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Wie Aerzener und Emmerthaler die Versorgung mit Lebensmitteln in den Dörfern verbessern wollen

Nah am Kunden – doch der Start ist schwierig

Emmerthal/Aerzen (ubo). Erst verlässt der Arzt das Dorf, dann schließt die Bank ihre Filiale, bevor der Bäcker und der Lebensmittelladen aufgeben – ein Klagelied, in das viele Bewohner der ländlichen Regionen mit einstimmen konnten. Karin Krause und Jens Scheibler aus Groß Berkel sowie Yusuf Tombas aus Aerzen haben sich auf die Fahnen geschrieben, sich dieser Entwicklung entgegenzustellen und den Verbrauchern eine ortsnahe Versorgung in den Dörfern zu bieten. Und eine überraschende Erfahrung, die sie machten: Es ist gar nicht so einfach, Fuß zu fassen.

veröffentlicht am 09.09.2009 um 19:00 Uhr
aktualisiert am 10.09.2009 um 15:26 Uhr

Rund 250 Artikel haben Karin Krause und Jens Scheibler im Angebo

Nach einer Studie des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung, die die Verbraucherzentrale Bundesverband im Jahr 2005 veröffentlichte, sind bundesweit bis zu acht Millionen Verbraucher in ländlichen Regionen von einer Unterversorgung von Lebensmitteln und Alltagsartikeln betroffen. Genau diese Produkte will auch Yusuf Tombas anbieten. Seit drei Jahren betreibt er seinen rund zehn Quadratmeter großen Kiosk im Börryer Ortsteil. „Zuerst habe ich die Umgebung geprüft und festgestellt, dass es in Esperde keinen Lebensmittelladen gibt. Und so entschloss ich mich, den Kiosk aufzumachen“, so der 43-Jährige rückblickend. Sein Angebot umfasst Grundnahrungsmittel, Margarine, Soßen, Fertiggerichte, kleine Snacks sowie Knabberartikel, Zigaretten und Spirituosen.

Aus dem Ruhrgebiet zog es die Familie zuerst nach Hunzen, 2004 kaufte sie in Esperde ein Haus, in dessen früheren Hühnerstall der Familienvater den Kiosk einrichtete. Sogar der Privatsender Kabel 1 begleitete seinerzeit den Weg in die Selbstständigkeit. Die meisten, die in dem kleinen Laden einkaufen, sind Laufkunden und auch Stammkunden aus den umliegenden Ortschaften. Auch Kinder gehören dazu.

Ein besonderer Service hat sich im Laufe der Zeit entwickelt. „Viele ältere Menschen kommen zu mir, weil sie die amtlichen Schreiben und auch Anträge nicht verstehen. Ich helfe ihnen beim Ausfüllen der Anträge“, so der gebürtige Türke. Nach drei Jahren kann Yusuf Tombas eine Steigerung beim Umsatz in seinem kleinen Kiosk feststellen. „Es wird immer besser“, so der Vater von acht Kindern, der hofft, dass die Krise bald vorüber sein wird.

In Esperde baute Yusuf Tombas einen kleinen Kiosk auf.
  • In Esperde baute Yusuf Tombas einen kleinen Kiosk auf.

So weit sind das Geschwisterpaar Karin Krause und Jens Scheibler noch nicht. Seit August letzten Jahres betreiben sie den „Mobilen Kiosk“, mit dem sie auf Verkaufstour in den kleinen Ortschaften sind. „Wir sind mit Leib und Seele Verkäufer. Karin ist gelernte Erzieherin, aber jahrelang im Verkauf tätig gewesen. Und ich bin gelernter Einzelhandelskaufmann“, erzählt Jens Scheibler. Bis zum Jahr 2007 war er Verkäufer im Modellbaubereich in Hannover. Nachdem er arbeitslos geworden war, beschloss er, einen mobilen Kiosk zu betreiben. Ein halbes Jahr nahmen die Vorbereitungen zur Selbstständigkeit in Anspruch. „Wir haben uns um die Existenzgründung, Gesetze, Steuerberater, Öffnungszeiten und Finanzierung gekümmert“, blickt Karin Krause zurück. Weitere Zeit nahmen die Planungen in Anspruch, die Ortschaften und Plätze auszuwählen, wo kein Lebensmittelgeschäft vor Ort ist und die Busverbindungen eingeschränkt sind. „Im Grunde werden die Touren permanent optimiert, wenn wir feststellen, dass die Kundschaft ausbleibt“, beschreibt der Einzelhandelskaufmann den Anpassungsprozess. So haben sie einige Touren eingestellt, da in den Ortschaften niemand an den Mobilen Kiosk kam. Und dabei hatte sogar der Seniorenbeirat des Fleckens Aerzen kräftig die Werbetrommel gerührt, in der Hoffnung, dass besonders die älteren Einwohner in den Dörfern die Möglichkeit bekommen, Käse, Wurst oder auch mal Waschmittel kaufen zu können.

Umsatz bleibt hinter den Erwartungen zurück

„Wir bieten den Kunden ein breites Angebot an Grundnahrungsmitteln, Konserven, Obst, Gemüse, Gewürze, Teigwaren, Kaffee, Tee, Süßwaren, Getränke und Drogerieartikel. Brot und Backwaren sind auf Bestellung erhältlich. Insgesamt rund 250 Artikel“, zählen die beiden auf. Zudem betreiben sie einen Lieferservice für jeden Tag der Woche. „Wir orientieren uns an den üblichen Handelspreisen und versuchen, unter denen der Tankstellen zu bleiben“, so Karin Krause.

Nach einem Jahr ziehen sie eine nüchterne Bilanz: „Unsere finanzielle Planung stimmt. Leider steigt der Umsatz noch nicht so, wie wir gehofft hatten“, so Jens Scheibler. Aus diesem Grund mussten sie nun auch Arbeitslosengeld II beantragen. Zumindest eine Marktlücke haben sie entdeckt – und das ausgerechnet in der Stadt. Einen guten Umsatz beschert ihnen der Halt an einem Hamelner Seniorenheim, wo die ersten Kunden bereits warten. Es wird an diesem Tag hauptsächlich Obst an die Senioren verkauft. Die älteren Kunden begrüßen den Verkauf am Heim. Auch Sigrid Grundmeyer kauft für ihren Vater am Wagen ein. „Es ist einfacher einzukaufen, wenn der Wagen am Heim steht. Die Auswahl ist gut – eine gute Sache.“ „Ich komme allein nicht auf den Markt, um einzukaufen“, freut sich Lisbeth Lehmann, die Obst gekauft hat, über den Service.

Video: Mit dem MoKi unterwegs

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