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Vom Leben in den Hamelner „Judenhäusern“ / Stadtverwaltung wälzte alle Verantwortung ab

Nach dem Krieg wieder in Amt und Würden

Die Einrichtung sogenannter „Judenhäuser“ bildete die entscheidende Voraussetzung zur späteren Deportation der jüdischen Menschen aus den Städten Deutschlands in den Osten.

Grundlage für die Isolierung der Juden und ihre Unterbringung in „Judenhäusern“ war das „Gesetz über Mietverhältnisse mit Juden“ vom 30. April 1939. Danach sollten die jüdischen Bewohner „gegebenenfalls zwangsweise“ in wenigen Häusern „zusammengefasst“ werden.

veröffentlicht am 21.08.2009 um 23:00 Uhr
aktualisiert am 09.11.2009 um 11:49 Uhr

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Der städtische Vermessungsrat Reiche bestimmte zwei in jüdischem Besitz befindliche Häuser als „Judenhäuser“, Pferdemarkt 8 und Neue Marktstraße 13. Reiche ordnete nun „Wohnungsumsetzungen“ an mit dem Ziel, möglichst viele Juden in diesen Häusern zu konzentrieren. Häufig waren es „deutsche Volksgenossen“, die „Wohnungsumsetzungen“ in Gang brachten. Bewohner eines Hauses in der Emmern-straße wandten sich im Oktober 1939 mit der Aufforderung an die Stadt Hameln: „Die Unterzeichneten bitten den Oberbürgermeister davon Kenntnis zu nehmen, dass sie nicht gewillt sind, mit der jüdischen Familie Hammerschlag in dem im Hause befindlichen Luftschutzkeller zusammenzusitzen. Es ist uns unmöglich, als deutsche Volksgenossen (z. T. sogar Parteigenossen) in Gesellschaft dieser Rasse zu verweilen.“ Acht Tage später forderte Reiche Frau Frankenstein, die Besitzerin des Hauses Neue Marktstraße 13, auf, mit der Familie Hammerschlag „einen diesbezüglichen Mietvertrag sofort abzuschließen“.

Im Sommer 1940 war die „Belegung“ der „Judenhäuser“ im Wesentlichen abgeschlossen. In der Neuen Marktstraße 13 lebten siebzehn jüdische Frauen, Männer und Kinder; am Pferdemarkt 8 waren es fünf Frauen, alle unter beengten Verhältnissen. Die Mehrzahl der zweiundzwanzig Bewohner war weiblich und alt, sechzehn über 60 Jahre, viele alleinstehend und verwitwet, darunter nur vier Männer und ein Kind von vier Jahren.

Die Rolle der Hamelner Stadtverwaltung

Verantwortlich für die Einrichtung der „Judenhäuser“ war die Stadt Hameln. Die Verwaltung legte bei der Umsetzung des „Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden“ einen ganz besonderen Eifer an den Tag. Im Vergleich zu anderen Städten erfolgte in Hameln die Einrichtung von „Judenhäusern“ sehr früh, nämlich Ende 1939. In Hannover kam das Gesetz erst im September 1941 zur Anwendung.

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Viele städtische Ämter waren am schrittweisen Prozess der Ausgrenzung der Juden bis hin zur Verwertung des Vermögens der Geflohenen und Deportierten beteiligt, verantwortlich waren im Wesentlichen zwei Männer. Dr. Hans Krüger war Stadtrechtsrat und Vertreter des Oberbürgermeisters und „Kreisbeauftragter des rassenpolitischen Amtes“ der NSDAP. Der Oberbürgermeister übertrug ihm 1938 „die Bearbeitung aller Angelegenheiten der Juden“. Vermessungsrat

Gerhard Reiche war Mitglied im Reitersturm der Hamelner SA-Standarte 164 und Parteimitglied.

Die Menschen litten unter einer Vielzahl behördlicher Anordnungen, die ihr Alltagsleben immer enger einschnürten. Telefon, Führerschein, Fahrräder, sogar das Haustier hatten sie abgeben müssen. Jede Ortsveränderung, auch etwa ein Besuch im nahen Aerzen, musste vorher bei der Stadtverwaltung beantragt werden. Im Sommer 1941 wurde die Einkaufszeit auf eine Stunde am Tag eingeschränkt. Öffentliche Fürsorge für jüdische Menschen gab es nicht mehr. Sie lebten in bitterer Armut, von der Substanz, von gegenseitiger Hilfe, aber auch von heimlich gewährter Unterstützung.

Ab 1. September 1941 galt die Polizeiverordnung über die „Kennzeichnung der Juden“ durch den „Judenstern“. Scham und Angst ließen sie kaum noch die Straße betreten. Nur sehr wenige Lebenszeichen haben sich aus den Judenhäusern erhalten. Eines stammt von Selma Frankenstein (72). Am 13. Dezember 1941 schrieb sie auf einem sogenannten Rote-Kreuz-Brief an ihren nach Palästina ausgewanderten Neffen:

„Wir sind alle gesund. Ich einsam und verlassen, führe ein trauriges Leben. Ein Wiedersehen mit Euch hoffnungslos. Selma.“

Selma Frankenstein wurde am 23. Juli 1942 nach Theresienstadt und von dort in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt.

Wenn nur der Krieg recht bald vorbei wäre

Mehrere Briefe der Familie Jonas haben sie erhalten. Ende 1939 oder Anfang 1940 mussten die Eheleute Albert (68) und Bertha (67) Jonas mit ihrer Tochter Else (39) in der Neuen Marktstraße 13 einziehen. Über seltene Rote-Kreuz-Briefe korrespondierten die Eheleute mit ihrem Sohn Arthur, dem 1939 die Flucht nach London gelungen war. Am 9. Juni 1941 erfuhren sie auf diese Weise von der Geburt eines Enkels. In einem Brief an einen in Holland lebenden Neffen schrieb Albert am 30. Dezember 1941: „Von unseren lieben Kindern aus England haben wir schon seit dem 9. Juni 41 keine Nachricht mehr gehabt, der kleine Frank wird am 13. Januar schon 8 Monate alt und wir kennen ihn noch nicht, ist das nicht ganz traurig? Wenn nur der Krieg recht bald vorbei wäre, sodass man dann bald wieder mit den Seinigen vereint sein könnte.“

Das schlimme Leid, das den Menschen widerfuhr, drückt sich nur ganz vorsichtig aus.

„Bei uns geht es gesundheitlich Gott sei Dank wieder besser, obwohl alles andere bei uns überall viel zu wünschen übrig lässt. Das ist ja nun eben das Schicksal, was wir alle leider Gottes zu tragen haben, und wir können nichts daran ändern.“

Ende März 1942 wurde die Tochter Else von ihren Eltern getrennt und in das Warschauer Ghetto deportiert. In Alberts Rote-Kreuz-Brief nach London finden sich dazu vier Worte: „Else fort, besucht Kamenetzkys“. Bei Arthur in London löste die Formulierung blanke Angst aus, wusste er doch, dass das Hamelner Ehepaar Kamenetzky 1938 aus Hameln deportiert worden war.

In den ersten Monaten konnten die Deportierten aus dem Ghetto noch Briefe in die Heimat senden. Dass alle Briefe dieselbe Anschrift und Raum-Nummer trugen, ließ schlimme Ahnungen aufkommen.

Im letzten Rote-Kreuz-Brief teilten die Eltern am 17. Juli 1942 ihrem Sohn Arthur mit, dass sie „nächste Woche ‚verreisen‘ müssen“. Am 23. Juli wurden beide nach Theresienstadt deportiert und fanden dort den Tod.

Nach Kriegsende hatten sich Dr. Krüger und Reiche einem Entnazifizierungsverfahren unterziehen müssen. Beide wurden in der zweiten Instanz in die Kategorie IV („Unterstützer“) eingestuft. Sie gingen damit straflos aus und unterlagen keiner beruflichen Beschränkung. Beide setzten daraufhin ihre Wiedereinstellung in die Hamelner Stadtverwaltung durch.

Am 10. Oktober 1951 erreichte eine Anfrage der Stadt Hannover die Stadt Hameln. Hannover war von einem Juden, der im Herbst 1941 in ein „Judenhaus“ gepfercht worden war, auf Wiedergutmachung verklagt worden. Nach Meinung der Stadt Hannover war dafür aber nicht die Kommune, sondern die NSDAP verantwortlich. Für ihre Position suchte die Stadt nun Verbündete in anderen Städten. Der Brief landete auf dem Schreibtisch Krügers. Zusammen mit Reiche formulierte er die folgende Stellungnahme: „Auf die dortige Anfrage ... teilen wir mit, dass nach den hiesigen Feststellungen die Zusammenfassung der in Hameln wohnenden jüdischen Familien in sog. Judenwohnungen auf Veranlassung der Kreisleitung der NSDAP erfolgte.“

Dieselben Beamten, die im Dritten Reich in Hameln die „Judenangelegenheiten“ „bearbeitet“ hatten, saßen nach dem Kriege wieder in Amt und Würden und wälzten alle persönliche Verantwortung und jede Beteiligung der Stadt auf die NSDAP ab.

Am Haus Neue Marktstraße 13 findet sich seit den 1980er Jahren eine Tafel mit folgendem Wortlaut:

„Zur Zeit des Nationalsozialismus (1933-1945) wurde dieses Haus im Herbst 1941 zum Zwangsquartier für viele jüdische Bürger Hamelns. Sie lebten hier, bis sie im Jahre 1943 in ein Konzentrationslager abtransportiert wurden. Keiner von ihnen hat überlebt.“ Diese Inschrift weist mehrere Mängel auf. Sie verkürzt das Leiden der Juden um einen langen Zeitraum; sie gibt das Datum der Deportationen falsch an; sie nennt nicht die für die Einrichtung der Judenhäuser verantwortliche Instanz, die Stadt Hameln.

Der Stadt Hameln liegt seit dem 21. Juli 2007 die Bitte vor, die genannten Mängel zu beheben. Bis heute blieb diese Bitte unerledigt. Am Haus Pferdemarkt 8 fehlt jeder Hinweis auf die Rolle, die es im Zusammenhang mit der Judenvernichtung gespielt hat.

Das „Juden-

haus“ Neue Marktstraße

13. ( Foto:

Gelderblom)

Darunter:

Die Familie Jonas Ende

der 1920er

Jahre. Von

links nach

rechts:

Arthur, Anne- liese, Bertha,

Else und

Albert. Außer

Arthur, dem die Flucht aus Deutschland

gelang,

wurden alle

Mitglieder der Familie Jonas

deportiert.

(Foto: privat)



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