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Das Schicksal der Juden in Bad Nenndorf

Netzwerk schaffen und Opfer beim Namen nennen

Bad Nenndorf (tes). Über "Orte der Erinnerung" und das Schicksal der Juden in Bad Nenndorf hat Karljosef Kreter, Leiter des Stadtarchivs Hannover, im Hotel Hannover referiert. Im Namen des Bündnisses "Bad Nenndorf ist bunt" erklärte Dietmar Buchholz, der Zeitpunkt des Vortrags sei bewusst nah zum Jahrestag der Pogromnacht gewählt worden. Ziel sei es, in Schaumburg ein Netzwerk der Erinnerung zu schaffen und den Opfern ein Stück ihrer geraubten Identität wiederzugeben.

veröffentlicht am 08.11.2008 um 00:00 Uhr

Karljosef Kreter, Leiter des Stadtarchivs Hannover, hat die Schi

"Ja es hat hier Juden gegeben. Sie sind ausgewandert, haben ihre Häuser verkauft und sich im Ausland ein schönes Leben gemacht", so zitiert Kreter in seiner mittlerweile vergriffenen Broschüre "Bad Nenndorf im Dritten Reich" im Jahr 1987 einen Zeitzeugen. Die Wahrheit sieht anders aus. Bürger jüdischen Glaubens galten offiziell als "verzogen", deren Anwesen waren "arisiert". Mit Ausnahme von Dr. Ernst Blumenberg wurden später alle in Konzentrationslagern wie Auschwitz, Theresienstadt und Minsk ermordet. Obwohl im Gemeindearchiv entsprechende Blätter herausgerissen worden seien, hatte Kreter vor 20 Jahren durch einjährige Recherchen Fakten zu deren Schicksal zutage gefördert. Wahlergebnisse belegten, dass Bad Nenndorf schon 1932 eine Hochburg der Nazis war. "Mehr als 50 Prozent votierten für die NSDAP", so Kreter. Die Hauptstraße wurde in Adolf-Hitler-Straße umbenannt, jüdische Gäste der Kurpromenade verwiesen. Ende des Jahres 1937 galt der Ort als "judenfrei". Das erste Opfer war Dr. Ernst Blumenberg, der in der Adolf-Hitler-Straße 14 eine Praxis betrieb. Um den beliebten Arzt zu ruinieren, lagen im gegenüberliegenden Hotel Hannover Nazis auf der Lauer und fotografierten die Patienten. Im Februar 1937 wurde Blumenberg von einem Nachbarn der "Rassenschande" denunziert und der Gestapo ausgeliefert. Sein "Verbrechen" war eine Liebesbeziehung zu einer christlichen Frau. Nach zwei Jahren Haft in Hamelngelang ihm über Düsseldorf und Japan die Flucht in die USA. Alfred und Franziska Jacobsohn leiteten die Pension Adler an der Parkstraße. Das Haus mit streng koscherer Küche verfügte über eine kleine Synagoge und beherbergte pro Saison bis zu 100 jüdische Kurgäste. Das Ehepaar, ihre Wirtschafterin Frieda Weitzenkorn und Schlachtergeselle Kurt Hirsch wurden mit Steinen beworfen, verließen nur noch bei Dunkelheit auf Schleichwegen das Haus und waren Ende 1937 ebenfalls "verzogen". Auch die Inhaber des Kramerladens unterhalb der evangelischen Kirche blieben nicht verschont. Jeanette Apolant und Schwester Franziska Kahn betrieben den Familienbetrieb seit mehr als 50 Jahren. Der 1912 verstorbene Simon Apolant war als Schiedsmann verdienter Bürger der Gemeinde. Bürgermeister und Kaufmann Conrad Bock besiegelte 1937 den "Wegzug" der Schwestern. In einem Dreiecksgeschäft verkaufte er im Namen der Gemeinde das baufällige Bürgermeisteramt an die Kreissparkasse und erwarb von dem Erlös das Apolant'sche Anwesen nebstzwei Bauplätzen zum Spottpreis von 4500 Reichsmark. Nach diesem "Tausch" zog hier das Bürgermeisteramt ein. "Das nennt man Arisierung", sagt Kreter. Nach 1945 lehnte die Gemeinde jegliche Ansprüche der Erben von Jeanette Apolant für das verlorene Haus und Grundstück ab. Zur Frage nach dem Widerstand im Ort, nannte Kreter an erster Stelle Marie Bock, damals Zimmermädchen in der Pension Adler, sowie Martha Lehmann, Assistentin von Blumenberg. Nach dem Krieg haben die Besatzer den Bad Nenndorfern einen Widerständler als Bürgermeister vor die Nase gesetzt. Sozialdemokrat und Tischler Wilhelm Bock, der mit Wilhelm Schaper 1933 aus dem Rat ausgeschlossen worden war, hielt sich nur ein Jahr lang an der Spitze. "Die Nenndorfer mochten ihn nicht", meint Kreter. Kurz darauf war der alte Bürgermeister Conrad Bock wieder im Amt. Nach ihm ist bis heute eine Straße benannt. Eine Initiative im Jahr 1986, die Hauptstraße in Blumenbergstraße umzutaufen, fand imRat jedoch keine Mehrheit. Mehr als 60 Jahre nach Kriegsende sieht Kreter die Zeit gekommen, um sichtbare Zeichen für die Opfer zu setzen. "Gewalttäter sind auch die Schreibtischtäter, Denunzianten und Steinewerfer, die ihr geachtetes Leben weiterführen konnten, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden", fordert der Historiker, die jüdischen Opfer auf dem 1998 aufgestellten Gedenkstein namentlich zu benennen und historisch authentische Orte zu kennzeichnen. Zum Thema "Stolpersteine" rät er: Wenn die Warteliste für die vom Künstler Gunter Demnig rechtlich geschützten "Stolpersteine" zu lang sei, könne die Stadt ähnliche Mahnmale unter einer anderen Bezeichnung in Auftrag geben, etwa als "Spur der Steine".



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