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Nach drei Jahren übersteigt er den Bannkreis

Von Sabine Brakhan

Bad Pyrmont. Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust. Der erste Reichspräsident der „Weimarer Republik“, Friedrich Ebert, hat es getan, Adolf Kolping, der Gründer des Kolpingwerkes, der berühmte Adam Opel, der DDR-Politiker Walter Ulbricht und auch der 22 Jahre alte Steinmetzgeselle Philipp Opitz aus Bad Pyrmont.

veröffentlicht am 05.10.2009 um 19:25 Uhr
aktualisiert am 14.10.2009 um 14:04 Uhr

bursche

Von Sabine Brakhan

Bad Pyrmont. Das Wandern ist nicht nur des Müllers Lust. Der erste Reichspräsident der „Weimarer Republik“, Friedrich Ebert, hat es getan, Adolf Kolping, der Gründer des Kolpingwerkes, der berühmte Adam Opel, der DDR-Politiker Walter Ulbricht und auch der 22 Jahre alte Steinmetzgeselle Philipp Opitz aus Bad Pyrmont.
 Er hat sich genau wie seine berühmten Kollegen nach Abschluss der Gesellenprüfung in zünftiger Kluft für drei Jahre und einen Tag auf die Walz begeben, um Lebenserfahrung zu sammeln und neue Arbeitspraktiken sowie fremde Städte, Regionen und Länder kennenzulernen. Jetzt konnten Familie, Verwandte, Bekannte und Freunde den Heimkehrer am Ortsschild an der Grießemer Straße in Empfang nehmen.
 Für 1096 Tage lag die Kurstadt im Mittelpunkt des Bannkreises und musste von dem Wandergesellen in einem 50 Kilometer weiten Bogen gemieden werden, so wollen es die jahrhundertealten Regeln der Wanderschaft noch heute. Oma Sieglinde Opitz war extra aus Berlin angereist, um den Enkel wohlbehalten in die Arme schließen zu können. „Drei Jahre sind eine lange Zeit. Da kann viel passieren. Aber wir standen immer in Kontakt und 2007 haben wir sogar zusammen in Berlin Weihnachten gefeiert“, berichtet sie.
 Auch die Eltern haben ihren Sohn regelmäßig außerhalb des Bannkreises besucht. „Ein Teil unserer Verwandtschaft lebt im Osten der Republik und dort haben wir uns dann auch getroffen und das erste Weihnachtsfest 2007 gemeinsam mit der Oma mütterlicherseits in Magdeburg verlebt“, erzählt Mutter Christina, während sie schon einmal den Begrüßungssekt öffnet. „Diese Flasche hat Philipp geschenkt bekommen, als er sich auf den Weg gemacht hat. Ich habe sie für diesen ganz besonderen Anlass drei Jahre lang im Keller aufgehoben“, so Christina Opitz weiter, die dem Moment entgegenfiebert, ihren Sohn „heil und gesund wieder zu Hause begrüßen zu können“, wie sie verrät.
 Und auch Freundin Nadine Kreißl kann es kaum erwarten, den Heimkehrer in die Arme zu schließen. Die beiden haben sich während Philipps Wanderjahren kennen- und liebengelernt und nun möchte die Chemnitzerin nach Abschluss ihrer Ausbildung zur Pharmazeutisch-Technischen Assistentin ihrem Freund im kommenden Frühjahr ins Weserbergland folgen. „Leider war es mir nicht vergönnt, die einmaligen Erfahrungen der Wanderschaft sammeln zu dürfen, da ich schon sehr früh den elterlichen Betrieb übernehmen musste. Aber Philipp konnte ich in seinem Wunsch bestärken und unterstützen, wo es nur ging“, erklärt Joachim Görlich, Philipps Ausbilder, der es sich nicht nehmen ließ, seinen ehemaligen Gesellen bei dessen Heimkehr zu begrüßen. Auch Philipps Freunde vom Mittelalterverein „Landvaettir-Sippe“ standen in ihrer ebenso standesgemäßen Kluft wie die begleitenden früheren Reisekameraden Spalier, um den Heimkehrer mit einem Hornsignal zu begrüßen. „Als wir vor drei Jahren auf dem Weg zu einem Mittelaltertreffen waren, trafen wir zufällig Philipp, der sich gerade auf den Weg gemacht und das Hamelner Ortsschild hinter sich gelassen hatte. Dann kam uns wieder der Zufall zu Hilfe und wir trafen uns auf dem Gothic-Treffen in Leipzig. Jetzt sind wir aber extra gekommen, um dabei zu sein, wenn er standesgemäß das Bad Pyrmonter Ortsschild überklettert, um sich anschließend wieder einheimisch zu melden“, erzählen Mark Murgatroyd, Lea Voss, Achim Klepel und Janna Arendt.
 Als Philipp Opitz vor drei Jahren loszog, standen die USA und Kanada ganz oben auf der Liste seiner Reiseziele. „Da bin ich am Ende dann doch nicht gelandet, aber neben jeder deutschen Großstadt habe ich Österreich, die Schweiz, Norditalien, Bulgarien, Holland und Dänemark bereist. Als absoluten Höhepunkt habe ich meine Zeit in Argentinien erlebt. Allein hier bin ich 12 000 Kilometer getrampt. Die Verständigung war ausschließlich in Spanisch möglich und an manchen Tagen musste ich 13 Stunden warten, bis ein Fahrzeug vorbeikam und mich mitnahm. Dabei lernt man zwangsläufig Geduld und weniger das Land als die Menschen kennen“, so Philipp Opitz über die Lebenserfahrungen, die er während seiner Walz sammeln konnte. „Trotz Blasen an den Füßen und jeder Menge Dreck: Ich würde es immer wieder tun!“, so sein Fazit.

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