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„Das kulturelle Erbe unserer Stadt“

Neue Serie: Wie steht es um die Altstadt?

HAMELN. Die Altstadt ist das Pfund schlechthin, mit dem Hameln wuchern kann. Das tut die Stadt Hameln auch und setzt auf Tourismus. Menschen aus aller Welt kommen nach Hameln, um auf den Spuren des Rattenfängers zu wandeln. Eine intakte Altstadt ist dafür unerlässlich. Sie bildet die Kulisse der jahrhundertealten Stadtgeschichte im Allgemeinen und der Rattenfänger-Sage im Besonderen, die sich Touristen durch Stadtführungen oder auf eigene Faust erschließen. Nicht gut ins Bild passen dann Ecken, die von Verfall gezeichnet sind.

veröffentlicht am 24.07.2020 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 24.07.2020 um 20:10 Uhr

Philipp Killmann

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Reporter zur Autorenseite

Marode Fassaden von an sich stattlichen Fachwerkhäusern, Löcher im Gefach, Fangnetze, die vor herabfallenden Dachziegeln schützen sollen, provisorisch anmutende Stützbalken – Zeichen des Siechtums, die manchen um den Fortbestand der Altstadt bangen lassen. Die Altstadt, um deren Erhalt die Kommunalpolitikerin Elsa Buchwitz (CDU) & Co. Ende der 60er Jahre mit Erfolg kämpfte, nachdem der Rat der Stadt 1967 beschlossen hatte, die historischen Häuser großflächig abzureißen.

Ein Blick auf ein paar der augenfälligsten Missstände und Baustellen von heute:

  • Das gleichermaßen traurige wie mahnende Paradebeispiel ist seit vielen Jahren das Domeierhaus an der Neuen Marktstraße 17. Denn es ist nicht nur so, dass der Verfall des nach dem tatkräftigen Bürgermeister Johann Georg Domeier (1770–1850) benannten Eckhauses an vielen Stellen offen zutage tritt, ohne dass dem Privateigentümer daran gelegen zu sein scheint, daran etwas zu ändern. Bis 1995 befand sich das Domeierhaus auch noch in städtischem Besitz, gehörte der Hamelner Wohnungsbau-Gesellschaft (HWG).

Doch nach einem Schimmel- und Käferbefall trennte sich die HWG von dem Objekt. Mit den offensichtlichen Folgen. Was passieren kann, wenn sich die Stadt von Immobilien trennt, wurde zuletzt besonders drastisch am Kuckuck deutlich, der infolge des Wechsels in Privateigentum zusehends verwahrloste, bis Anfang 2017 ein weiterer Eigentümerwechsel erfolgte.

Derzeit wird die Fassade des Stiftsherrenhauses in der Osterstraße saniert. Foto: Dana

Am Domeierhaus ist die Stadt inzwischen mit ihrer Geduld am Ende, hält den „Zustand der Immobilie“ für „nicht länger hinnehmbar“ und sieht „dringenden Handlungsbedarf“, wie die Stadtverwaltung Anfang des Jahres der Dewezet gegenüber erklärte. Die Untere Denkmalschutzbehörde hat inzwischen ein Verfahren eingeleitet, in das Eigentumsrecht des Besitzers einzugreifen, um ihn zur Sanierung der Immobilie anzuhalten.

  • Eingehüllt à la Christo ist seit einigen Wochen das Stiftsherrenhaus, in dem sich das Museumscafé befindet. Bereits 2019 waren die Fensterrahmen des 1558 errichteten Weserrenaissance-Gebäudes gestrichen worden. Jetzt ist die Fassade dran. 112 000 Euro lässt sich die Stadt, der das Haus in der Osterstraße gehört, die Sanierung kosten, die Ende der ersten Augustwoche abgeschlossen sein soll. Im nächsten Jahr ist das städtische Nachbargebäude dran, in dem der Großteil des Museums untergebracht ist. Das 1589 fertiggestellte Leisthaus soll saniert werden. 234 000 Euro nimmt die Stadt dafür in die Hand.
  • Eingerüstet ist seit einiger Zeit das Rattenfängerhaus in der Osterstraße. Die Stadt, der das Haus gehört, war 2019 davon überrascht worden, dass die langjährige Pächterfamilie die Pacht für das Lokal nicht verlängern lassen wollte. Ein Nachfolger fand sich schließlich im „India Haus“, ein Familienbetrieb, der in dem 1602/1603 errichteten Objekt ein indisches Restaurant eröffnen will.

Schlagzeilen machte die Immobilie 2020 wiederholt mit steigenden Sanierungskosten. Sprach die Stadt anfangs von 110 000 Euro, liegen die Kosten inzwischen bei 475 000 Euro. Das Rattenfängerhaus ist das bekannteste historische Gebäude der Stadt und wurde wiederholt für eines der beliebtesten Sehenswürdigkeiten Deutschlands befunden. Seinen Namen verdankt es einer Inschrift auf einem Holzbalken, die von dem vom Rattenfänger eingefädelten Kinderauszug durch die Bungelosenstraße handelte.

  • Weitgehend ungenutzt ist mit dem Hochzeitshaus ein weiteres Wahrzeichen der Altstadt. Der „Erlebniswelt Renaissance“-Pleite sei Dank. Immerhin gibt es inzwischen einen Ratsbeschluss darüber, was aus dem Hochzeitshaus werden soll: unten Gastronomie, oben Bürgersaal und Teile der Stadtverwaltung. Mit dem Beginn des rund sechs Millionen Euro teuren Umbaus ist jedoch erst ab 2025 zu rechnen.

Der Stadt fehlt es wegen Schul- und Kita-Projekten an Geld und Personal. Schneller gehen soll es mit dem sanierungsbedürftigen Dach des Hochzeitshauses. Die blauen Fangnetze, die verhindern sollen, dass die maroden Dachziegel in die Fußgängerzone krachen, sollen noch in diesem Jahr entfernt, das Dach saniert werden. Hierfür kann die Stadt auf 450 000 Euro aus dem Denkmalschutz-Sonderprogramm des Bundes zurückgreifen.

  • Es ist nur ein kleines Haus, aber es hat eine ähnliche Symbolkraft wie das Domeierhaus. Das leerstehende und schwer sanierungsbedürftige Fachwerkhaus in der Großehofstraße 47 ist in diesem Jahr aus Privatbesitz in das Eigentum der Hamelner Wohnungsbau-Gesellschaft (HWG) übergegangen. Eine Maßnahme, die in dem 2019 beschlossenen städtischen Konzept für die bauliche Aufwertung der Altstadt zu sehen ist.

Bis 2022 stehen HWG und GSW (Gesellschaft für Sozialen Wohnungsbau und Projektentwicklung mbH) drei Millionen Euro zur Verfügung, um sanierungsbedürftige Häuser instandzusetzen oder auch aufzukaufen. So nun geschehen mit der Großehofstraße 47. Derzeit wartet die HWG auf eine Stellungnahme des städtischen Denkmalschutzes hinsichtlich der Sanierungs- beziehungsweise Baumöglichkeiten. Unter derselben Prämisse hat die HWG 2019 auch das Haus in der Fischpfortenstraße 28 aufgekauft. Dort entstehen neue Wohnungen.

Die Stadt hat die Zeichen der Zeit erkannt. „Die Altstadt und ihre Gebäude sind nicht nur das kulturelle Erbe unserer Stadt, sondern wir haben auch eine historische Verantwortung, der wir gerecht werden müssen“, hatte Oberbürgermeister Claudio Griese (CDU) bereits beim Neujahrsempfang 2019 gesagt. Erste Taten sind auf diese Worte bereits gefolgt.



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