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Vom einstigen Leben und Treiben der Schaumburger Hirten / Romantisch ging es damals nicht zu

„Olle Stüerinspektor, kumm haruit“

Hüten und Behüten als Lebensaufgabe – kein Wunder, dass der Hirtenberuf derzeit hohes Ansehen genießt und von einer Aura der Fürsorge und liebevollen Hinwendung zu Natur und Schöpfung umgeben ist. Das war nicht immer so. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gehörten Hirtenjobs zu den am geringsten geachteten und am schlechtesten bezahlten Tätigkeiten. Die meisten Amtsinhaber kamen aus ärmlichen Verhältnissen. Nicht selten waren auch ausrangierte Polizisten und Landsknechte im Einsatz.

veröffentlicht am 24.04.2010 um 00:00 Uhr
aktualisiert am 31.05.2010 um 12:25 Uhr

Immer wieder haben sich auch Künstler des Hirtenthemas angenomme

Von Wilhelm Gerntrup

Hüten und Behüten als Lebensaufgabe – kein Wunder, dass der Hirtenberuf derzeit hohes Ansehen genießt und von einer Aura der Fürsorge und liebevollen Hinwendung zu Natur und Schöpfung umgeben ist.

Das war nicht immer so. Bis ins 19. Jahrhundert hinein gehörten Hirtenjobs zu den am geringsten geachteten und am schlechtesten bezahlten Tätigkeiten. Die meisten Amtsinhaber kamen aus ärmlichen Verhältnissen. Nicht selten waren auch ausrangierte Polizisten und Landsknechte im Einsatz.

Hauptarbeitgeber waren adlige Grundherrschaften, Dörfer und Städte. Zu jeder Bauernschaft gehörte ein Stück gemeinschaftlich genutztes Wald- oder Bruchland, in das die Einwohner ihr Großvieh zum Fressen treiben durften. In der Schaumburger Region wurden hauptsächlich Schweine, Rinder und mancherorts auch Schafe und Ziegen gehalten.

Der verlorene Sohn hütet die Schweine – das Bild des aus N
  • Der verlorene Sohn hütet die Schweine – das Bild des aus Nürnberg stammenden Malers Sebald Beham (1500-1550) stellt eine Szene aus einem bekannten biblischen Gleichnis dar. Ein junger Mann hatte sich vom Vater das Erbteil auszahlen lassen, alles verprasst und schließlich ein trostloses Leben als Schweinehirt fristen müssen. Ein für alle Mal kuriert, kehrte er reumütig nach Hause zurück und wurde vom Vater mit offenen Armen wieder aufgenommen. Repros: gp

Als Nachtlager diente ein Zeltgestell

Die meisten Rassen waren damals noch nicht einmal halb so groß und schwer wie heute. Die erlaubte Menge der Masttiere legte aufgrund des jährlichen Eicheln- und Bucheckernaufkommens die Obrigkeit fest. Über die Viehhalter und die ihnen zustehenden Kontingente wurde genau Buch geführt.

Für die Einhaltung der Vorgaben waren die Hirten zuständig. Sie hielten sich während der herbstlichen Hauptmastzeit meist durchgängig draußen bei den Herden auf. Als Nachtlager diente eine Art Zeltgestell, das sie auf einem Karren transportierten.

Große Dörfer und Städte hielten bis zu vier Hirten. Nach einer gräflichen Holzordnung aus dem Jahre 1572 waren damals auf Schaumburgs Fluren „Kuhehirten“, „Schwene“ (Schweinehirten) und „Schäfere“ (Schafhirten) unterwegs. Nördlich des Wesergebirges war auch von „Sween“ (Schweinehirt) und „Heier“ (Kuhhirt) die Rede.

Der Lohn war extrem niedrig. Meist gab es lediglich freie Wohnung und Naturalien in Form von ein paar Schweinen oder Schafen. In einigen Gemeinden mussten die Hirten reihum von den Bauern beköstigt werden oder durften auf deren Ländereien Kartoffeln und Bohnen anpflanzen. Kein Wunder, dass die Zunft auf Zusatzeinkünfte aus war. Viele strickten nebenher Strümpfe und Handschuhe, schnitzten Holzlöffel und Holzpantinen oder flochten Weidenkörbe. Nicht wenige versuchten, ihr bescheidenes Salär jedoch auch durch Tricks und Betrügereien aufzubessern. Die heimischen Archive sind voll von Vorgängen und Vorschriften zum Thema „Hirtenkriminalität“. So sah sich im Jahre 1572 der damalige Schaumburger Graf Otto genötigt, gegen das heimliche Schlagen und den illegalen Handel mit Bau- und Brennholz aus den Hudewäldern vorzugehen. Sie (die Hirten) „sollen keine Barten (Beile), Exen (Äxte), noch andere scharf Instrumente, darmit Holz kann gehauet werden, tragen“, ließ er die Untertanen wissen.

Besonders schlimm müssen es die „Schwene“ getrieben haben. Es gebe seit langem Anlass zu Klagen, heißt es in der Polizey-Ordnung des Landesherrn Ernst aus dem Jahre 1615, „daß sie ihre Schweine den Leuten in das Korn treiben, und das Korn abschneiden“. Außerdem komme es immer wieder vor, dass „zu allerhand schädlichem Vorteil“ mehr Tiere als erlaubt und offiziell gemeldet in die Wälder getrieben würden.

Mit der Neuentdeckung und Hinwendung zu Natur und Romantik ab Ende des 18. Jahrhunderts scheint sich auch die Einstellung zum Hirtendasein geändert zu haben. In vielen heimatkundlichen Veröffentlichungen aus dieser und über diese Zeit finden sich liebevoll-wehmütige Erinnerungen an die vermeintlich guten, alten Verhältnisse und beinahe bewundernde Berichte über besonders markante Exemplare der Zunft.

Auf Pfiff kommen die Schweine

So soll der in den 1830er Jahren in Katrinhagen tätige „Scheeper“ ein besonders ausgeklügeltes Signalsystem für den morgendlichen Herdenaustrieb beherrscht haben. Nach dem Blasen ins Ziegenhorn rannten die Ziegen und Kühe des Dorfes auf die Straße, und wenn er anschließend zweimal mit dem Finger pfiff, kamen auch die Schweine aus den Ställen und gingen hinter ihm in Abmarsch-Positur.

In Rinteln soll ein Schweinehirt namens Schwarz („Schwineschwarz“) die ihm anvertrauten, zuweilen noch ein wenig müden Borstentiere sogar einzeln und durch gezielte Namenszurufe aus den Häusern geholt haben. Den Vierbeinern des städtischen Rentmeisters befahl er „Rentmester, wutte ruit!“, vor der Stalltür des örtlichen Finanzamtsleiters kommandierte er „Olle Stüerinspektor, kumm haruit“.

In Bückeburg war für den Austrieb der Rüsseltiere der stadtbekannte Sonderling Ruppe zuständig. Er pflegte die Herde – in kurze Hosen, viel zu großen Rock und mit Stulpenstiefel gekleidet – laut fluchend und schreiend durch die Straßen zu jagen. Die Tiere stürmten nicht über die holprige Mittelfahrbahn, sondern auf den mit ebenen Sandsteinplatten belegten Bürgersteige voran. Immer wieder sollen dabei ganze Schülertrupps, die um diese Zeit in Richtung Bürgerschule und Gymnasium strebten, in hohem Bogen über den Haufen geworfen worden sein.

Heutzutage ein eher seltener Anblick: Kuhherde während des Weideaustriebs.



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