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Berufungsgericht: Positive Sozialprognose

Neonazi wendet drohenden Gang in den Knast ab

Bückeburg/Stadthagen (menz). Es ist noch kein halbes Jahr her, dass das Amtsgericht Stadthagen einem bekannten Neonazi aus Lindhorst die Strafaussetzung zur Bewährung versagt hat. Weil die Strafrichterin keine günstige Sozialprognose sah, sollte der damals 22-Jährige neun Monate Haft absitzen.

veröffentlicht am 27.02.2009 um 14:27 Uhr

Vier Straftaten waren im März diesen Jahres Gegenstand des Strafverfahrens, zwei davon bizarre Bagtellen aus der Kategorie spätpubertierendes Verhalten. Der Lindhorster hatte sich einen Spaß daraus gemacht, die Polizei zu foppen und auf Trab zu halten. Mal hat er die Beamten durch falsche Notrufe auf Schnitzeljagd durch das nächtliche Stadthagen geschickt. Mal hat er durch falsche Angaben eine Hausdurchsuchung im eigenen Heim veranlasst. Zur Anklage wegen Widerstands gegen die Staatsgewalt war es gekommen, weil der junge Mann auf einer Nazidemonstration in Bad Nenndorf einen Polizeibeamten geschubst hatte. Eine Sachbeschädigung im Zusammenhang mit derselben Veranstaltung war ausschlaggebend für das Strafmaß. Mit einer Dachlatte hat der Lindhorster damals die Windschutzscheibe eines Autos zertrümmert, in dem er linke Gegendemonstranten erkannt hatte. Diese Aggression passe in den Rahmen von Gewalttätigkeiten, die der 22-Jährige schon in der Vergangenheit gezeigt habe, und falle "nicht aus der Rolle", sagte die Richterin damals in der mündlichen Urteilsbegründung mit Blick auf das Vorstrafenregister. Anzeichen für straffreies Verhalten in der Zukunft hatte die Richterin nicht erkennen können. Gestern in der Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Bückeburg ist es dem Lindhorster gelungen, den Gang ins Gefängis abzuwenden. Die Richter haben aus den zurückliegenden Verurteilungen eine Gesamtfreiheitsstrafe in Höhe von zehn Monaten gebildet, die für vier Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde. Der inzwischen 23-jährige Lindhorster hatte glaubhaft machen können, dass er gewillt ist, sich aus der Naziszene zu lösen und neue Perspektiven sucht. Er kann demnächst ein Fachhochschulstudium beginnen. Nach Überzeugung der Staatsanwältin schafft er sich damit die Voraussetzungen für ein "anderes Umfeld" und habe "dann auch nicht mehr so viel Zeit für andere Umtriebe". Der Verteidiger hatte vorgetragen, dass sein Mandant aus eigenem Antrieb an einem freiwilligen Antiaggressionstraining teilnehme. Die Therapeutin bestätigte vor Gericht auch den guten Willen des Schaumburgers, der bereit sei, sein Verhalten zu reflektieren. Nicht festnageln lassen wollte sich die Fachfrau auf eine klare Prognose. Aber es gebe "natürlich die Hoffnung", dass der junge Mann "sich verändert". Wenn sie das für völlig aussichtlosgehalten hätte, hätte sie die Trainingsmaßnahmen nicht begonnen, machte sie deutlich. Die Berufungsrichter hoffen, dass der Lindhorster auf gutem Weg ist , "der zu einem ordentlichen Mitglied in der Gesellschaft führt", formulierte Friedrich von Oertzen in der Urteilsbegründung. Unterstützt werden soll die Entwicklung durch Bewährungsauflagen. Dazu hat das Gericht ein Kontaktverbot zu Mitgliedern der Neonaziszene verkündet. Außerdem muss der 23-Jährige bis zum Beginn einer Psychotherapie am Antiaggressionstraining teilnehmen. Mit leisem Unmut verfolgten rund zwei Duzend Zuschauer, wie sich die Verhandlung entwickelte. Sie schienen nicht so recht überzeugt, dass sich der bisherige Naziaktivist um neue Lebensperspektiven bemüht.

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