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Nachhilfe stellt Weichen für Schullaufbahn

Es ist auffallend ruhig in den Räumen des „Hamelner Studienkreises“. Rund 100 Schüler betreuen die Mitarbeiter des seit 30 Jahren in Hameln ansässigen professionellen Nachhilfeanbieters. In den vier „Klassenräumen“ lernen Schüler gemeinsam, maximal in Fünferteams.

veröffentlicht am 28.02.2011 um 14:39 Uhr
aktualisiert am 16.03.2011 um 10:36 Uhr

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Es ist auffallend ruhig in den Räumen des „Hamelner Studienkreises“. Rund 100 Schüler betreuen die Mitarbeiter des seit 30 Jahren in Hameln ansässigen professionellen Nachhilfeanbieters. In den vier „Klassenräumen“ lernen Schüler gemeinsam, maximal in Fünferteams. „Bei der Zusammenstellung der Lerngruppen ist es für uns nicht nur entscheidend, welche Klasse oder welche Schulform ein Schüler besucht, sondern vor allem sein Lernstand“, erklärt Dagmar Gabke, eine der beiden Leiterinnen des Hamelner Studienkreises. Beispielsweise könne durchaus ein Realschüler der sechsten Klasse gemeinsam mit einem Gymnasiasten der fünften Klasse in einer Lerngruppe zusammen Stoff erarbeiten, so Gabkes Kollegin Petra Schwider.

Elf Lehrkräfte sind beim Studienkreis beschäftigt, allesamt Profis, wie die beiden Organisatoren betonen. Und die Schüler? Schwerpunktmäßig sind es Jugendliche der achten, neunten oder zehnten Klasse, die Nachhilfe in Anspruch nähmen. Erstaunlich aber, dass selbst Erstklässler bereits ein bis zweimal pro Woche zur Nachhilfe kommen. „Das sind allerdings nur wenige Ausnahmen“, erklärt Gabke. Häufiger hingegen würden Grundschüler die Dienste des Studienkreises in Anspruch nehmen, wenn sich am Ende der dritten Klasse abzeichnet, welche weiterführende Schule für den betreffenden Schüler in Frage kommt.

Hochsaison herrscht bei den Anbietern insbesondere nach den Zwischenzeugnissen, wie Judith Manthey, Gebietsleiterin für die Hamelner Niederlassung der „Schülerhilfe“ feststellt: „Im Moment haben wir Hochsaison: Die Zwischenzeugnisse sind verteilt, und die Schülerinnen und Schüler möchten das zweite Halbjahr so gut wie möglich abschließen. Das ist in jedem Jahr dasselbe. Auch für Hameln können wir bestätigen, dass unsere Schülerzahlen immer in etwa gleich bleiben.“

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Auch im „Studienkreis“ ist das so: „Die absoluten Schülerzahlen sind bei uns seit Jahren konstant“, so Schwider. Allerdings: Durch die insgesamt sinkenden Schülerzahlen hat sich der prozentuale Anteil an Schüler, die Nachhilfe in Anspruch nehmen, erhöht, betonen Experten. Einen verstärkten Zulauf machen Gabke und Schwider gerade im Bereich der Grundschüler aus. Längst hat sich in Expertenkreisen ein Begriff für dieses Phänomen etabliert: Vom „Grundschulabitur“ ist die Rede, wenn es für die Schüler nicht nur darum geht, am Ende der Grundschulzeit ein gutes Zeugnis zu präsentieren, sondern möglichst auch die Empfehlung zum Gymnasium im Ranzen nach Hause zu tragen.

Während man beim „Studienkreis“ in dieser Altersgruppe einen deutlichen Anstieg der Nachfrage verzeichnet, ergibt sich für Manthey von der „Schülerhilfe“ ein ganz anderes Bild. Auf die Frage, ob in diesem Schülersegment in den letzten Jahren ein Zuwachs zu verzeichnen sei, antwortet die Gebietsleiterin: „Nein, das können wir nicht bestätigen. Wir fördern schon immer auch Grundschüler, die meist in den 3. und 4. Klassen gezielte Nachhilfe in Anspruch nehmen, um eine stabile Lerngrundlage für die spätere Schullaufbahn zu gewährleisten.“

Ute Oberheide ist Mutter und seit einigen Jahren Kundin des „Studienkreises“. Ihre Tochter besucht zurzeit die vierte Klasse. „Als meine Tochter in der zweiten Klasse war, bekam sie große Probleme im Fach Deutsch. Wir haben uns dann informiert und sind schlussendlich hier beim Studienkreis fündig geworden.“ Mittlerweile hätten sich die Leistungen ihrer Tochter im Deutschunterricht stabilisiert.

Aber die Mutter beobachtet noch etwas ganz anderes in der Schule: „Also, wenn ich allem, was ich so höre, Glauben schenken darf, dann wimmelt es in der Grundschule nur so von kleinen Professoren und Akademikern.“ Was die Mutter zum Ausdruck bringen möchte: Bei einigen Eltern klaffe zwischen Wunsch und Wirklichkeit über die schulischen Leistungen ihrer Kinder ein Lücke. Die Nachhilfeprofis setzen deswegen auch einen wichtigen Schwerpunkt bei der Beratung. Gabke: „Es kommt hin und wieder vor, dass Eltern mehr von ihren Kindern erwarten, als diese in der Lage sind zu leisten.“ Wichtigste Voraussetzung sei deswegen zum einen, dass die Kinder und Jugendlichen gerne zur Nachhilfe kommen, und nicht etwa nur, weil die Eltern das fordern. „Auf einer solchen Grundlage wird es schwierig, Erfolge zu erzielen“, meint Schwider. Zum anderen sei es aber gleichfalls bedeutsam, dass Eltern von Nachhilfeangeboten nicht mehr erwarten, als diese zu leisten imstande sind. Nach wie vor gehören die Fächer Mathe, Deutsch und Englisch zu den am häufigsten nachgefragten, aber auch im naturwissenschaftlichen Bereich und bei den anderen Sprachen wird Nachhilfe in Anspruch genommen.

Die Schüler Lisa Dettmering und Johannes Vollmers besuchen zurzeit das Hamelner Schiller-Gymnasium. Während Lisa Dettmering einerseits vor allem Fünft- und Sechstklässlern bei der Hausaufgabenbetreuung zur Seite steht und nach der Schule auch einem Grundschüler Nachhilfe in Deutsch erteilt, gibt Johannes Vollmers Nachhilfe in den Fächern Mathe und Physik. „Es gibt hier zwar auch ein Schwarzes Brett, über das Schüler Kontakte knüpfen können, in der Regel aber läuft das über Mundpropaganda oder eben mit gezielter Ansprache durch die Lehrer“, meint der 18-jährige Vollmers, der in diesem Jahr sein Abitur machen wird. Die ebenfalls 18-jährige Lisa Dettmering wird erst im nächsten Jahr das Abitur ablegen. Sie meint: „Ich kann nicht sagen, ob der Bedarf an Nachhilfe in den letzten Jahren gestiegen ist, aber das Konzept, dass Schüler höherer Jahrgänge den Schülern der darunterliegenden Klassen Nachhilfe geben, gibt es ja schon immer.“ Der Koordinator für die Sekundarstufe 1 am Viktoria-Luise-Gymnasium, Sven Heineken erklärt, dass Nachhilfe in der Schule unter anderem über das Projekt „Schüler helfen Schüler“ angeboten wird. Zudem: „Im Rahmen der Ganztagsschule wird von Montag bis Donnerstag die Hausaufgabenbetreuung gerne von den Schülern angenommen.“

Die Anzahl der Stunden und Fächer, die ein Kind beim Studienkreis Nachhilfe bekommt, schwankt. Durchschnittlich ließe sich sagen, dass zwei Doppelstunden pro Woche und Schüler die Regel seien. Gabke: „Das hängt natürlich ganz stark von den individuellen Vorgaben des Schülers ab. Natürlich gibt es auch Schüler, die nicht nur in einem, sondern in zwei oder mehreren Fächern Nachhilfe bekommen.“

Natürlich hat das – wie alles im Leben – seinen Preis; so auch die Nachhilfe. Die Kosten sind bei Weitem nicht einheitlich. Während im privaten Bereich pro Nachhilfestunde zwischen fünf und 15 Euro anfallen können, wird beispielsweise beim „Studienkreis“ anhängig von der Anzahl der Nachhilfestunden ein monatlicher Beitrag verlangt. „Wir erleben es hier immer wieder, dass bei der Finanzierung der Nachhilfe die Großeltern in die Bresche springen“, erklären Schwider und Gabke. Zudem gäbe es auch unter bestimmten Voraussetzungen die Möglichkeit, Zuschüsse für Nachhilfe zu beantragen.

Beim Thema Finanzierung der Nachhilfe hat auch Mutter Ute Oberheide eine klare Meinung: „Ich denke, als Eltern müssen wir Prioritäten setzen, und dabei rangiert die Ausbildung unserer Kinder ziemlich weit oben.“ Eine Schachtel Zigaretten, rechnet sie vor, koste rund fünf Euro, ergebe also in etwa 35 Euro pro Woche. Das sei ungefähr der Betrag, den eine durchschnittliche Nachhilfeunterstützung koste.

Vorbehalte gegenüber Nachhilfeangeboten hätten sich in den letzten Jahren zunehmend abgebaut, betonen die Fachleute. Manthey: „Eltern möchten ihre Kinder heutzutage so gut wie möglich fördern – das geht vom Klavierunterricht über die Tennisstunden bis hin zur Nachhilfe. Für die meisten Schüler ist Nachhilfe unglaublich motivierend, und sie sind stolz darauf, wenn sie bessere Noten mit nach Hause bringen. In vielen Familien sind beide Elternteile berufstätig, sodass keine Zeit bleibt, nachmittags die Hausaufgaben der Kinder zu betreuen. Wir empfehlen Eltern auch immer wieder, stattdessen lieber professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen, da das Eltern-Kind-Verhältnis viel zu emotional behaftet ist, um wirkliche konstruktive Lernunterstützung leisten zu können.“

Zwar sinken die Schülerzahlen kontinuierlich, dafür steigt der Leistungsdruck in den Schulen umso deutlicher. Das zumindest ist eine unter Experten weitverbreitete These. Längst haben sich individuelle Förderprogramme in den Schulen etabliert, um mit Stärken und Schwächen der Schüler umzugehen. Und jetzt, nach den Zwischenzeugnissen, hat darüber hinaus die Nachhilfe Hochkonjunktur.

Hochsaison bei den Anbietern für Schülernachhilfe herrscht insbesondere nach den Zwischenzeugnissen. Foto: Bilderbox



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