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170 Rechte bei Kundgebung am Wincklerbad in Bad Nenndorf / NPD entdeckt Wahlkampfthema

Neonazis finden keine Resonanz in der Bevölkerung

Bad Nenndorf (tes). Schweigsam und streng nach Vorschrift sind 170 Rechtsextremisten am Sonnabend durch den Kurort marschiert. Harmlos nach außen, aber mit der Faust hinterm Rücken: Das scheint die neue rechte Gangart zu sein. Zudem hat die NPD das Wincklerbad als Wahlkampfthema entdeckt. Deren Spitzenkandidat Andreas Molau agitierte und marschierte Seite an Seite mit Christian Worch, einem der bekanntesten Köpfe der Neonazi-Szene.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 11:06 Uhr

Der Rechtsextreme Christian Worch im Gespräch mit Journalisten.

"Warum stehen wir heute in Bad Nenndorf?", schrie der rechtsextremistische Publizist Ralph Tegethoff (ehemals FAP und Wiking Jugend) aus Bad Honnef in die Runde aus Rechtsextremisten und wenigen Bürgern am Wincklerbad. "Das frag ich mich auch", kam es von einem Nenndorfer Lokalpolitiker in den hinteren Reihen. Sven Skoda, Neonazi aus Düsseldorf und Moderator der Veranstaltung, musste beim Ortsnamen "Bad Nenndorf" einen Spickzettel zuhilfe nehmen. Die "Wölfe im Schafspelz", vor denen ein Plakat warnte, waren durch Gitter von den linken Demonstranten getrennt. "Wie Schafe" scherzte ein Anwohner der Bahnhofsstraße. "Auslauf" bekamen diese anfangs lange nicht. Bis alle hinter dem Bahnhof in sicherer Entfernung zur linken Gegendemonstration versammelt waren vergingen einige Stunden. Das Problem: Die Linken hatten den Bahnsteig besetzt, so dass die S-Bahn mit den Rechten in Bantorf festgehalten werden musste. Daraufhin liefen 31 Neonazis zu Fuß nach Bad Nenndorf. Begleitet von Schmährufen der Gegendemonstranten hinter dem Sperrgitter wurden diese zu ihren wartetenden Kameraden eingegliedert. Ähnlich lief es in der anderen Richtung: In Haste musste die Polizei in einem Zug angereiste Linke und Rechte trennen. Hinter dem Bahnhof wurden die Neonazis durch ein Zelt geschleust und auf Waffen und Verstöße gegen die Auflagen überprüft. Sweatshirts mit "Lonsdale"-Aufschrift gehörten ebenso dazu wie Motorradhelme und Springerstiefel. In zwei Fällen standen Neonazis vor der Wahl: Stiefel ausziehen und barfuss weiter, oder Verzicht auf die Teilnahme. Fast unbemerkt ging Christian Worch durch die Kontrollen. In legerer Kleidung passierte der Hamburger problemlos dieÜberprüfung. Später gab Worch Seite an Seite mit Spitzenkandidat Molau Interviews. Der studierte Historiker Molau unterrichtete an einer Waldorfschule, bis er - mit dem Hinweis auf seine NPD-Nähe - von der Schule verwiesen wurde. Auffällig viele junge Frauen marschierten mit. Dieser Trend gipfelte im Redebeitrag von Ricarda Riefling aus Hildesheim. Bereits in einer Polizeikontrolle hatte die Ehefrau des mehrfach vorbestraften Neonazis Dieter Riefling mit anderen Frauen über Kindererziehung geplaudert - und erntete Zurufe wie "Jetzt lern' erst mal deutsch." Zu Beginn des "Trauermarsches" waren die Teilnehmer intern auf Disziplin eingeschworen worden. Auf dem Weg zum Wincklerbad war kein Wort zu hören. Alles andere als friedlich fielen allerdings die Inhalte der Redebeiträge aus. Bei der Kundgebung im strömenden Regen kamen regional und überregional bekannte Neonazis sowie niederländische Gesinnungsgenossen und ein Zeitzeuge zu Wort. Über den Rednern prankte ein Plakat des Bündnisses"Bad Nenndorf ist Bunt": "Gedenken? Geht!! Denken!!" Nach einer Gedenkminute ging es am Thermalbad vorbei durch die Horster Straße. Vereinzelt verfolgten Anwohner von Fenstern und Balkonen aus das Treiben auf der Straße. Die Rechten hielten sich streng an die verlesenen Auflagen. Kleinere Scharmützel am Rand wurden von der Polizei im Keim erstickt. Eine Ruhe, die nicht darüber hinwegtäuschen konnte, dass einige Neonazis permant fotografierten und filmten - politische Gegner, Anwohner und Journalisten. "Man sollte verbieten, dass die Bilder von uns machen", sorgte sich eine Nenndorferin. Zwischen den "Nie wieder Deutschland"-Rufen von Links und den ewiggestrigen Forderungen von Rechts vermisste Tankmar Eisfeld eine geplante Versammlung neutraler Bürger, die allerdings abgesagt wurde. Eine Spur hat der braune Spuk allerdings hinterlassen: "Deutsche Täter sind keine Opfer" ist an die Fassade des Wincklerbades gesprayt worden.

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