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Nachgefragt

Warum wurde mit dem Turmfalken schon wieder ein Vogel, der nicht auf der Roten Liste steht, der also nicht gefährdet ist, zum Vogel des Jahres gewählt?

veröffentlicht am 17.05.2007 um 00:00 Uhr

Thomas Brandt

Es ist wichtig, den Fokus auch auf Vogelarten zu richten, die aktuell nicht gefährdet sind. Ansonsten läuft man ja Gefahr, dass man Rote Liste-Arten schafft. Ein gutes Beispiel ist die Grauammer. Die war bis in die sechziger und siebziger Jahren bei uns weit verbreitet. Die letzte im Rintelner Raum habe ich Ende der achtziger Jahre bei Möllenbeck beobachten können. Jetzt ist die Art großräumig verschwunden, gilt in Niedersachsen als vom Aussterben bedroht. Das hätte sich vor dreißig Jahren sicher niemand vorstellen können. Das sollte uns eine Warnung sein, nicht nur auf die vermeintlich und offensichtlich gefährdeten Arten zu achten, sondern uns um alle Tier- und Pflanzenarten rechtzeitig zu kümmern. Es gibt auch noch andere gute Gründe, den Turmfalken zum Vogel des Jahres zu wählen. Es ist noch nicht lange her, dass man Greifvögel als Räuber schlicht abgeschossen oder vergiftet hat. Deswegen ist es gut, anhand des Beispiels Turmfalke ökologische Zusammenhänge zwischen Beutegreifern und Beutetieren zu thematisieren. Was ist denn Naturschutz heute generell und was ist er morgen? Der Naturschutz hat es in den letzten zehn Jahren nicht leicht gehabt. Zu viele andere Probleme haben die Menschen stärker belastet, zumindest vordergründig. Die Politik hat das genutzt und ist dabei, Umweltstandards mächtig zurückzudrehen. So soll die Verbandsklage eingeschränkt werden, die den Umweltverbänden die Möglichkeit gibt, richterlich gegen umweltfeindliche Entscheidungen vorzugehen. Ohne die Verbandsklage hätten wir eine Fischfabrik im Landschaftsschutzgebiet Steinhuder Meer bei Hagenburg oder ein paar Windkraftanlagen im Möllenbecker Feld. Glücklicherweise haben wir die EU, die uns mit ihren Vorgaben zu gewissen Naturschutzstandards verpflichtet. Mittlerweile hat sich das Blatt aber wieder gewendet. Der Umwelt- und Naturschutzgedanke lebt wieder auf. Richtig. Die Menschen sehen und erleben, dass eben doch noch nicht so viel getan wurde, dass man sich gemütlich zurücklehnen könnte. Und wir haben als Naturschützer erkannt, dass man Mitmenschen an positiven Erlebnissen stärker teilhaben lassen muss. Nur dann verstehen sie die manchmal unbequemen Maßnahmen. Wer die Seeadler am Steinhuder Meer kreisen sieht und dazu ein Konzert von Kranichen und Fröschen hört, der weiß, worum es geht, und versteht, wenn er manche Wege nicht betreten darf. Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen? Schön wäre es, wenn man die finanzielle Ausstattung für Naturschutzmaßnahmen wieder verbessern würde. Wenn wir nachfolgenden Generationen Gelbbauchunken und Steinkäuze erhalten wollen, ist das dringend erforderlich. Ein zweiter Wunsch wäre, dass der ein oder andere Mitmensch seine privaten Motive auch einmal hinten anstellt. Ein Modellflugplatz am Rande eines Naturschutzgebietes in Möllenbeck oder ein Sportplatz in einem Naturschutzgebiet in Krankenhagen sind einfach zu viel Egoismus. rnk



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