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Moderne Kunst im Urwald und Ziegenkäse zum Dessert: die brasilianische Region Minas Gerais fernab gängiger Klischees

Neue Perspektiven zwischen Caipirinha und Copacabana

Ein Boot steht kopf. Wie eine dicke Wurzel verbindet der Mast den Mahagonirumpf mit der Erde. Zwischen Palmen und Bananenstauden erhebt sich das Boot in dieser exotischen Umgebung wie ein Baum, der schon allein wegen seiner Schlichtheit auffällt. „The Mahogany Pavillion (Mobile Architecture No. 1)“ hat der Künstler Simon Starling seine Installation genannt, die im Inhotim Museum of Contemporary Art zu sehen ist. Mitten im brasilianischen Urwald ist ein Museum für Moderne Kunst entstanden, das auf faszinierende Weise Kunst, Kultur und Natur verbindet – und weit mehr über Brasilien und die Region Minas Gerais aussagt: Dieses Land hat mehr zu bieten als Caipirinha und Copacabana. Doch man muss sich in Bewegung setzen, um es zu entdecken.

veröffentlicht am 08.01.2010 um 23:00 Uhr

Brasilien gibt den Blick auf Neues frei: Zum Beispiel bei einer

Autor:

Heike Schmidt

Das ist nicht immer ganz einfach. Die Wege sind – für europäische Verhältnisse – durchaus weit und nicht immer einfach zu bewältigen. Wenn es geregnet hat, kann es vorkommen, dass Straßen plötzlich nicht mehr vorhanden sind und man dankbar für einen Allradantrieb oder einen erfahrenen Fahrer ist. Wer sich dennoch auf die Reise macht, erlebt ein Land voller Überraschungen, voller Kunst und Kultur.

Inhotim ist eine Stunde von Belo Horizonte, der Hauptstadt der Region Minas Gerais, entfernt. Dort hat 2005 das Museum für Moderne Kunst eröffnet. Viele der Ausstellungsgegenstände stehen frei im Park, den der brasilianische Landschaftsarchitekt Burle Marx angelegt hat. „Viele Besucher – gerade Brasilianer – kommen das erste Mal nur wegen des herrlichen Gartens“, erklärt Inhotim-Mitarbeiterin Aline Braga. Im Vorbeigehen würden sie dann die Kunst entdecken: „Viele sind so begeistert, dass sie nochmals wegen einer Ausstellung wiederkommen.“ Points of View (Blickpunkte) heißt die derzeitige Schau, die die Besucher immer wieder darauf zurückführt, altbekannte Dinge einmal neu zu betrachten – so wie das Mahagoniboot, das daran erinnert, dass der Rohstoff Holz zwar nachwachsend ist, man dennoch pfleglich mit ihm umgehen sollte, da besonders Mahagoniholz nur sehr langsam wächst. Eine kleine Mahagonipflanze neben dem Boot weist darauf hin.

Weitaus größer sind die Bäume und Schlingpflanzen, die den Weg nach Mariana säumen. Rumpelnd setzt sich der Minibus in Bewegung. Alte Dinge neu entdecken. Zwei Stunden dauert die Fahrt, bis sich die üppige Vegetation lichtet und den Blick auf einen barocken Kirchturm freigibt. Oberbayern in Brasilien? Die Kirche will nicht ins Bild passen. Ob in Städten wie Mariana, Tiradentes oder Ouro Preto, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört – jeder der kleinen, beschaulichen Orte jenseits des Massentourismus ist von barocken Kirchen geprägt. Der einstige Reichtum der Region Minas Gerais lag – wie der Name „Minas“ (Bergbau) schon sagt – lange unter der Erde. Besonders das Gold diente zur Ausschmückung der Kirchen. Auch nach Edelsteinen suchten einst die Portugiesen in dieser Region. Mit ihnen kam die Architektur des 17. und 18. Jahrhunderts nach Minas Gerais. Eine Reise durch diesen Teil der Neuen Welt wird somit eine in die europäische Vergangenheit.

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Über schlüpfrige Straßen schaukelt der Bus weiter. Am Eingang des Nationalparkes „Serra Do Cipo“ wechseln wir in einen Range Rover. Dann geht es zu Fuß weiter: 1200 Meter sind die Berge hier hoch. Über schroffe Steinplatten klettern wir hinauf. Unser Ziel: der oberste der sieben Wasserfälle der „Cachoeira da Farofa“. Doch dorthin zu kommen, ist gar nicht so einfach: Dicke Felsbrocken versperren den Weg. Von Zeit zu Zeit empfiehlt es sich sogar, auf allen Vieren voranzukriechen. Doch das Ziel ist spektakulär: Aus 270 Metern stürzt sich ein Wasserfall in ein mit dunkelbraunem Wasser gefülltes, natürliches Bassin hinab. Der Grund des vom Eisen gefärbten Wassers ist nicht zu sehen. Es ist eiskalt. Doch wer es bis hier hinauf geschafft hat, ist froh, sein schweißverklebtes T-Shirt und die Shorts kurzfristig loszuwerden.

Weit reicht der Blick von hier oben. Nichts hält ihn auf. Die Wolken am Himmel gleichen Wattebäuschen, die sich zu immer neuen Gestalten formen: Ein Hund wird zu einem Pferd, einem Drachen, einer Maus… – ganz so wie auf den Bildern des brasilianischen Künstlers Vik Muniz. Für eine Reihe seiner Collagen hat er auf Landschaftsfotografien Wattebällchen so drapiert und abfotografiert, dass der Betrachter sie auf den ersten Blick für Wolken hält.

Brasilien bietet viele neue Blickpunkte. Man muss sich nur in Bewegung setzen, sonst wird man sie kaum entdecken. Es ist anstrengend. Aber es lohnt sich. Es sind diese beiden Seiten des Landes, die faszinieren: das Alte und das Neue, das anscheinend Gegensätzliche, das trotzdem harmoniert. Es ist ein wenig wie mit „Romeo und Julia“, dem traditionellen Dessert der Mineiras. Es besteht aus Zutaten, die man für sich allein genommen schon zu kennen glaubt: Ziegenkäse und Guavenmarmelade. Als Dessert zusammengebracht, schmeckt es salzig und süß zugleich. Und spätestens, wenn noch ein Caipirinha auf den Tisch kommt, ist man dankbar, dass es jahrhundertealte Traditionen gibt, die sich halten wie das kopfstehende Boot.

Anreise: TAP Air Portugal bietet Flüge von Frankfurt über Lissabon nach Belo Horizonte an. Ebenso fliegen TAM Linhas Aereas, Iberia, British Airways, Air France, KLM und Alitalia Flüge mit einem Zwischenstopp an.

Sehenswertes: Inhotim-Museum, Rua B, 20, Inhotim, Brumadinho, im Internet: www.inhotim.org.br. Serra do Cipo: Wandern, Trekking, im Internet: www.cipoeiro.com.br; Vale Verde (Cachaca-Museum, Vogelpark, Orchideenausstellung), im Internet: www.valeverde.com.br.

Weitere Informationen: www.braziltour.com.

Ungewöhnlich: Barocke Kirchen in der ehemaligen

Bergbauregion und neonfarbige Bauten

auf dem Gelände des Inhotim-Museums.



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