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Wie Gegner und Befürworter heute die Stadtgalerie und ihre Folgen bewerten

„Ohne sie hätten wir andere Probleme“

Hameln. Die Fronten waren vor fünf Jahren klar. An den Meinungen einzelner Gegner und Befürworter der Stadtgalerie, die sich damals lautstark aus dem Fenster lehnten, aber hat sich auch heute kaum etwas geändert. Ex-Stadtplaner Wolfgang Kaiser sieht die Stadtgalerie nach wie vor als einen Gewinn für Hameln. Der Unternehmer Hans W. Brockmann, erbitterter Gegner des ECE, legt dagegen noch nach: „Wir konnten damals nicht ahnen, dass wir so unglaublich recht haben würden.“ Auch Günter Raß, einst Sprecher der Rats-Mehrheitsgruppe aus CDU und Grünen, glaubt weiterhin, dass die Galerie „kein Segen für die Stadt ist“. Im Gegenteil: „Das Angebot in der Innenstadt ist durch sie verkümmert.“

veröffentlicht am 26.02.2013 um 06:00 Uhr

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Differenzierter fallen nach fünf Jahren die Urteile von Einzelhändlern aus: Während einige neue Wege beschritten haben und sich ihre schlimmsten Befürchtungen nicht bewahrheiteten, machen andere vor allem die Stadtgalerie für den Leerstand in Hameln verantwortlich. Holger Wellner, Sprecher des heimischen Einzelhandelsverbandes, zieht eine gemischte, im Tenor aber keineswegs negative Bilanz. Der Einzelhandel habe Einbußen hinnehmen müssen, aber für Hameln insgesamt habe sich die Ansiedlung positiv ausgewirkt. „Durch die Stadtgalerie haben wir Probleme in der Stadt“, räumt Wellner ein: „Aber ohne sie hätten wir auch Probleme, nur andere.“ Wellner ist selbst Mieter und auch Nachbar des ECE. Als Mieter habe er kontinuierlich steigende Umsätze verbucht, wenn auch in den ersten beiden Jahren unterhalb der Erwartungen. Als Nachbar seien Frequenz und Umsatz 2008 und 2009 spürbar zurückgegangen. Dann habe er das Sortiment neu aufgestellt. Seit 2010 verzeichne sein Haus wieder eine positive Entwicklung.

Neue Wege hat auch Cornelie von Wedemeyer beschritten: „Konkurrenz kann dazu animieren, selbst aktiver zu werden und Neuland zu entdecken.“ Dadurch habe sie mit ihrer Buchhandlung in der Baustraße keine Umsatzeinbußen gehabt, aber: „Für das gleiche Geld muss ich sehr viel mehr tun.“ So schlimm, wie sie anfangs befürchtet hatte, sei es nicht gekommen. Das liege nicht zuletzt daran, dass „die Stärke der Buchhandlungen das ausgesuchte Sortiment und die kompetente Beratung“ sei. „Das Internet ist für Buchhandlungen eine viel, viel größere Gefahr“, so von Wedemeyer.

Dank einer großen Stammkundschaft verzeichnet Judith Ostendörfer für ihr Modegeschäft in der Osterstraße kaum negative Auswirkungen. Einbußen führt sie vor allem auf die allgemeine Wirtschaftssituation zurück. Aber: „Die Laufkundschaft ist weniger geworden. Und die Stadtgalerie hat Leerstände produziert.“ Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Leerstand und Stadtgalerie sehen auch Inge und Heinz Schäfer, Inhaber des Modegeschäftes „La Femme“: Die Fläche des Einkaufscenters sei zu groß für eine Stadt wie Hameln. Das produziere Leerstände und führe zu veränderten Laufströmen. „Die Osterstraße ist abgehängt worden“, sagt Inge Schäfer: „Durch Aktionen, mit denen die Stadtgalerie für sich wirbt, werden uns Kunden weggenommen.“ Thomas König, dessen Modehaus Kolle direkt mit der Galerie verbunden ist, hat zwiespältige Eindrücke gewonnen. „Auch wenn sich die Kundenfrequenz erhöht hat – die Kaufkraft des Centers reicht nicht aus, um Einbußen abzufedern“, ist sich König sicher: „Wer nicht direkt dran ist, hat Umsatzeinbußen.“ „Der Kuchen ist neu verteilt“, meint die heimische Dehoga-Chefin Gabriele Güse. Für die Gastronomie heißt das: „Das schnelle Mittagessen, das Menschen jetzt im ECE zu sich nehmen, fehlt den Kollegen in der Stadt.“ Aus eigener Erfahrung weiß sie aber: „Abends können wir einiges wettmachen.“ Das gastronomische Angebot spreche zum Glück viele Zielgruppen an, und witterungsbedingt seien bei schönem Wetter die Straßencafés in der Innenstadt im Vorteil. Gegen die Größe des Einkaufscenters war vor fünf Jahren schon Heino Menkens, damals Sprecher des Hamelner Einzelhandels: „Es ist so gekommen, wie es zu erwarten war: Wir haben mehr Leerstände, weil das ECE für eine Stadt wie Hameln überdimensioniert ist.“ Stets kritisch gegenüber der Größe der Galerie war auch CDU-Ratsherr Günter Raß und fühlt sich heute bestätigt: „Die Kaufkraft hat sich nicht erhöht.“ Das Warensortiment in der Stadt habe dagegen gelitten. Nicht ohne Bitterkeit stellt er fest: „Das ECE räubert uns aus, die Gewinne fließen ab und die Stadt selbst hat nichts davon.“

Das sieht Wolfgang Kaiser ganz anders: „Die Stadtgalerie hätte nicht kleiner sein dürfen, damit sich Zugkraft entwickelt.“ Dank des ECE sei die Besucherfrequenz aus der Umgebung eindeutig höher. Und in Bezug auf gesalzene Ladenmieten habe die Galerie einen positiven Effekt gehabt: „Die Mieten in der Stadt sind gesunken, aber das war auch dringend notwendig.“ Der momentane Leerstand in der Stadt sei zwar ärgerlich, bewege sich aber „im normalen Rahmen“. Und wäre weitaus größer, wenn das Real-Kaufhaus, jetzt Ankermieter im ECE, dem alten Hertie-Kaufhauses an der Weser nach Ablauf des Mietvertrages den Rücken gekehrt hätte: „Damit wären auf einen Schlag rund 8000 Quadratmeter verwaist gewesen“, sagt Kaiser. Wie der ehemalige Stadtplaner ist auch Centermanagerin Susanne Schubert überzeugt: „Hameln hat von der Stadtgalerie profitiert.“ Das Angebot sei vielfältiger und attraktiver geworden, die Besucherfrequenz höher und der Werbeeffekt für die Stadt größer. „Handel ist Wandel“, so Schubert: „Wir bieten Erlebnis-Shopping und damit einen wichtigen Gegenpart zum wachsenden Online-Geschäft.“ Argumente, die Brockmann nicht überzeugen. Er macht folgende Rechnung auf: „Von 100 potenziellen Kunden bleiben 20 zu Hause und kaufen online. Geht nur die Hälfte der übrigen 80 ins Center, sind für die Stadt noch einmal 40 weg.“ Denn: „Stadtgalerien sind so konzipiert, dass der Kunde drin bleibt“, weiß Brockmann. Um gegenzusteuern, hätte man es dem Einzelhandel nicht so schwermachen dürfen: „Die Fußgängerzone erst nach dem Bau des Centers zu sanieren, war falsch.“ Und verkaufsoffene Sonntage wünscht sich Brockmann eher im Sommer: „Im Winter profitiert witterungsbedingt nur die Galerie davon.“



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