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Rentnerin muss Herzverpflanzungüber sich ergehen lassen / Gerichtsvollzieher in der Arzt-Praxis

Nach Kunstfehler: VerurteilteÄrztin zahlt nicht

Stadthagen (ly). Haarscharf ist eineÄrztin aus dem Raum Hannover gestern der Verhaftung entgangen. Unangemeldet waren Gerichtsvollzieher Tilo Schulz und der Stadthäger Rechtsanwalt Dieter Wissgott vormittags in einer Praxis aufgetaucht, wo die Medizinerin vertretungsweise arbeitet. Nach einem gewonnenen Kunstfehler-Prozess vor dem Landgericht Hannover bekommt eine Mandantin Wissgotts rund 50 000 Euro von der Frau. Die Rentnerin (70) musste eine Herzverpflanzungüber sich ergehen lassen. Trotz eines rechtskräftigen Versäumnisurteils von September 2007 hat die Ärztin bisher keine Reaktion gezeigt und war auch vor Gericht nicht erschienen.

veröffentlicht am 13.09.2008 um 00:00 Uhr

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Gegenüber dem Gerichtsvollzieher sowie Wissgotts Mitarbeiterin Christina Walser machte die Verurteilte gestern erstmals Angaben. Sie gab eine eidesstattliche Versicherung ab und versprach, kurzfristig zumindest 10 000 Euro in bar besorgen zu wollen. Sonst wäre die Medizinerin ins Gefängnis gekommen. Viel zu holen ist bei ihr wohl nicht, und eine Haftpflichtversicherung will sie ebenfalls nicht gehabt haben. "Meine Mandanten bekommen trotzdem ihr Geld'', beruhigt Wissgott, Fachanwalt für Medizinrecht. "Entweder von der Ärztekammer oder Ärzten aus Stadthagen, welche die Medizinerin vertreten hatte.'' Passiert ist die offensichtliche Fehldiagnose nämlich beim ärztlichen Notfalldienst, den die Hannoveranerin in Stadthagen übernommen hatte. Noch einen zweiten Patienten aus der Kreisstadt soll die Allgemeinmedizinerin als Notärztin falsch behandelt haben. Im Fall des 69-Jährigen hat Wissgott eine Klage über insgesamt rund 80 000 Euro an Schmerzensgeld und Schadensersatz fertig. Auch dem Rentner droht die Transplantation eines Spenderherzens. Um Druck zu machen, hatte Anwalt Wissgott einen Verhaftungsauftrag erteilt. Ein Haftrichter erließ daraufhin Haftbefehl zur Zwangsvollstreckung. "Die Ärztin hätte bis zu sechs Monaten eingesperrt werden können, wenn sie die Fragen nicht beantwortet hätte'', erklärt Wissgott. Vor allem wollte der Jurist wissen, ob die Medizinerin eine Haftpflichtversicherung hat. Es gebe keine Kontrollmöglichkeit, das sei ein Skandal. "Am Notfalldienst teilnehmende Ärzte müssen für ihren Versicherungsschutz selbst Sorge tragen'', zitiert Wissgott aus dem Gesetz. "Bloß kümmert sich anscheinend niemand um die Einhaltung der Vorschrift. Dabei dürfen Ärzte ohne Haftpflicht gar nicht eingeteilt werden.'' Am zweiten Weihnachtsfeiertag 2005 war Wissgotts Mandantin zumärztlichen Notdienst an der Bahnhofstraße gegangen. Sie klagte über Schmerzen im Oberbauch und Atemnot, kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn. Die Notärztin habe "ein bisschen die Bauchgegend abgetastet'' und sinngemäß erklärt, die Kranke habe Weihnachten wohl zu viel gegessen und nun eine Magenverstimmung. Verschrieben wurde ein Medikament, das aber keine Linderung brachte. Kein Wunder, denn nicht der Magen verursachte die Beschwerden, sondern offensichtlich das Herz. Anfang Januar 2006 ging die Patientin zu ihrem Hausarzt, der eine Überweisung zum Radiologen ausstellte. Dessen Diagnose: Wasser in der Lunge. Im Stadthäger Kreiskrankenhaus wurden zwei Liter abgepumpt. Danach kam die Frau in die Herzklinik Bad Rothenfelde. Im März 2007 war die Minderleistung des Herzens so groß, dass man der Patientin eine Transplantation empfahl, zu der es wenige Monate später kam. "Es geht ihr sehr schlecht'', berichtet Wissgott. "Pro Tag nimmt sie 29 Tabletten, die in erster Linie eine Abstoßung des Spenderherzens verhindern sollen.'' Der zweite Fall gleicht dem ersten in erschreckender Weise. Mitähnlichen Symptomen hatte ein Stadthäger (69) am 20. April 2008 den Notdienst verständigt. Dieselbe Ärztin aus Hannover, so Wissgott, sei zu dem Mann nach Hause gekommen und habe nach der Untersuchung ein Therapeutikum für den Magen verschrieben. Möglicherweise verkannte sie auch bei diesem Patienten den Ernst der Lage. Wissgott: "Mein Mandant quälte sich noch ein paar Tage und fuhr dann in Urlaub an die Ostsee, wo er am 28. April zusammenbrach.'' Mit Blaulicht kam der Rentner in die Klinik und wurde noch am selben Tag operiert. Inzwischen sei dem Patienten unter anderem ein Defibrillator implantiert worden, der Stromstöße aussendet. Wissgott: "In beiden Fällen ist der Leidensweg also noch lange nicht zu Ende.''

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