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Bewährung mit "Knastgarantie"

Oma (78) ist zu schlau für falsche Enkel

Stadthagen/Bad Nenndorf (fox). Die Enkeltrick-Betrüger, die in der vergangenen Woche versucht hatten, gemeinsam die Bad Nenndorfer Rentnerin Margarethe Knorr um mehr als 1000 Euro zu erleichtern, sind am Dienstag im Amtsgericht Stadthagen im beschleunigten Verfahren zu je vier Monaten auf Bewährung und 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden.

veröffentlicht am 20.11.2008 um 00:00 Uhr

Wer eine alte Rentnerin um ihr Erspartes bringen will, handele perfide und hinterhältig. Das hatte Richter Kai Oliver Stumpe den beiden jungen Männern vor der Urteilsverkündung noch einmal deutlich gesagt. "Sollten Sie noch einmal in meinem Bezirk eine ähnliche Nummer abziehen, gebe ich Ihnen hiermit Knastgarantie." Der 22 Jahre alte Mindener und ein 18-jähriger Lehrter waren am 11. November in Bad Nenndorf gemeinsam unterwegs gewesen - glaubt man der Verteidigung, um nach Aufträgen für das Dachdecker- und Steinreinigergewerbe des 18-Jährigen zu suchen. In einem angeblich spontanen Einfall habe man sich dann zu dem Enkeltrick entschlossen, hieß es. Gegen Spontaneität und Zufälle sprechen für Richter Stumpe und Staatsanwalt Wilfried Stahlhut unter anderem die Ansammlung von Telefonbüchern im Tatfahrzeug und die Anruferliste im einem Mobiltelefon der Täter. Die beiden hatten sich jedoch bei ihren Anrufen auf Telefonbucheinträge von Frauen mit altdeutschen Vornamen konzentriert, wie der Richter sagte. Auch einige bekannte Bad Nenndorferinnen waren darunter. Jedoch blieb es nur bei einem Kontakt: Margarethe Knorr (78). Die Erklärung des Verteidigers Jürgen Dammeyer, die jungen Männer hätten die Nummern ausgewählt, weil sie bei einem alten Namen auch ein altes Wohnhaus mit Sanierungsbedarf vermutet hätten, kaufte Stumpe dem Anwalt des 18-Jährigen nicht ab. Auch Zeichen von Reue und Entschuldigungen wertete der Richter als "Lippenbekenntnisse". "Das einzige was Ihnen leidtut sind Sie selber, weil Sie erwischt worden sind." Es ist eine filmreife Aktion gewesen, mit dem die Polizei den Tätern am vergangenen Dienstag das Handwerk gelegt hatte. Nachdem die falschen Enkel gegen 13 Uhr die 78-Jährige zum ersten Mal angerufen, ihr den Namen ihre Enkels entlockt, und die Geschichte vom kaputten Auto und Geldnot aufgetischt hatten, sollte es ein gemeinsames Treffen vor der Sparkasse ander Rodenberger Allee geben. Doch die Rentnerin war misstrauisch geworden und hatte mit ihrer Familie Rücksprache gehalten. Von einer anstehenden Reparatur wusste niemand etwas. Inzwischen war auch die Polizei eingeschaltet. Bei weiteren Anrufen der Betrüger kam es zur Vereinbarung, dass die Rentnerin wegen ihres Hüftleidens von den Tätern zur Bank chauffiert wird. Immer im Hintergrund: die Polizei. "Ich soll mir keine Sorgen machen, die Polizei wäre immer in meiner Nähe", berichtete Knorr von Gesprächen mit den Beamten. So stieg sie schließlich in den Transporter des Duos ein und ließ sich zur Sparkasse fahren, wo die Polizei blitzschnell zugeschlagen habe. Der Frau geschah dabei nichts. Nur zwei Tage später habe sie sich "etwas geschockt" gefühlt, erklärte sie am Rande der Hauptverhandlung. Was dann für die Täter folgte, war nach Ansicht des Richters ein abschreckender Vorgeschmack auf das, was ihnen bei Wiederholung blühen könnte. Die U-Haft-Erlebnisse des 22-Jährigen im Bückeburger Knast waren nach Darstellung des Verteidigers Harald Schremmer weniger drastisch als die des 18-Jährigen.Mit Nazis und einem wegen Mordes angeklagten Albaner sei der einer ethnischen Minderheit angehörige Lehrter im Hamelner Gefängnis eine Woche lang in einer Wohngruppe untergebracht gewesen. Mit Zigaretten habe sich der junge Mann bei dem Albaner Schutz erkaufen müssen. Nur dies habe ihn vor erzwungenem Oralsex anderer Mitgefangener geschützt, den er am Montag jedoch mit ansehen habe müssen. Richter Stumpe bedauerte diese Vorfälle. Er nannte die Wohngruppen ein "Relikt aus der sozialpädagogischen Kuscheljustiz der siebziger Jahre". Wer sich als Gauner benehme, müsse sich nicht wundern, wenn er auch mit Gaunern eingesperrt wird. "Sie sind eindeutig an das falsche Opfer geraten", adressierte Stumpe in Richtung der beiden jungen Männer. Das Scheitern der Tat sei nur der Schläue und Couragiertheit des Opfers zuzuschreiben. Auch die Polizei, die der Richter für die Aktion ausdrücklich lobte, habe dazu beigetragen, dass die Täter verurteilt worden sind. Für den 18-Jährigen ist der Fall noch nicht abgeschlossen. Verteidiger Dammeyer will gegen das Urteil Rechtsmittel einlegen.



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