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Wie sich das Einkaufsverhalten ändert / Interview mit Dr. Dorothea Schulz von der Industrie- und Handelskammer

Online-Shopping wird zur Gefahr

Hameln. Deutschlands Innenstädte unterliegen einem rasanten Wandel, der sich auf die Betriebsformen im Einzelhandel auswirkt und weitreichende Konsequenzen für die klassischen Funktionen der Innenstädte und Zentren hat. Welche Rolle spielen dabei die Konsumenten? Wie hat sich das Einkaufsverhalten in den vergangenen Jahren verändert? Ein Interview mit Dr. Dorothea Schulz, Leiterin der Geschäftsstelle der Industrie- und Handelskammer in Hameln.

veröffentlicht am 25.02.2013 um 20:00 Uhr

Frau Dr. Schulz, Menschen kaufen heute anders und zu anderen Zeiten ein als früher – was ist die Ursache?

Die Menschen ändern heute ihr Leben in allen Lebenslagen, weil sich ihre Rahmenbedingungen, ihre Arbeitswelt und ihre Lebensgewohnheiten ändern. Wer kann heute noch von geregelten Arbeitsverhältnissen ausgehen? Mobilität ist gefragt. Viele Paare und Familien führen Wochenendbeziehungen.

Wie wirkt sich das auf das Einkaufsverhalten aus?

Wie man sich vor Ort versorgt, hängt von der dort vorhandenen örtlichen Struktur und der zeitlichen Verfügbarkeit ab. Fakt ist, dass das Internet immer mehr Kunden lockt. Apps, Portale und Online-Shops sind die größte Konkurrenz für den lokalen Einzelhandel. Meiner Schätzung nach macht das Online-Shopping heute fast zehn Prozent des Gesamthandelsumsatzes aus. Tendenz: steigend. Und das gilt nicht nur für Bekleidung, Schuhe und Elektronik, sondern greift auch langsam im Bereich Lebensmittel. Als Prognose für 2013 wird ein Gesamthandelsumsatz von 44 Milliarden Euro erwartet, 34 Milliarden Euro sollen davon auf den Onlinehandel entfallen.

Liegt das florierende Internetgeschäft nicht auch daran, dass in bevölkerungsschwachen Regionen Infrastrukturen wegbrechen?

Natürlich. Da bietet das Internet einen Ausweg. In vielen Dörfern fehlen heute die Nahversorger. Vielleicht möchte man aber auch einen ganz bestimmten Schinken, den man vor Ort nicht bekommt. Oder Getränke – die werden ohnehin schon bei vielen angeliefert. Aber es gibt auch einen Gegentrend im ländlichen Bereich: den Hofladen. Dort werden Waren aus der Region angeboten. Und in manchen Ortschaften aktivieren Einwohner gerade wieder den Dorfladen. Auch fahrende Händler sind wieder da, die Menschen in abgelegenen Gegenden mit Lebensmitteln versorgen, eine Art Retro-Effekt: Die gab es früher schon und jetzt wieder.

Online-Einkauf ist die eine Seite, Erlebniseinkauf die andere. Wie sieht es damit aus?

Der Kunde will heute nicht einfach nur einkaufen, er will auch bespaßt werden. Mit speziellen Events kann man Kaufanreize schaffen und Einkaufsströme beeinflussen. Kommunikation spielt dabei eine nicht zu unterschätzende Rolle. Wochenmärkte sind da ein gutes Beispiel: Sie sind traditionelle Treffpunkte, die auch bei Jüngeren immer beliebter werden. Das hat natürlich auch mit einem wachsenden Bewusstsein für regionale Produkte zu tun. Märkte werden noch an Bedeutung gewinnen. Andererseits erschließen sich durch das Internet auch neue Handelsbereiche. Nehmen wir zum Beispiel Textilien: Junge Leute ordern online meist mehrere Teile. Was nicht passt oder nicht gefällt, wird zurückgeschickt. Es gibt in Hannover-Laatzen eine Firma, Netrada, die sich auf diese Retour-Waren spezialisiert hat: Sie nimmt diese an sich und bereitet sie auf. Sie wickelt im Auftrag der Marken Esprit, Tamaris etc. das gesamte Online-Shop-Geschäft ab, sozusagen als Outsourcer.

Welchen Stellenwert haben Factory-Outlets?

Kurios, dass die Menschen den Weg auf sich nehmen, in der Hoffnung, dort Markenware günstig zu bekommen, auch wenn sie dafür teures Benzin verfahren. Aber auch Factory-Outlets fallen unter die Kategorie Erlebniseinkauf. Man unternimmt einen Ausflug und schaut sich um.

Kann sich der Einzelhandel langfristig gegen die wachsende Online-Konkurrenz behaupten?

Grundsätzlich muss sich der Einzelhandel darauf einstellen, dass das Kaufverhalten nicht mehr so kalkulierbar ist wie vor 20 Jahren. Das gilt nicht zuletzt für witterungsabhängige Saisonware. Bei allem Verständnis dafür, dass Regale geräumt und neu bestückt werden müssen: Wer will schon bei Minusgraden Sommersachen kaufen? Wenn ich dann den Pullover vor Ort nicht mehr bekomme, bestelle ich ihn im Internet. Aber es wird immer Kunden geben, die lieber in ein Geschäft gehen und sich beraten lassen. Voraussetzung ist ein kompetentes Fachpersonal. Davon profitieren vor allem beratungsintensive Branchen. Da mag das Internet zunächst eine Orientierungshilfe darstellen, gekauft wird dann aber doch lieber vor Ort. Generell müssen Einzelhändler heute viel flexibler sein. Oft ist nicht die Vielfalt entscheidend, sondern das Nischenprodukt und das Gespür für die richtige Marke.

Hat das Fernsehen Einfluss auf das Einkaufsverhalten?

Aber ja. Die Fernsehwerbung beeinflusst sehr stark – in die eine oder die andere Richtung. Die Verführbarkeit durch TV-Werbung ist enorm.

Gibt es Unterschiede beim Einkaufsverhalten von Groß- und Kleinstädtern?

Unbedingt. Weil in der Großstadt die Geschäfte länger geöffnet sind, werden Einkäufe oft nach Feierabend während der Woche erledigt. In kleineren Städten gibt es eher noch den traditionellen Wochenendeinkauf.

Wie wichtig sind einheitliche Öffnungszeiten?

Sehr wichtig. Verlässliche einheitliche Öffnungszeiten sind das große Plus von Einkaufscentern, die Produktvielfalt unter einem Dach und zu verbindlichen Zeiten bieten.

Wie früher die großen Kaufhäuser …

Ich sehe da keinen großen Unterschied im Warenangebot. Die Stadtgalerien haben zum Teil die großen Kaufhäuser abgelöst. Das ist eine Frage der Verkaufsflächen, aber auch der Art der Präsentation. Die zentrale Lage eines Einkaufscenters ist für Innenstädte wie Hameln ein Gewinn, weil sonst die „grüne Wiese“ noch mehr Kaufkraft abgezogen hätte. Dabei spielt natürlich auch das Parkplatzangebot in unserer autofixierten Gesellschaft für das Kaufverhalten eine wichtige Rolle.

Interview: Karin Rohr



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