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240 Seiten, 341 Abbildungen: "Jüdisches Leben in der Provinz" dokumentiert Familienschicksale seit 1560

"Nazis haben nicht den Schlussstrich gezogen"

Landkreis (rnk). Man habe das Gefühl, so befand Historiker Rolf-Bernd de Groot, "je weiter wir uns zeitlich vom Holocaust entfernen, desto mehr erwacht das Interesse, desto differenzierter werden die Fragestellungen." Das werfe Fragen auf: "Wie können wir junge Leute mitnehmen, wie sprechen wir den geschichtlichen Laien an, wie können wir erzählen, statt Geschichte zu dozieren?" Eine Antwort liegt seit vorgestern vor: Das Buch "Jüdisches Leben in der Provinz" bietet auf 240 Seiten und mit 341 Abbildungen eine höchst informative Mixtur aus Geschichten und Geschichte, aus Interviews und Dokumenten.

veröffentlicht am 07.11.2008 um 00:00 Uhr

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Es handele von Menschen, deren Schicksal man hautnah nachempfinden könne - das mache die große Qualität des Buches aus, hatte Dr. Klaus-Henning Lemme als Vorsitzender der Schaumburger Landschaft zuvor betont: Die jüdische Geschichte im Landkreis mit dem Schwerpunkt Obernkirchen werde heruntergebrochen auf die lokale Ebene - "das geht unter die Haut". Dass es nicht nur zwölf Jahre Mord und Verfolgung im Dritten Reich darstelle, sondern das jahrhundertelange Leben miteinander, war für Sigmund Graf Adelmann von der Schaumburger Landschaft ein wichtiges Kriterium. Es werde sehr deutlich, dass an der "Maschinerie des Todes" auch Bürokraten aus Schaumburg mitgearbeitet haben. Günter Schlusche, der den Dokumentarteil zum Jüdischen Friedhof zusammengestellt hat, formulierte es später so: "Die Nazis haben nicht den Schlussstrich gezogen, sie haben nicht gesiegt." De Groot, der denüberwiegenden Teil verfasst hat, Schlusche und Siegfried Bönsch, der die Familientafeln der zentralen Obernkirchener Familien recherchiert und Interviews mit jüdischen Zeitzeugen aus Obernkirchen geführt und aufbereitet hat, nehmen die Leser an die Hand und lassen sie an einer nächtlichen Hochzeitszeremonie teilnehmen, die am Gründonnerstag 1807 auf freiem Felde zwischen Nienstädt und Sülbeck stattfindet. Sehr zum Unwillen der Bückeburger Behörden, die der Heirat zwischen den Kindern eines Vehlener und eines Nienstädter Schutzjuden ihre Zustimmung versagen und sie außer Landes jagen: Sie gehen in das hessische Städtchen Obernkirchen, wo die politischen Bedingungen günstig für sie liegen - und nehmen den Namen Schönfeld an. Bei der Buchvorstellung im Stiftssaal betritt mit Johanna Schönfeld eine direkte Nachfahrin die Rednerbühne und spricht über ihren verstorbenen Mann, der auf dem Jüdischen Friedhof Obernkirchen bestattet ist und dessen Grab mehrfach geschändet wurde: "Sein Leben begann in Obernkirchen und fand hier sein Ende. So hatte er es sich gewünscht." Es war der emotionale Höhepunkt eines an Emotionen nicht armen Abends. Das Buch ist randvoll mit Geschichten, mit Anschauungsmaterial, mit abgebildeten Karten und Dokumenten, mit Fotos von Menschen und Geschehnissen. Die bisher nirgendwo veröffentlichten Fotografien haben ihre eigene Wirkung, die man so schnell nicht mehr los werde, wertete de Groot: "Beispielsweise den Trupp von SA- und SS-Männern neben dem Marktbrunnen Obernkirchen, die direkt nach der Machtergreifung die Verbrennung von Fahnen und Insignien der Gewerkschaft, der Arbeiterverbände und Parteien öffentlich inszeniert, in respektvoller Entfernung von der neugierigen Bevölkerung beobachtet." Die Ermordung von Edith Lion, Anna Lion und Ruth Lion, von Rosa Steinberg, Benno Stern und Lucie Stern, von Lydia Schönfeld, Max Schönfeld und Frieda Schönfeld - ihre Geschichten werden erzählt, ebenso wie die von Marianne Meyersberg und Dr. Joseph Meyersberg, die ihr Leben in Riga, Auschwitz, Theresienstadt und Bergen-Belsen ließen. Neben den Geschichten seien es besonders die Serviceteile, die dem Buch seine Qualität verleihen würden, etwa das rare, aus dem Hebräischen übersetzte Beschneidungsbuch des Mohels Philipp Adler mit 240 verzeichneten Beschneidungen zwischen 1853 und 1885, so de Groot. Der Schwerpunkt des Buches liegt in Obernkirchen, wo sich nach der Einführung der Reformation in Schaumburg die zahlenmäßig größte jüdische Gemeinde zusammenfindet. Die Geschichte der jüdischen Familien wird bis in das Jahr 1580 zurückerzählt: Der älteste vorhandene Schutzbrief eines Schaumburger Grafen bezieht sich auf den Obernkirchener Juden Moses. Zu entdecken ist auch ein Kapitel Schaumburger Wirtschaftsgeschichte, das ohne das Wissen jüdischer Geldfachleute so nicht stattgefunden hätte. Magnus und sein Bruder Meier sind für die Obernkirchener Steinhauermeister und Kohlengrubenbesitzer tätig, die mit der plötzlich boomenden Nachfrage für ihre Produkte in der Hochrenaissance völlig überfordert sind. Vorher nicht gekannte Waren- und Geldflüsse mussten gesteuert werden. Etwas abseits vom wiederholten Aufstellen bedeutungsschwerer Symbole habe dieses Buch- und Erinnerungs-Projekt vor allen Dingen ein Anliegen: "die nachhaltige und dauerhafte Vermittlung der Erinnerung an die von den Nationalsozialisten aus rassischen, politischen und religiösen Gründen verfolgten und ermordeten Bürger Schaumburgs zu gewährleisten". Wo Erinnerung abreißt, werden geschichtliche Erfahrungen wertlos, habe einst Dr. Rolf Krumsiek, ehemaliger Justizminister und in Obernkirchen geboren, betont. De Groot: "Und damit ist unsere Verpflichtungsgrundlage genannt, nicht nur die Obernkirchener Stadtgeschichte um dieses Kapitel zu komplettieren, sondern auchein Stück jüdischer Geschichte exemplarisch für eine Kleinstadt mit handwerklich industriellem Hintergrund inmitten eines ländlichen strukturierten Bereiches, von uns gerne Provinz genannt, mitten im Herzen Deutschlands, aufzuarbeiten." "Wir würden uns sehr wünschen", so de Groot, "dass ,Jüdisches Leben in der Provinz' in Schaumburger Schulen genutzt wird - als Arbeitsmaterial zur Aufarbeitung eines besonderen Aspektes Schaumburger Regionalgeschichte." "Rolf-Bernd de Groot / Günter Schlusche: Jüdisches Leben in der Provinz", Ellert& Richter Verlag, 19,95 Euro.

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