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Zeitzeugin Margot Kleinberger berichtet während der Verlegung der Stolpersteine über ihre Familie

"Onkel Leo hätte sich sehr, sehr gefreut"

Bückeburg (bus). Gunter Demnig hat die Zahl der in Bückeburg verlegten "Stolpersteine" um zehn auf nunmehr 35 aufgestockt. Dem vierten Gastspiel Demnigs in der ehemaligen Residenzstadt wohnten zwei Besonderheiten inne: Einerseits hatte der Kölner Künstler am vorhergehenden Freitag in Berlin die Auszeichnung "Botschafter für Demokratie und Toleranz" erhalten, zum anderen verlieh die Anwesenheit der aus Hannover angereisten Zeitzeugin Margot Kleinberger der Stolpersteinverlegung eine von der Norm abweichende Stimmung. "Onkel Leo hätte sich sehr, sehr gefreut, wenn er von dieser Aktion gewusst hätte", tat die Seniorin unter Tränen den etwa 30 Anwesenden kund.

veröffentlicht am 28.05.2008 um 00:00 Uhr

Gunter Demnig fügt vor dem Haus Lange Straße 75, heute Comet-Mar

Mit seinen Steinen gebe Demnig den Opfern des Nationalsozialismus ein Gesicht, war in der Hauptstadt während der von Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble und Justizministerin Brigitte Zypries vorgenommenen Ehrung zu vernehmen. Der Kölner hat - anders als von überregionalen Medien behauptet, die über "rund 12 500 Steine in 277 Orten" berichten - nach in Bückeburg persönlich gegebenen Informationen "geschätzt 15 000 Steine" in exakt 338 deutschen Ortschaften verlegt. Hinzu kämen etliche Aktionen im europäischen Umfeld. "Aus Rom, Paris und Oslo liegen weitere Anfragen vor", erläuterte Demnig. "Es ist eine der wichtigsten Aufgaben demokratischer Parteien und Institutionen, Menschen für die Demokratie und ein tolerantes Miteinander zu gewinnen", erklärte Schäuble bei der Preisverleihung Demnig erinnert seit 1995 an die Opfer des Nationalsozialismus, indem er beschriftete Steine in die Bürgersteige vor den letzten Wohnorten der Verfolgten und Ermordeten einfügt. In Bückeburg galt die aktuelle Erinnerungsaktion der Kaufmannsfamilie Leo und Frida Kreuzer sowie deren Tochter Lucie Cahnfeld und ihres Ehemanns Erich (Lange Straße 75); Rosa, Hermann, Willy und Hilde Philippson (Braustraße 7) und Ida Bonwitt nebst Tochter Rosa (Sackstraße 16). "Wir müssen die Erinnerung an die fürchterlichen Auswirkungen der nationalsozialistischen Herrschaft wach halten", sagte Bürgermeister Reiner Brombach, der in seine Ausführungen ein Lob an die unter der Anleitung von Klaus Maiwald agierenden Geschichtswerkstatt der Herderschule einschloss - die Realschulschaft zeichnet in Bückeburg federführend für die Stolpersteinaktionen verantwortlich. In anderen Ortschaften Schaumburgs wird der Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten per Stolpersteinen kein Interesse entgegen gebracht. "Es ist schön, dass wir nicht vergessen werden", unterstrich Kleinberger, als sie Details aus dem Leben von "Onkel Leo" und ihrer Familie preis verriet. Die Werkstatt der Herderschule hat folgende Informationen zutage gefördert: Leo und Frida Kreuzer sowie Lucie Cahnfeld und Ehemann Erich überlebten die Verfolgung durch das Nazi-Regime durch ihre Flucht 1939 nach Uruguay. Philipp sons wurden 1942 deportiert. Rosa starb im Konzentrationslager Theresienstadt, die anderen drei Familienmitglieder im Ghetto Warschau. Ida Bonwitt, die an der Sackstraße einen Kaffeevertrieb führte, und Tochter Rosa wurden ebenfalls 1942 deportiert. Rosa starb in Theresienstadt, Ida im Konzentrationslager Auschwitz. Leo und Frieda Kreuzer betrieben im 1906 erworbenen Haus Lange Straße 75 ein Manufakturwarengeschäft. Tochter Lucie, 1910 in Bückeburg geboren, übernahm das Haus in den dreißiger Jahren. Als sie 1936 den Vertreter Erich Cahnfeld heiratete, war bereits abzusehen, dass das junge Paar in Deutschland keine Zukunft mehr hatte. Im Zuge des Novemberpogroms 1938 kam Cahnfeld mit sieben anderen Juden der Stadt für kurze Zeit in Haft. Die Eheleute bereiteten den Verkauf des Hauses vor. Das mehr als 2600 Quadratmeter große Grundstück hätte einen guten Preis einbringen müssen - das Objekt war 1924 auf 54 000 Mark geschätzt worden. Im Februar 1939 sollten Cahnfelds nur 40 000 Mark erhalten. Am Ende blieben nach Abzug der Hypotheken nur noch 9000 Markübrig, die gerade zum Bezahlen der Schiffspassage nach Südamerika ausreichten. Am 3. April verließen die Paare Kreuzer und Cahnfeld Deutschland. Kleinberger berichtete, dass Onkel Leo, derälteste Bruder ihres Vaters, später während eines Urlaubs Bückeburg einen Besuch abgestattet und sich sehr über den Aufenthalt in seiner Heimatstadt gefreut habe.



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