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Hohnhorst trauert und fordert endlich eine Lösung / Die Kinder können es nicht fassen / Gemeinde will kleinem Mädchen helfen

Neun Tote in 25 Jahren: "Bahnübergang eine Zeitbombe"

Hohnhorst (tes). Ein Dorf ist sprachlos vor Trauer. "Wie kann es sein, dass eine ganze Familie von einem Moment auf den anderen ausgelöscht wird?", fragt sich die stellvertretende Bürgermeisterin Bärbel Koch schon seit dem Unglücksabend. Vor Ort hatte sie sich um die Feuerwehrleute gekümmert. Pastor Gero Cochlovius und ein Kollege habe die Angehörigen und Rettungskräfte betreut. Tags darauf beantwortete Koch immer noch tapfer die Fragen aller Medien und ließ nicht nur in Fernsehinterviews keinen Zweifel: "Die Bahn ist schuld. Seit Jahren kämpft der Hohnhorster Rat für Halbschranken, aber immer wieder gibt es Verzögerungen." Bis zu den neusten Plänen (wir berichteten) gab es berechtigte Hoffnung auf eine baldige Lösung. Aber jetzt: "Ich hätte lieber die Einweihung der Bahnschranke gesehen anstatt eine tote Familie. Wir sind alle sehr erschüttert."

veröffentlicht am 21.06.2007 um 00:00 Uhr

Bürgermeister Otto Lattwesen und die stellvertretende Bürgermeis

Fast schon zynisch erscheint es, dass Koch am Unglücksabend gerade von einem Gespräch im Landtag zum Thema Bahn zurückgekehrt war: "Als ich mich auf dem Sofa erholen wollte, hörte ich den großen Knall." Dieser Knall hat sich bei allen Nachbarn eingebrannt. "Wenn hier Schranken wären, hätte ich nicht so viel Angst", meint Ayleen Faulhaber mit einem traurigen Blick auf die Scherben vom Unfall. Jasmin Mariell Stender (11) bestätigt: "Das Signallicht kann man gar nicht sehen, wenn die Sonne so blendet. Und manche Autofahrer rasen auch bei Rot einfach rüber." "Angst habe ich auch, weil der Fahrradweg nach dem Bahnübergang auf der anderen Seite weitergeht", so Ayleen weiter. Die Neunjährige wohnt neben der Familie, wo gestern die verunglückte Familie bei einer Geburtstagsfeier zu Gast war. Die Jungs kennt sie vom Sehen: "Ganz viele haben uns heute in der Schule nach dem Unfall gefragt. Ich konnt heute Nacht gar nicht schlafen." Immer mehr Kinder pilgern zur Unfallstelle - sprachlos und mit deutlichem Sicherheitsabstand zum Bahnübergang. Ein Blumenstrauß steht einsam neben den Gleisen. Jasmin findet ein Cent-Stück zwischen den Resten der Unfallscherben und wirft es schnell wieder weg. "Wie es dem kleinen Mädchen wohl geht?", fragt sie leise und fasst die Hand ihrer Freundin. "Die Kinder können es nicht fassen", sagt Jörg Brumann, der den Unglückszug kommen gesehen habe. Als Nachbar sei ihm schon lange klar: "Der Bahnübergang war eine Zeitbombe, hier muss dringend etwas getan werden." Nach Meinung von Birgit Eilers behindert zudem ein Busch die Sicht auf die Signalanlage: "Der muss dringend geschnitten werden." Harald Schaper wohnt seit 48 Jahren direkt neben dem Bahnübergang und fordert ein Stoppschild: "Halbschranken sind lange überfällig, der Verkehr hat hier ständig zugenommen. Aber heute Morgen waren zwei Mitarbeiter der Bahn hier und haben gesagt, die Anlage befindet sich in einwandfreiem Zustand. Die schienen sicher zu sein, dass sich nichts tut." "Rot" sehe Schaper regelmäßig, wenn Mütter mit ihren Kindern bei blinkendem Signal über den Bahnübergang gehen - auch zu Fuß: "Mit dem Bau des Kindergartens vor fünf Jahren hätte längst etwas getan werden müssen. Schlimm ist zudem, das Radfahrer auf dem Bahnübergang die Fahrbahn überqueren müssen, um dem Radweg zu folgen. Besonders, weil einige Autofahrer einfach überholen. Ist mir zuletzt vor einigen Wochen passiert als ich bei Rot mit dem Auto vor dem Bahnübergang stand. Früher gab es hiereinen Bahnwärter und keine Unfälle. Seit dieser weg ist, hatten wir hier in den letzten 25 Jahren neun Tote. Aber so grausam wie letzte Nacht noch nie. Ich höre jetzt noch den Schlag. Mein Sohn hat alle Rettungskräfte alarmiert und noch versucht, einen der Jungen aus dem Autowrack zu ziehen. Meine Schwiegertochter hat die kleine Tochter der Familie im Arm gehalten, bis diese mit dem Rettungshubschrauber in die MHH geflogen wurde. Mir war ganz übel." Die Gemeinde wird laut Vize-Bürgermeisterin Bärbel Koch überlegen, "ob und wie wir dem kleinen Mädchen helfen können".



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