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Phänologe Otto Schreiber zieht nach 40 Jahren Bilanz: An Pflanzen kein Klimawandel erkennbar

Nur der Löwenzahn hält Termine ein

Königsförde. Otto Schreiber müsste eigentlich die Antwort wissen auf die derzeit immer wiederkehrende Frage: Spielt das Wetter seit Ende des vergangenen Jahrtausends nun wirklich immer verrückter? Und ist der sogenannte Klimawandel auch bei uns schon an bestimmten Veränderungen festzumachen? Und Schreibers Antwort auf diese Fragen ist eindeutig: „Eine konstante Veränderung des Klimas kann ich aufgrund meiner Naturbeobachtungen nicht feststellen.“

veröffentlicht am 11.07.2013 um 20:00 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 17:58 Uhr

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Joachim Zieseniß

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Joachim Zieseniß Reporter Bodenwerder zur Autorenseite
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Seit 43 Jahren hat der 80-jährige Königsförder die Natur in 3-Kilometer-Umkreis um sein Haus an der Potsdamer Straße akribisch genau beobachtet. Und er hat exakt Tagebuch darüber geführt; beispielsweise, wann in den jeweiligen Jahren das erste Schneeglöckchen aufblühte, wann die Stachelbeere ihre Blätter schob und der erste Hafer gemäht wurde.

In diesem Frühjahr hat Otto Schreiber seine ehrenamtliche Tätigkeit als Phänologe aus gesundheitlichen Gründen aufgegeben. Phänologie nennt sich der Fachbereich im Deutschen Wetterdienstes, der sich mit den im Jahresablauf periodisch wiederkehrenden Wachstums- und Entwicklungserscheinungen der Pflanzen befasst. Das „phänologische Jahr“ wird in 10 „phänologische Jahreszeiten“ eingeteilt. Es werden die Eintrittszeiten charakteristischer Vegetationsstadien beobachtet und festgehalten. Sie stehen in enger Beziehung zur Witterung und zum Klima und eignen sich daher für die verschiedensten Anwendungsgebiete und für vielseitige wissenschaftliche Untersuchungen. So beispielsweise auch für die Pollenvorhersage für Allergiker.

Das Beobachtungsprogramm enthält weitverbreitete Wildpflanzen, Forst- und Ziergehölze, die wichtigsten landwirtschaftlichen Kulturen sowie häufig angebaute Obstgehölze und Weinreben. Zwei bis drei Mal pro Woche hat Schreiber bei seinen Rundfahrten mit dem Rad in den vergangenen 43 Jahren 80 verschiedene Pflanzen als Wetter- und Klimaindikatoren auf Wald und Wiesen, in Feld und Garten kontrolliert, seine Beobachtungen täglich protokolliert und am Ende des Jahres auf eine Jahresliste übertragen. Sein Fazit zu den Auswirkungen des Klimawandels: Es hat immer wieder wetterbedingte Verschiebungen in den Vegetationsabläufen gegeben. Das hat sich aber in den darauf folgenden Jahren immer wieder relativiert. Und das Bemerkenswerte dabei: Zum Ende des Jahres habe die Natur immer wieder so aufgeholt oder verzögert, dass schließlich alles wieder im Jahreszeitplan war.

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„Das Wetter spielt mit Blick auf den Jahresverlauf derzeit nicht verrückter als gewohnt,“ so das Resümee des Phänologen und Gärtnermeisters mit jahrzehntelanger Erfahrung. Als Beispiel nennt Otto Schreiber anhand seiner persönlichen Aufzeichnungen die Schneeglöckchenblüte: Die fand beispielsweise in Jahre 1975 bereits am 28. Februar statt, sodass er schon für den 25. Februar des Jahres den Beginn der Feldarbeiten notiert hat. 2010 hingegen erblühten Schneeglöckchen erst im März, 2011 wieder Anfang Februar und 2012 wiederum Ende Januar. Für den Phänologen aus Königsförde sind das aber keine Hinweise auf einen Klimawandel, sondern eher Wetterkapriolen, die sich – über die Jahre gesehen – bislang immer wieder ausgeglichen haben. Otto Schreiber: „Die Erntetermine zum Ende des Jahres sind eigentlich immer recht konstant geblieben.“ Bei Kulturpflanzen, wie beispielsweise die Anzeigerpflanze Raps, wertet er den in den letzten Jahren verfrühten Blütebeginn vom Mai auf April ebenfalls nicht als Zeichen des Klimawandels, sondern als Ergebnis neuer Züchtungen. Und eine Pflanze gibt es sogar, die sich nach Otto Scheibers Aufzeichnungen über all die Jahre hinweg auch nicht vom Wetter hat beeindrucken lassen: der Löwenzahn. Der hat rund um Königsförde immer am 6. April mit der Blüte begonnen. „Ich weiß diesen Tag schon deshalb so genau, weil an dem mein Schwager Geburtstag hat,“ führt Schreiber an.

Nach 43 Jahren systematischer Naturbeobachtung hat der Phänologe Otto Schreiber jetzt sein Ehrenamt niedergelegt. Einen Nachfolger für seine Station Königsförde konnte er bislang nicht finden. Der Deutsche Wetterdienst im hessischen Offenbach wäre aber schon daran interessiert, für diesen Beobachtungsposten einen neuen Phänologen zu finden, damit die über 40-jährigen Beobachtungen fortgesetzt werden. Anja Engels vom Deutschen Wetterdienst hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass sich für die Station Königsförde wieder ein Ehrenamtlicher zur Naturbeobachtung findet. Ebenso wie für die benachbarte Station Dörentrup, die derzeit ebenfalls nach jahrzehntelanger Betreuung vakant geworden ist.

Kontakt für Interessierte: Telefon 069/80622946 oder Phaenologie@dwd.de

Ergebnis 43-jähriger Naturbeobachtung: Otto Schreiber mit seinen phänologischen Tagebüchern. joa

Löwenzahn, Johannisbeere und Wilder Wein sind für Phänologen wichtige Zeigerpflanzen im Jahresablauf.

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