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Zahl der insolventen Privatpersonen in den ersten sechs Monaten des Jahres dramatisch gestiegen

Onlineshopping oft ein Grund für die Pleite

Hameln (HW). Trotz leichter konjunktureller Erholung legen die Zahlungsunfähigkeiten einzelner Betriebe weiter zu. Die Zahl der eröffneten Unternehmensinsolvenzen im Bereich des Amtsgerichts Hameln erhöhte sich in den ersten sechs Monaten des Jahres auf 101. Im gleichen Zeitraum 2009 waren 92 Unternehmen von der Pleite bedroht. Die Verbraucherinsolvenzen stiegen dagegen um 111 Fälle auf 352 eröffnete Verfahren.

veröffentlicht am 08.07.2010 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 01.03.2018 um 17:01 Uhr

„Diese Entwicklung deutet an, dass 2010 die Zahl der insolventen Privatpersonen dramatisch steigen wird. Das wäre die Hölle“, sagt Hans-Joachim Mierswa, Kundenberater bei Creditreform in Hameln. Denn bei den 352 Fällen handele es sich um eröffnete Verfahren, die Zahl der Anträge sei mit 375 noch deutlich höher. Das Problem der finanziellen Schieflage insbesondere bei jüngeren Leuten macht Mierswa am Internet fest: „Anders als bei der Nachkriegsgeneration wird bestellt und gekauft, ohne zu überlegen, ob es finanzierbar ist.“ Die Folgen seien Mahnbescheide, Haftanordnung und am Ende die eidesstattliche Versicherung oder eben die private Insolvenz. Aber auch von Kurzarbeit oder Entlassung Betroffene gerieten wegen des plötzlich weniger zur Verfügung stehenden Geldes schnell in die Situation der Zahlungsunfähigkeit – mit den gleichen Folgen, dem Antrag auf private Insolvenz.

Ob das Amtsgericht ein Verfahren eröffnet, ist davon abhängig, ob der Betroffene noch über Werte verfügt. „Es muss etwas da sein, was zur Schuldentilgung umgesetzt werden kann. Ist keine Masse vorhanden, wird eine Eröffnung des Verfahrens abgelehnt und die Gläubiger stehen mit leeren Händen da“, weiß der Kundenberater.

Bei der Privatinsolvenz, die offiziell Verbraucherinsolvenz heißt, handelt es sich um ein vereinfachtes Verfahren, das in der Insolvenzordnung geregelt ist. Ziel ist es, hoch verschuldeten Privatpersonen nach einer gewissen Zeit den Neuanfang zu ermöglichen, indem der Schuldner nach Ablauf der Wohlverhaltensperiode und dem Abschluss des Insolvenzverfahrens von der Pflicht zur Tilgung der Restschulden befreit wird. „Das geschieht aber frühestens sechs Jahre nach Eröffnung des Verfahrens und nur dann, wenn es nicht zu weiteren finanziellen Verfehlungen gekommen ist“, betont Mierswa.

Das Verfahren der Privatinsolvenz steht natürlichen Personen sowie ehemaligen Selbstständigen und Kleingewerbetreibenden offen, sofern sie weniger als 20 Gläubiger und keine Verbindlichkeiten aus Beschäftigungsverhältnissen mit Arbeitnehmern haben. Der Ablauf des privaten Insolvenzverfahrens lässt sich im Wesentlichen in vier Schritte gliedern: Im ersten Schritt muss der Schuldner mithilfe eines Schuldenbereinigungsplans versuchen, sich außergerichtlich mit den Gläubigern über eine Schuldenrückzahlung zu einigen. Dies geschieht über einen spezialisierten Rechtsanwalt oder öffentlich anerkannte Schuldnerberatungsstellen, denn nur diese sind berechtigt, dem Schuldner die für den weiteren Verlauf des Verfahrens nötige Bescheinigung über das Scheitern einer außergerichtlichen Einigung auszustellen. „Die Durchschnittsverschuldung in Deutschland liegt bei 38 000 Euro. Das kann für einen Hartz-IV-Empfänger ein unüberwindbarer Berg sein, wenn sie dann zu uns kommen. Es gibt brutale Einzelschicksale“, sagt Mark Brandt, der bei der AWO Hameln für die Schuldnerberatung verantwortlich zeichnet. „Wir sondieren dann alle Unterlagen, die Schuldenhöhe und wie viele Gläubiger überhaupt auf Geld warten“, erläutert der Diplom-Pädagoge das sich immer wiederholende Prozedere.

In diesem sogenannten Schuldenbereinigungsplan werden alle Einnahmen und Ausgaben des Schuldners aufgelistet, zudem wird festgehalten, wie und in welcher Höhe die Verbindlichkeiten abzubauen sind. Wird dieser Plan jedoch von mindestens einem Gläubiger abgelehnt oder betreibt ein Gläubiger nach Zustellung des Plans weiter die Zwangsvollstreckung, gilt der Schuldenbereinigungsplan als gescheitert. Erst dann kann das Scheitern des Schuldenbereinigungsplans bescheinigt werden, mit der dann die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beim zuständigen Gericht beantragt werden kann. Gelingt jedoch eine außergerichtliche Einigung zwischen Schuldner und Gläubiger, ist das Verfahren beendet.

Vor der Eröffnung des Insolvenzverfahrens prüft das Gericht die Erfolgsaussichten des vorliegenden Plans. Dann wird der gerichtliche Schuldenbereinigungsplan sowie das Vermögensverzeichnis den Gläubigern zugestellt. Erst wenn seitens der Gläubiger der gerichtliche Schuldenbereinigungsplan nicht angenommen wurde, wird das Verfahren der Privatinsolvenz eröffnet. Hierzu wird ein Treuhänder eingesetzt, der eine Aufstellung, die Insolvenztabelle aus Gläubigern, Forderungshöhen und -gründen, aufstellt, und das Vermögen des Schuldners verwaltet.

„Eine Privatinsolvenz wird in der Regel durchgeführt, um im Anschluss daran eine Restschuldbefreiung zu erlangen“, erläutert Jörg Ossenkop, Rechtsfachwirt und Inkasso-Sachbearbeiter bei Creditreform. Dieses Verfahren besteht aus einer sechsjährigen Wohlverhaltensphase, die mit Eröffnung des Verfahrens beginnt. Während dieser Zeit muss der Schuldner den pfändbaren Teil seines Einkommens sowie die Hälfte ihm zufallender Erbteile an den Treuhänder abtreten, der das Geld dann gemäß den in der Insolvenztabelle festgelegten Quoten an die Gläubiger ausschüttet und dem Gericht alle halbe Jahre Bericht erstatten muss. „Das können monatlich 50 Euro sein – Hauptsache, es wird regelmäßig bezahlt“, so Mierswa. Nach Ablauf dieser Wohlverhaltensphase kann der Schuldner dann bei Gericht die Restschuldbefreiung beantragen. Lehnt das Gericht ab, „hat das alles nichts gebracht“, wie Mierswa sagt. Bei positivem Ausgang allerdings gilt der Betroffene fortan wieder als schuldenfrei. Doch nicht jeder schafft diesen beschwerlichen Weg. „Das bedeutet dann eine zehnjährige Sperre, ehe abermals ein privates Insolvenzverfahren beantragt werden kann“, erläutert Brandt.

Durch unkontrolliertes Einkaufen im Internet werden immer wieder insbesondere junge Menschen in die Schuldenfalle getrieben. Die Folge: private Insolvenz.

Foto: Dana



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