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Vor Gericht: Enkeltrick für Analphabeten bringt drei Wochen Arrest

"Oma, kannst du mich helfen?"

Bückeburg (ly). Alte Leute um die Rente betrügen? "Nein", versichert der Angeklagte, "damit habe ich nichts zu tun." Hat er doch. "Der Angeklagte ist eindeutig überführt", sagt Dr. Dirk von Behren, Jugendrichter in Bückeburg. Und zwar "ohne Wenn und Aber." Das Urteil: Drei Wochen Dauerarrest, die Quittung für einen so genannten Enkeltrick. Hinzu kommen 20 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

veröffentlicht am 31.05.2008 um 00:00 Uhr

Über das Stadium des Versuchs ist die Tat indes nicht hinausgekommen, weil eine als Opfer ausgesuchte Bückeburgerin (67) misstrauisch geworden war und die Polizei alarmiert hatte. Vor dem Haus fingen Beamte den Heranwachsenden (20) ab, der gerade auf die Klingel gedrückt hatte. Für Richter von Behren gibt es kaum etwas Übleres als den Enkeltrick. "Feige und niederträchtig" nennt er solche Taten: "Die Gutgläubigkeit älterer Menschen sowie deren Sorge um Familienmitglieder werden ausgenutzt." Angerufen hatte am 27. März nicht der angeklagte Bad Eilser, sondern ein unbekannter Mittäter, der sich als Enkel ausgab. Am Telefon log dieser der Seniorin vor, er habe einen Schaden am Auto und benötige dringend 500 Euro. "Oma, kannst du mich helfen?", fragte jener Anrufer, der mit der deutschen Sprache auf Kriegsfuß zu stehen scheint. Der Rentnerin wurde schnell klar, dass dies nicht die Stimme ihres Enkels war. Geistesgegenwärtig verständigte sie die Polizei, die sofort schaltete, eine Telefonüberwachung einleitete und eine Zivilstreife zum Haus schickte. "Ich habe nicht angerufen", behauptete der ertappte Trickbetrüger dort. Das war Täterwissen, denn die Polizei hatte ihm noch gar nicht gesagt, worum es geht. Weil der Anruf aus einer Telefonzelle gekommen war, konnte der Komplize übrigens bis heute nicht ermittelt werden. Offenbar sollte die 67-Jährige an dem Tag nicht das einzige Opfer sein. Vorläufig eingestellt wurde während der Gerichtsverhandlung ein ähnlicher Fall: Eine 85 Jahre alte Bückeburgerin soll auf den Trick hereingefallen sein und dem Eilser 100 Euro gegeben haben. Eine zusätzliche Verurteilung in diesem Punkt wäre kaum weiter ins Gewicht gefallen, deshalb die Einstellung. Der vorbelastete Trickbetrüger ist gut bedient. Vor dem Gesetz gilt er noch als Heranwachsender, angewendet wurde daher Jugendstrafrecht. "Ein Erwachsener hätte für diese Sache mindestens sechs Monate Freiheitsstrafe bekommen", erklärte Richter von Behren. Dennoch: "Der Angeklagte", so Staatsanwalt Wilfried Stahlhut, "braucht einen Schuss vor den Bug." Verurteilt wurde der junge Mann außerdem wegen eines Ladendiebstahls. Aus einem Rintelner Supermarkt hatte er einen Flachbildschirm für 549 Euro mitgehen lassen. Auch in dieser Tat erkennt das Gericht "erhebliches kriminelles Potenzial".

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