stämmigen Rintelner Familien Kaya und Aydin teilen sich hier seit über 20 Jahren eine große Parzelle. Die 22-jährige Dilek Kaya und ihre 20-jährige Freundin Ayla Aydin kommen auf Anfrage nach einem Kurzinterview umgehend mit einer Zusage ihrer Mütter zurück. Die sind zwar gerade damit beschäftigt, im Kessel über offenem Holzfeuer Frischkäse aus Kuhmilch zuzubereiten, lassen aber gerne ihre Töchter für sich sprechen.

„Meine Mutter hatte schon früher in der Türkei einen Garten“, erzählt Dilek Kaya. Nach der Übersiedlung nach Deutschland sei es sozusagen mit dem Schrebergarten am Exterfeld nahtlos weitergegangen. Die Eltern hätten sich zusammengetan, weil die Arbeit von mehreren Händen viel besser zu schaffen ist. Und ein Blick in die Runde zeigt, dass wirklich viel zu tun ist. Jeder verfügbare Quadratmeter ist mit Gemüse und Obst bepflanzt. Hühner sorgen für zusätzliche Nahrung und man spürt deutlich: Dieser Garten ist ein echter Nutzgarten, wie er noch vor 50 Jahren überall in Deutschland im nahen Umfeld der Städte üblich war.

Der Garten ist für ihre Familien neben dem rein materiellen Nutzen vor allem eine kommunikative Angelegenheit, versichern die beiden jungen Frauen strahlend in Erinnerung an ihre Kindheit. „Das ist hier unser Treffpunkt für die ganze Familie, wo wir gemeinsam arbeiten, grillen und Fladenbrot backen“, erzählt Ayla Aydin. Dazu schmecke das Gemüse aus dem eigenen Garten viel besser als gekauftes. Die beiden Freundinnen müssen aber eingestehen, dass sich auch unter den türkischen Familien ebenso wie bei den deutschen Nachbarn ein Wandel bemerkbar mache. Denn, so Dilek Kaya: „Bei den Jugendlichen ist Gartenarbeit heute nicht mehr so angesagt.“

Dass Schrebergärten als solche nicht mehr angesagt sein sollen, kann Andreas Wendt von der Stadt Rinteln nicht bestätigen. Im Gegenteil, „die Nachfrage ist sehr groß“, berichtet er. Es gebe aber keine Warteliste bei der Stadt Rinteln, man müsse einfach regelmäßig nachfragen. Nur nicht gerade jetzt während der Sommermonate, „denn da kündigt niemand seinen Garten“.

Ansonsten sei das Verfahren unkompliziert. Es gebe auch keine Reglementierung für die städtischen Schrebergärten, wie sie in den Laubenkolonien und Kleingärtnervereinen der Großstädte üblich seien. „Außer, dass bei uns keine Tierhaltung erlaubt ist, abgesehen von den privaten Gärten.“ Auch gebe es seitens der Stadt keine langfristigen Pachtverträge, obwohl die meisten Parzellen über lange Zeit ausgebucht seien.

Eine Parzelle, eine Gartenlaube und eine Menge Arbeit – aus diesen Zutaten besteht die Leidenschaft der Schrebergärtner. Noch immer erfreut sich der Trend zur „Zweitwohnung im Grünen“ großer Beliebtheit. Dabei sind die Beweggründe und Ziele der Kleingärtner so unterschiedlich wie die Pflanzen in ihren Beeten.

Dilek Kaya (l.) und ihre Freundin Ayla Aydin verbinden schöne Kindheitserinnerungen mit dem gemeinsamen Schrebergarten ihrer Familien. Wie man traditionelle Gerichte zubereitet, haben sie von ihren Müttern gelernt.

Fotos: who

Gartenzwerge sind nur Randfiguren in Klaus Kunkels Garten. Dafür bringt Enkeltöchterchen Leonie umso mehr Leben in das Freizeitparadies der großen Familie.



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