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Projekt der Berufsfachschule Wirtschaft der Handelslehranstalt zum Thema Obdachlosigkeit

Ohne Dach über dem Kopf – Schüler sammeln Erfahrung

Hameln (ul). Es war die Idee der Schüler – darauf ist Religionslehrerin Irmi Spangenberger besonders stolz. Als die Berufsfachschüler Wirtschaft vorschlugen, sich in ihrer Projektarbeit als humanitäre Schule dem Thema Obdachlosigkeit nähern zu wollen, war sie Feuer und Flamme.

veröffentlicht am 30.06.2011 um 06:00 Uhr
aktualisiert am 01.11.2016 um 11:41 Uhr

Sie schlug der Klasse, die zwei Jahre für den Fachschulabschluss Wirtschaft im Klassenverbund an der HLA lernt, als Einstieg die Lektüre der Reportage von Günther Wallraff „Unter null“ vor. Sodann besprachen die Schüler mit Ansprechpartnern vom Senior-Schläger Haus, wie sie sich dem Thema nähern könnten. Gemeindereferent Stefan Keil, Sozialpädagogin Heidrun Thalau und Pastoralreferent Hans-Georg Spangenberger luden die Schüler in die Obdachlosenunterkunft in direkter Nachbarschaft zur HLA ein. Dort lernten sie die verschiedenen Hilfs- und Beratungsangebote für Berber kennen und Alexander und Tobi verabredeten sich zum Interview mit einem ehemaligen Wohnungslosen, der nun wieder ein Dach über den Kopf in Hameln gefunden hat. Auch er war zur feierlichen Eröffnung der Ausstellung ins Forum der HLA geladen und sprach von der ruhelosen Zeit, in der er von Ort zu Ort gezogen war, ohne Heizung, Kochgelegenheit oder ausreichender Körperpflege. Im Nachhinein bezeichnet er es als ein erbärmliches Leben, das er über Jahre erlebt habe. Geholfen hätten ihm die festgelegten Tagessätze. Gekränkt habe ihn, von Menschen auch in Ämtern

herablassend behandelt worden zu sein. Er habe Gewaltandrohungen erlebt, obwohl er selbst stets höflich gewesen sei. Offen gab er zu: „Ich hatte früher auch Vorurteile. Als ich noch im Beruf stand, hatte ich keinen Blick für die Not hilfebedürftiger Menschen.“ Aber durch mehrere Schicksalsschläge habe er Arbeit, Familie, Eigentum und persönliche Freunde verloren und die Flucht ergriffen.

Viel Empathie bewiesen Diana und Benevse im Interview mit Siegfried, einem Verkäufer der Obdachlosenzeitung „Asphalt“, und Marc und Jan lernten mit dem Herzen der anderen zu fühlen, ohne Klischees Sozialräume abzubilden, bei ihrem fotografischen Streifzug entlang der Schmuddelecken von Hameln. Ihre hohe Sozialkompetenz bewiesen Svenja und Nestihan im Dialog mit Bürgern in der Fußgängerzone zum Thema Obdachlosigkeit. Dennis und Marius halfen im Winter bei der Frühstücksausgabe für Berber im Senior-Schläger- Haus. In ihrer Projektpräsentation artikulierten Pascal und Magnus ihre Verwunderung darüber, dass relativ wenige Obdachlose das Angebot eines medizinischen Checks in der Unterkunft nutzten.

Jede Arbeitsgruppe schrieb ihre Eindrücke von den direkten Begegnungen auf. Grafisch unterstützt von Lehrer Klingberg, dokumentieren sie dies auf Plakaten. Herausgekommen ist dank der Sponsoren wie dem katholischen Jugendbüro Hameln, den Stadtwerken, der bischöflichen Stiftung „Für das Leben“ und dem Modehaus Wellner eine informative Ausstellung im Foyer der Handelslehranstalt, die auf Bitten von Landrat Rüdiger Butte nach der Kommunalwahl im Kreishaus einem größeren Publikum zugänglich gemacht werden soll.

Die SPD-Bundestagsabgeordnete Gabriele Lösekrug-Möller berichtete den Schülern von ihren Begegnungen mit Obdachlosen in der Hauptstadt Berlin. Sie zeigte sich begeistert vom Engagement der Jugendlichen in Hameln und lud die Klasse zum Dialog mit Obdachlosen in die Hauptstadt ein.

Das Projekt überzeugte alle anwesenden Gäste vor dem Hintergrund medial erlebter Aggression von Jugendlichen auf Bahnhöfen und öffentlichen Plätzen gegenüber unschuldigen Personen und dem mutigen Eingreifen von Schlichtern, die teils selbst zu Opfern der Gewalt werden.



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