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„Nicht die Zeit rennt, sondern wir rennen“

Dieser Text ist ohne Handgriffe eines Schriftsetzers und ohne Chauffeurdienste eines Boten ins Druckzentrum gelangt, das Foto musste nicht wie früher geduldig durch die Entwicklungswanne eines Labors gezogen werden. Schreiben, Fotos bearbeiten und Drucken liegen im digitalen Zeitalter nur einen Mausklick voneinander entfernt. Der Datenhighway beschleunigt die Zeitungsproduktion – nur das Internet tickt noch schneller. Im Netz war dieser Text zu lesen, bevor die Druckmaschine überhaupt rotierte. Von Dauer ist in dieser modernen Medienwelt offenbar nur eines: der prompte Wandel. Veränderungen vollziehen sich so rasant, dass sie den Erfahrungsraum einer Generation zu sprengen drohen.

veröffentlicht am 01.03.2011 um 16:25 Uhr
aktualisiert am 01.03.2011 um 19:28 Uhr

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Wer ehemals handschriftliche Briefe verfasste, lernte im ausgehenden 20. Jahrhundert das hastige Tippen von E-Mails, bevor er sich daran gewöhnte, im 21. Jahrhundert in Echtzeit zu „posten“ und zu „twittern“. Das Tempo der Veränderung ist so hoch und die Kommunikation selbst so schnell geworden, dass die Kluft zwischen den Generationen spürbar wird: Die im Netz sozialisierten „digital natives“ sprechen eine andere Sprache, knüpfen auf andere Weise Kontakte und leben in anderen Zeittakten als die Generation ihrer Eltern.

Dabei sind es nicht nur die neuen Medien, die an der Uhr drehen. Der technische Fortschritt insgesamt beschleunigt das Lebenstempo, beflügelt jede Form von Mobilität und verkürzt die Produktionszyklen in der Wirtschaft. Zugleich rotiert unser Lebenskarussell immer schneller, wir wechseln die Arbeitsstelle, den Wohnort und Lebenspartner häufiger als früher, zappen beliebig zwischen Job und Freizeit und hetzen selbst in vermeintlichen Ruhephasen von einem „Event“ zum nächsten.

Mehr als alles andere ist es die Zeit selbst, die davonzurasen scheint. In unserer Wahrnehmung ist sie ein knappes Gut, dem wir permanent hinterherhecheln. Dabei schenken uns moderne Technik und verkürzte Arbeitszeiten paradoxerweise mehr freie Zeit als jeder Generation zuvor – trotzdem stöhnen wir über Dauerstress und Zeitnot.

Wo bleibt die Zeit? Jede Beschleunigung schafft neue Möglichkeiten, die in einer auf Leistung und Erlebnis geeichten Gesellschaft genutzt werden wollen. Je schneller wir kommunizieren können, desto häufiger tun wir es.

Die Menge der via Telefon und Internet weltweit übermittelten Informationen wächst Jahr für Jahr um fast 30 Prozent. So schreiben wir heute unvergleichbar mehr E-Mails als früher Briefe. „All das will auch bearbeitet werden. Wir haben pro Mail sehr viel weniger Reflexions- und Reaktionszeit als früher, fühlen uns deshalb ständig gehetzt“, sagt der Soziologe und Zeitforscher Hartmut Rosa. Eine Dynamik, die uns mitreißt. Niemand ist in der Lage, sich dem kollektiven Tempo völlig zu verweigern und aus der sozialen Zeit zu desertieren. „Wenn die Gesellschaft beschleunigt, kann ich nicht einfach individuell langsamer laufen, sonst stolpere ich und falle auf die Nase.“

Beschleunigung an sich ist kein neues Phänomen. Die Verkehrs- und Kommunikationsrevolution des 19. Jahrhunderts, vor allem der Siegeszug von Eisenbahn und Telegraphie, hat die Menschen in einen für damalige Verhältnisse atemberaubenden Temporausch versetzt – und ihr Nervenkostüm überfordert: Neurasthenie wurde zur Modekrankheit der Jahrhundertwende. Im Auto und Flugzeug legten Reisende noch einen Zahn zu, überwanden den Raum noch schneller, bevor das Internet die Welt endgültig zum globalen Dorf schrumpfen ließ. Der Computer ist der eigentliche Turbolader unserer Zeit. Er drückt mit Beschleunigungsraten aufs Tempo, die sich jedes Jahr selbst überbieten: Wie Telekommunikationsforscher berechnet haben, stieg die Rechengeschwindigkeit von Computern von 1986 bis 2007 im Schnitt um 58 Prozent pro Jahr – neunmal so schnell wie die Weltwirtschaft.

Staumeldungen allerdings drohen demnächst dem Internet, wenn das Datenvolumen wie bisher anschwillt. Netzbetreiber denken bereits darüber nach, „Überholspuren“ für bevorzugte Inhalte einzurichten – Hierarchien bilden sich im 21. Jahrhundert auch nach Geschwindigkeit. Im ländlichen Raum, ohne Zugang zum schnellen DSL-Netz, bekommt man die moderne Ordnung der Ungleichheit längst zu spüren. Nicht umsonst wirbt die Telekom unermüdlich damit, „Meilensteine für die Gigabit-Gesellschaft“ zu legen, indem sie auch die letzten Winkel der Langsamkeit an das Hochgeschwindigkeitsnetz anschließt. Mit dem Ausbau des Breitband-Internets soll nichts Geringeres als die „digitale Spaltung des Landes“ verhindert werden.

Wie nach dem Zweiten Weltkrieg die Massenmotorisierung, avanciert in den 1990er Jahren die Echtzeit-Kommunikation im Internet zum Taktgeber der Beschleunigung, der auf die Gesellschaft insgesamt ausstrahlt, ihren Pulsschlag bestimmt. Dabei haben die traditionellen Transportmittel den Gipfel ihrer Beschleunigung noch gar nicht erreicht. Das Zeitalter der gigantischen Kanal-, Brücken- und Tunnelbauten, das die Welt in den letzten 200 Jahren zusammenrücken ließ, ist noch nicht verklungen. Projekte wie „Stuttgart 21“ oder der Fehmarnbelt-Tunnel zielen weniger darauf ab, von Verkehrsströmen zu entlasten, als sie zu beschleunigen. Milliarden werden investiert, um Minuten zu schinden. Mit dem Tunnel unter der Meerenge, der die natürliche Zeitbarriere unterläuft, verkürzt sich die Fahrzeit zwischen Hamburg und Kopenhagen von knapp vier auf drei Stunden.

Wir „sparen“ erneut Zeit – um genau was mit ihr anzufangen? Am besten möglichst viel auf einmal. Hektik entsteht nicht durch Mangel an Zeit, sondern durch eine Überfülle an Möglichkeiten: Indem wir von Erlebnis zu Erlebnis sprinten, bloß nichts verpassen wollen und wie Tempo-Junkies den Kick der Geschwindigkeit suchen, füllen wir die Zeit mit immer neuen Inhalten. Bei näherem Hinsehen entpuppt sich die Turbo-Gesellschaft als Gesellschaft von Simultanten, die auf Versäumnisängste mit Vergleichzeitigung antworten und erst glücklich sind, wenn sie zwei oder drei Leben in einem führen.

Weil uns Zeit zu kostbar erscheint, um einfach zu vergehen, spulen wir immer mehr Programm in immer kürzerer Zeit ab. Längst haben wir uns daran gewöhnt, beim Joggen Musik zu hören, während des Essens eine SMS zu tippen und auf dem TV-Bildschirm diverse Fenster und Laufbänder gleichzeitig zu beobachten. Der moderne Büroarbeiter trägt Headset, damit er während des Telefonierens die Tastatur bedienen, einen halbwarmen „Coffee to go“ schlürfen und die Frage des Kollegen gestenreich beantworten kann.

Die Verdichtung der Zeit lässt sich noch weiter spinnen. „Durchschnittlich zwei Jahre unseres Lebens sitzen wir im Auto. Diese Zeit kann man nutzen“, hat Horst Leonberger, Automotive-Experte der Telekom, festgestellt – und kündigt auf der CeBIT die schöne neue Welt der „Smartphones auf Rädern“ an: Während der Autofahrt können wir im Netz surfen, Videos herunterladen und E-Mails beantworten. Der Gleichzeitigkeitswahn kennt keine Grenzen, obwohl die Multitasking-Fähigkeit des Gehirns genau das ist: begrenzt. So wie sich alte Rechner bei zu vielen Anwendungen verhaken, lässt auch die menschliche Konzentration nach, wenn das Arbeitsgedächtnis durch mehrfache Tätigkeiten überlastet wird.

Rückhaltloser und radikaler als je zuvor hat das Beschleunigungsprinzip die Gesellschaft durchdrungen, Tempo ist in fast allen Lebens- und Arbeitsbereichen der „Universalschlüssel zum Erfolg“, wie der Historiker Peter Borscheid schreibt. Selbst die Relikte der alten Agrargesellschaft sind auf Geschwindigkeit fixiert: Masttiere werden im Schweinsgalopp schlachtreif, Maisstauden wachsen durch Gen-Doping zügiger. In Krankenhäusern verkürzt sich die „Verweildauer“ der Patienten, an der Börse drängt der Turbo-Kapitalismus kurzatmiger denn je zu Dividenden, im Sport kitzeln ausgefeilte Schwimmanzüge die letzten Hundertstel heraus und im Kino fesseln uns immer rasantere Schnittfolgen. Auch unsere Sehgewohnheiten haben sich der High-Speed-Kultur angepasst, ältere Filme erscheinen uns mitunter extrem langatmig, historische Fußballspiele wirken wie in Zeitlupe gedreht.

In einem Leben, das als pausenloser Crash-Kurs geführt wird, unterliegen selbst Grundbedürfnisse wie Essen und Schlafen dem Diktat der Kürze. Der Snack besiegt das Menü, der „Power Nap“ den Mittagsschlaf. Urlaube buchen wir „Last Minute“, Partner treffen wir beim „Speed-Dating“, das Feierabend-Bier rentiert sich nur, wenn wir es in der „Happy Hour“ um die Wette trinken. Und wer der Fünf-Minuten-Terrine weder Geduld noch Gaumenfreuden entgegenbringt, dem erklärt Eventkoch Mike Smerda im meistverkauften Kochbuch der Geschichte („Jamies 30-Minuten-Menüs“), wie wir zu Elton Johns „Crocodile Rock“ in exakt 3,56 Minuten eine Apfelgrießsuppe mit Schlagsahne und flambierten Beeren in die Schüssel zaubern. In unserer hochtourigen Welt dürfen die Dinge mittelmäßig und missraten sein, nur eines dürfen sie nicht: dauern.

„Nicht die Zeit rennt, sondern wir rennen“, mahnt der Zeitforscher Karlheinz A. Geißler Mut zur Entschleunigung an, weil mehr Langsamkeit nicht nur gesünder, sondern auch produktiver sei. Das Leben auf der Überholspur überfordere die eigene Naturzeit, lasse weder Raum zur Reflexion noch zur Regeneration. Die Quittung servieren die Gesundheitsreports der Krankenkassen: Immer mehr Berufstätige sind ausgebrannt, fallen wegen Burn-out-Symptomen und anderer psychischer Leiden am Arbeitsplatz aus. Nach einer aktuellen Studie der DAK ist die Zahl der psychischen Erkrankungen in Deutschland im vorigen Jahr so stark gestiegen wie noch nie – die Ausfälle, auch durch Zeit-Stress bedingt, haben ein Rekordniveau erreicht.

Das Perfide an der Beschleunigung ist: Je emsiger wir dabei sind, jeden Augenblick mit Programm zu füllen, desto schneller rast die Zeit davon. Denn das hohe Pensum verhindert ein bewusstes Zeiterleben. Während wir in Arbeit versinken und unsere Aufmerksamkeit auf ständig neue Aufgaben richten, vergessen wir buchstäblich die Zeit. Sie verflüchtigt sich, ohne Spuren im Gedächtnis zu hinterlassen. Achten wir nicht auf sie, fliegt sie in unserer Wahrnehmung davon. Wer kennt das Gefühl nicht, von Termin zu Termin zu hetzen und am Ende des Tages verblüfft festzustellen, wie schnell er vergangen ist. So rächt sich die Zeit – dafür, dass wir uns keine Zeit für sie nehmen.

Weitere „Zeit-Geschichten“ zur Beschleunigung im Internet, in der heimischen Wirtschaft, dem Gesundheitswesen, Verkehr und Sport, aber auch Beiträge zum Gegentrend der Entschleunigung folgen in den kommenden Tagen und Wochen.

„Keine Zeit“ zu haben, ist die Mode unserer Zeit. Wir hasten von Termin zu Termin, versuchen, immer mehr Pensum in immer weniger Zeit abzuspulen. Der technische Fortschritt schafft die Möglichkeiten: Verkehr und Kommunikation werden immer schneller, aber auch im Alltag regiert das Diktat der Beschleunigung. Wer zu gemächlich ist, den bestraft die Turbo-Gesellschaft. Ein Einblick in den rasanten Takt unserer Zeit.

Das Leben als Rushhour: In der beschleunigten Gesellschaft gewinnt, wer keine Zeit verliert.

Verlockungen der Hamelner Geschäftswelt: Warten ist verpönt. Fotos: Dana



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