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Organskandal gefährdet Spendebereitschaft

Ferdinand Rohlfing (63) weiß nur zu gut, was es bedeutet, auf eine Spenderniere zu warten. Mit 41 Jahren versagte bei ihm aus unklaren Gründen dieses für die Entgiftung des Körpers so unentbehrliche Organ. Dreimal pro Woche musste der Bad Nenndorfer zur Dialyse nach Bad Münder fahren, um sich dort in einer fast fünfstündigen Prozedur das Blut reinigen zu lassen. Vor etwa 20 Jahren betrug die Wartezeit auf eine Niere drei Jahre. Als Ferdinand Rohlfing ein Jahrzehnt später erneut eine Niere brauchte, musste er bereits sieben Jahre warten. „Dass es Organspendeausweise gibt, ist eine tolle Sache“, meint er. „Der springende Punkt dabei: Die Krankenhäuser müssen auch bereit sein, die Gelegenheit zu einer Organentnahme zu nutzen.“

veröffentlicht am 04.08.2012 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 24.01.2019 um 14:21 Uhr

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Als Mitglied des Landesverbandes Nierenkranker, Dialysepatienten und Transplantierter (LNDT) für die Regionen Hameln-Pyrmont und Schaumburg ist er im ständigen Austausch mit nierenkranken Menschen, die auf ein Ersatzorgan warten. „Soviel ich weiß, wurde im Landkreis Schaumburg in den letzten acht Jahren nur eine einzige Organentnahme vorgenommen“, sagt er. „Der Ausweis allein garantiert noch lange nicht, dass im Fall eines Hirntodes auch wirklich die Transplantation in die Wege geleitet wird.“ Seiner Meinung nach haben Kliniken gar kein so großes Interesse daran, die entsprechenden Maßnahmen zu treffen und dadurch die normalen Arbeitsabläufe stocken zu lassen.

Tatsächlich können die Statistiken über erfolgreiche Organentnahmen von Patienten der Krankenhäuser im Schaumburger Land und Hameln/Bad Pyrmont auf den ersten Blick verwundern. Nur ganz selten wird ein Spender der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) gemeldet, und noch seltener ergibt sich daraus schließlich eine erfolgreiche Organentnahme. Aus dem Jahresbericht der DSO-Nord lässt sich ablesen, dass im Jahr 2011 weder die Schaumburger Kliniken noch Hamelns Sana-Klinikum oder das Bathildiskrankenhaus in Bad Pyrmont mit seiner großen Neurochirurgie auch nur ein einziges Mal daran beteiligt waren, Spenderorgane zu vermitteln.

Dabei gibt es unter anderem in Hameln einen Transplantationsbeauftragten, der dafür zuständig ist, in Frage kommende hirntote Patienten an die DSO zu melden, und in Bad Pyrmont besteht zwischen Krankenhaus und DSO ein sogenannter „Inhouse Kooperationsvertrag“, bei dem es darum geht, möglichst effizient dafür zu sorgen, dass geeignete Spenderorgane durch die Vermittlung der DSO entnommen, transportiert und dann über die „Eurotransplant“ im holländischen Leiden an einen Kranken auf der Warteliste weitergegeben werden. Trotzdem ergab sich im Bathildiskrankenhaus nur zweimal eine Meldemöglichkeit an die DSO, wobei sich dann herausstellte, dass die Organe doch nicht zu gebrauchen waren.

Im Landkreis Schaumburg gab es keinerlei dokumentierten Kontakt zur DSO. „Das zeigt aber nur, wie aufwendig das ganze Verfahren ist“, so Kreisverwaltungsdirektorin Ursula Müller-Krahtz, die selbst einen Fall in der Familie hatte, wo man verzweifelt auf eine geeignete Spenderniere wartete. „Sicher – wenn da ein junger, ansonsten gesunder Motorradfahrer mit Organspendeausweis schwer verunglückt auf der Intensivstation eintrifft, der Hirntod eintritt und auch die Angehörigen verständigt sind, dann kann das knappe Zeitfenster durchaus auch in den kleineren Kliniken genutzt werden. Das sind aber Einzelfälle, wie sie sich oft jahrelang gar nicht ergeben.“

Nadine Körner aus der Pressestelle der DSO-Nord – sie ist als Ansprechpartner und Vermittler zuständig für die Krankenhäuser in Schleswig-Holstein, Hamburg, Bremen und Niedersachsen – erläutert das Problem: „Etwa 400 000 Menschen sterben pro Jahr. Nur etwa ein Prozent von ihnen ist hirntot und kommt als potenzieller Organspender in Betracht“, sagt sie. „Das sind viel geringere Fallzahlen, als die meisten Laien es vermuten.“ Dazu komme, dass Potenziale im normalen Klinikalltag oft nicht erkannt würden, sei es, weil vor Ort kein entsprechend geschultes Personal existiere, sei es, weil die technischen Möglichkeiten nicht ausreichten, um die Organe lange genug gesund zu erhalten.

„Und selbst wenn ein potenzieller Spender identifiziert ist, dann fehlt oft ein Organspendeausweis. Tiefgehende Gespräche mit den niedergeschlagenen Angehörigen sind gefordert, die sich dann vielleicht trotzdem nicht überzeugen lassen oder die den Gedanken einer Organentnahme trotz Spenderausweis nicht ertragen können – es ist viel individuelles Engagement in den Krankenhäusern gefordert, um das Potenzial annähernd ausschöpfen zu können.“ Immer wieder komme es auch vor, dass sich schließlich herausstellt: Die Organe sind doch beschädigt, sie lassen sich nicht transportieren oder es ist in dem knappen Zeitfenster gar kein geeigneter Empfänger zu ermitteln.

Das neue Transplantationsgesetz verlangt jetzt für alle Kliniken mit Intensivstation den Einsatz von Transplantationsbeauftragten, doch gibt es Stimmen, die bezweifeln, dass sich die Lage dadurch entscheidend verbessern wird. Dazu gehört zum Beispiel Gerald Madretzki aus Apelern, Vorsitzender der Regionalgruppe des LNDT, der bereits als junger Mann zur Dialyse musste und insgesamt zweimal eine Nierentransplantation mit langen Wartezeiten dazwischen überstand.

Er sieht die ohnehin geringe Spendenbereitschaft durch den Göttinger Organspendeskandal als zusätzlich gefährdet an. „Wenn gerade etwas aufgebaut wurde durch die Nierenspende von Franz-Walter Steinmeier an seine Frau, es ist nun wieder runtergedrückt“, meint er. „Wir sind sehr besorgt.“

Er wünscht sich noch viel intensivere Aufklärung der Bevölkerung, damit den Menschen bewusst werde, wie bedeutsam eine Organspende auch dann sei, wenn es nicht unmittelbar um Leben und Tod gehe, sondern, wie bei vielen Nierenkranken darum, das Leben eines anderen etwas zu erleichtern und zu verlängern.

„Von der Dialyse abhängig zu sein, ist zwar durch verbesserte Technik und die vielen mobilen Dialysestationen heutzutage nicht mehr so hart wie früher“, sagt er. „Aber mit einer neuen Niere können vor allem auch jüngere Menschen wieder einen halbwegs normalen Alltag führen. Es ist eine schreckliche Vorstellung, dass jetzt viele Leute ihre Organspenderausweise zerreißen, weil sie das System für korrupt halten.“

Dr. Joachim Hertel, ärztlicher Direktor am Bathildiskrankenhaus in Bad Pyrmont und intensiv mit der Transplantationsproblematik beschäftigt, setzt ebenfalls auf flächendeckende Aufklärung. „Aus unserer Neurochirurgie kamen immer viele Organspenden, doch seit Jahren geht die Spendebereitschaft kontinuierlich zurück“, sagt er. „Hatten wir früher pro Jahr 20 bis 30 Kandidaten, so sind es heute höchstens 15, von denen wir die Organe erhalten könnten.“ Das liege ganz gewiss nicht daran, dass die Klinik nicht genug Engagement zeige. „Die meisten Menschen – das sieht man ja an der niedrigen Anzahl der Organspendeausweise – fürchten sich sowieso davor, man könne sie unrechtmäßig behandeln, um an ihre Organe zu gelangen.“ Das eigentliche Problem aber liege an den Patientenverfügungen, wie sie immer üblicher würden. „Gerade ältere Patienten, deren Organe im Falle eines Hirntodes für andere eventuell nützlich sein würden, verweigern durch die Vorsorgevollmachten die für eine Organentnahme notwendige Intensivtherapie. Sie versterben dann zu schnell und ihre Organe gehen verloren.“ Häufig sei es den Betroffenen gar nicht bewusst, dass ihr Wunsch, der Apparatemedizin zu entgehen, zugleich bedeute, keine Organe spenden zu können. „Natürlich könnten wir den Angehörigen diesen Zusammenhang verdeutlichen und sie bitten, einer Organentnahme zuzustimmen. Doch das kommt nicht in Frage. Wir forcieren da nichts, sondern beachten mit aller Konsequenz den letzten Willen der Patienten.“

So kam es dazu, dass das Bad Pyrmonter Krankenhaus 2009 und 2010 nur jeweils einmal, im Jahr 2011 gar keine Spenderorgane zur Verfügung stellen konnte. „Ich befürchte, dass die Lage sich für 2012 insgesamt noch einmal drastisch verschlechtern wird und die Zahlen für Deutschland um die 30 Prozent zurückgehen werden.“

Für die Landkreise Schaumburg und Hameln-Pyrmont kann da allerdings kaum noch eine Verschärfung entstehen. „Vielleicht wäre es noch was anderes, wenn es für die Spender finanzielle Anreize gäbe, ihre wertvollen Organe nach dem Tod zur Verfügung zu stellen“, so Nadine Körner von der DSO. „Doch das steht aus ethischen Gründen weder für die Krankenhäuser noch für die Patienten zur Debatte.“

Organspenden sind so knapp, die Wartezeit auf ein Organ so lang, dass man in Göttingen sogar die Wartelisten manipuliert hat, um einzelne Erkrankte zu bevorteilen. Von den Landkreisen Schaumburg und Hameln-Pyrmont aus wurde im letzten Jahr kein einziges Organ an „Eurotransplant“ vermittelt. Die Gründe dafür sind vielfältig. Patienten, Vermittler und Chefärzte befürchten eine düstere Zukunft für Organtransplantationen.

Göttinger

Skandal stimmt „sehr besorgt“

Die Anzahl der

Organspender ist rückläufig.



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