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Urteil aus Verden beendet vorerst rechte Gewaltkarriere / Aktivposten der "Nationalen Offensive" verabschieden sich

Neonazis ohne Anführer: 25 Monate Haft für Arwid S.

Landkreis (wer). Die selbst inüberregionalen Medien als ausgesprochen gewalttätig gehandelte "Nationale Offensive Schaumburg" verliert ihr Führungspersonal. Das Landgericht Verden hat gestern den 23-jährigen Arwid S., einen der beiden Aktivposten der Neonazi-Szene, unter anderem wegen Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von 14 Monaten ohne Bewährung verurteilt. Hinzu kommt eine Jugendstrafe von elf Monaten, deren Bewährung widerrufen wurde. Auch auf Marcus W., den zweiten Führungskopf der "Nationalen Offensive", wartet eine neunmonatige Haftstrafe (wir berichteten).

veröffentlicht am 11.10.2007 um 00:00 Uhr

Das Urteil aus Verden hat gestern selbst aufmerksame Prozessbeobachterüberrascht. Immerhin war es Ralf Jordan, Verteidiger von S., der die 14-monatige Freiheitsstrafe beantragt hatte. Staatsanwaltschaft und Gericht schlossen sich dem Antrag an. Keine zwei Monate ist es her, da hatte das Bückeburger Landgericht ein Urteil gegen S. ein weiteres Mal zur Bewährung ausgesetzt. Nachdem im März das Amtsgericht Stadthagen den Lindhorster zu neun Monaten ohne Bewährung verurteilt hatte, bildete die Berufungsinstanz im August aus mehreren zurückliegenden Verurteilungen eine Gesamtfreiheitsstrafe von zehn Monaten, die für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Eine positive Sozialprognose hatte S. den Gang in den Knast erspart. Der Lindhorster kündigte an, sein Leben zu ändern. Zu den Bewährungsauflagen gehörte ein Kontaktverbot zu Mitgliedern der Neonazi-Szene, unter anderem zu Marcus W. Ob S. sich in den letzten Wochen daran gehalten ist, lässt sich nicht eindeutig beantworten. Fest steht nur: Politisch aktiv in Erscheinung getreten ist der 23-Jährige nicht mehr, beim Aufmarsch in Bad Nenndorf fehlte er. Gestern in Verden jedoch kam S. nicht mehr mit Bewährungsauflagen davon. In der Haftstrafe von 14 Monaten wurden acht Verurteilungen zusammengezogen, darunter sowohl das erstinstanzliche Urteil aus Stolzenau (acht Monate ohne Bewährung) als auch das Bückeburger Urteil vom August. Die Gesamtstrafe sanktioniert eine Reihe von kleinkriminellen Delikten, die meist, aber nicht immer rechtsradikalen Anstrich trugen. Das Repertoire reicht von Körperverletzung über Sachbeschädigung bis zu getürkten Notrufen und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Motiv für den Antrag des Verteidigers indes war nicht späte Einsicht des Mandanten, sondern juristisches Kalkül. Nach dem Bewährungswiderruf für eine frühere Strafe durch die Bückeburger Justiz hätte S. ohnehin in den Knast gehen müssen. Auf Antrag der Bückeburger Staatsanwaltschaft war noch vorder Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Bückeburg im August die Bewährung für eine Jugendstrafe von elf Monaten widerrufen worden. Auch eine Beschwerde dagegen wurde abgeschmettert. Offenbar glaubten Staatsanwaltschaft, Amts- und Landgericht nicht mehr an den Weg der Besserung und schöpften den juristischen Rahmen eines Bewährungswiderrufs auch ohne rechtskräftige Verurteilung des Delinquenten aus. Nach dem Urteil blieb auch ein Gnadengesuch erfolglos. Rechtsanwalt Jordan beantragte deshalb beim Landgericht Verden,über die Zusammenziehung der Verurteilungen in Schaumburg und Nienburg zu verhandeln. Das Urteil wird nicht angefochten, es ist rechtskräftig. Die Strafe soll "reinen Tisch" machen und seinem Mandanten einen Neuanfang ermöglichen, sagt Jordan. S., der gerade ein Fachhochschulstudium in Minden begonnen hatte, wolle ein "Leben ohne Straftaten" führen. Jetzt drohen ihm zunächst im härtesten Fall 25 Monate Haft. Schon in den nächsten Tagen soll der Haftantritt in Göttingen erfolgen. Noch nicht rechtskräftig ist das Urteil des Bückeburger Landgerichtes gegen Marcus W., den anderen Kopf der "Nationalen Offensive". Hier muss noch über einen Revisionsantrag von W. entschieden werden. Die Vollstreckung der neunmonatigen Haftstrafe gilt indes als wahrscheinlich. Mit Arwid S. und Marcus W. verabschieden sich die beiden Rädelsführer aus der Schaumburger Neonazi-Szene. Auf ihr Konto gingen in den letzten beiden Jahren die meisten politischen Aktionen und Straftaten. In der nächsten Woche bleibt dem Landgericht Bückeburg nur noch, gegen Jan N. zu verhandeln, einen 20-jährigen Mitläufer des Milieus. Möglicherweise steht N. aber auch nur am Anfang seiner Gewaltkarriere.

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