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Der Hagenburger Jan Bergmann sammelt bei Ultra-Marathons Extrem-Erfahrungen – und erläuft Spitzenzeiten

Nach dem Jubel beginnt die Einsamkeit

Felsen und Sand des Akakus-Gebirges im Herzen Nordafrikas liegen kurz nach Sonnenuntergang in tiefer Dunkelheit. Empfindliche Kälte fällt aus der libyschen Wüstennacht herunter. Schritt für Schritt tastet, klettert und steigt der Ultra-Marathonläufer Jan Bergmann über das sanddurchsetzte Geröll. Er folgt dem Schein seiner Stirnlampe. Einzig die Daten des GPS-Geräts bringen dem Hagenburger die Gewissheit, auf Kurs zu sein.

veröffentlicht am 24.07.2009 um 23:00 Uhr

Jeder Läufer ist in der Wüstenlandschaft Libyens praktisch auf s

Autor:

Jan Peter Wiborg

Doch Umwege sind nicht ausgeschlossen: Das „Roadbook“, das Bergmann und seine Mitstreiter bekommen, gibt nicht zweifelsfrei Auskunft. Die Lauf-Gamaschen über den Schuhen sind zerschnitten von harten Steinen. „Checkpoint 3“ ist erreicht und damit die erste, warme Mahlzeit: Ein Brühwürfel im heißen Wasser aufgelöst.

Das grelle Licht eines Kamerascheinwerfers reißt ihn nach dem Mahl aus dem Dösen. Ein Fernsehteamteam will Antworten: „It’s night. I’ve more fun now. I love the night, I love the hills.“ Und wie er die Berge liebt, muss er im Rennen mit 4500 Höhenmetern beweisen: Gleich nach dem Camp folgt ein Anstieg mit zwölf Kilo Pflichtgepäck im Rucksack: Schlafsack, 4,5 Liter Wasser, Nahrung mit mindestens 7000 Kilokalorien, ein Set gegen Schlangenbisse. Diese Eigenvorsorge fordert der Veranstalter.

„Das Unmögliche möglich machen“

Jan Bergmann hat sich zuhause in Hagenburg von Schwester Tanja ein dickes Brot backen lassen, „mit jeder Menge Nüssen“, und es mit dem Flugzeug über Paris und jeder Menge Kilometern in Bus und Geländewagen hierher im Rucksack in die Wüste transportiert.

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Alles geht schnell und unkompliziert, der Medizincheck und die Kontrolle des Rucksacks. Ein kurzer Jubel unter den 115 Startern, dann beginnt die Einsamkeit. Die Stunden brechen an, in denen nur noch der Weg das Ziel ist. Ankommen und damit Grenzen zu verschieben, für sich das „Unmögliche möglich zu machen“.

Irgendwann dämmert über dem Gebirge von Osten her der neue Tag; die Hitze kriecht heran, der Rucksack drückt. Bergmann läuft seit mehr als 14 Stunden. 75 Stunden bleiben ihm maximal Zeit, den Zielort Ghat zu erreichen. Zwischen den Läufern – unter ihnen auch Joey Kelly von der Musikgruppe „Kelly Family“ – liegen inzwischen Stundenabstände. Über Kamelpfade erreichen sie das Gebirge, weiche Sanddünen wechseln mit Geröllpfaden ab. Stundenlang kann Bergmann an einen gleichmäßigen Laufrhythmus nicht denken. Etwa alle 20 Kilometer passieren die Läufer einen Kontrollpunkt, um sich zu registrieren. In den Zelten wachen Rennärzte kritischen Auges darüber, ob für den Einzelnen die Qualen nicht doch zu groß werden.

Von 115 Läufern müssen 22 aufgeben

„Je mühsamer der Weg war, desto schöner ist das Gefühl, am Ziel zu sein.“ Gemessen am Motto seiner Internetseite www.jan-bergmann.com muss der Weg durch die Wüste für ihn wunderschön, ja überwältigend gewesen sein: Kurz vor der Zielflagge weint er fast, wird er geschüttelt von Glücksgefühlen, läuft mit einem Läufer Hand in Hand über die Ziellinie.

47:30 Stunden war er schließlich unterwegs, meist mit sich und einigen „Ups“ und „Downs“ alleine. Von 115 gestarteten Läufern mussten 22 vorzeitig aufgeben. Jan Bergmann nicht. Er ist angekommen, das ist sein persönlicher Sieg. Er registriert erfreut, dass er sich nach seinem „Seuchenjahr 2008“ mit einer Sehnenentzündung im Fuß und vielen Verletzungen als 26. und damit bester Deutscher platziert hat.

Gerade einmal drei Monate aus Nordafrika zurück, geht der Ausnahme-Athlet nach weiteren vier Vorbereitungs-Marathons sowie dem Waldhessen-Lauf (111,7 Kilometer), dem Rennsteig-Lauf (73 Kilometer) und den Eder-Höhenweg (218 Kilometer in fünf Tagesetappen) bei einem weiteren Extremlauf an den Start: Beim 15. „Grand Union Canal Race“ (GUCR), dem längsten Lauf Englands von Birmingham über 238 Kilometer entlang der künstlichen Wasserstraßen nach London.

„Dieser Lauf ist 99,8 Prozent Kopfsache“, meint Bergmann später, der ohne Helfer mit einem Rucksack läuft und sein Essen und Trinken an den Verpflegungspunkten wieder auffüllt. Die Temperaturen lagen für ihn „not very british“ um 30 Grad.

Der Lauf auf Pfaden, Asphalt und Wiesenwegen sei so lang gewesen, dass er selbst rund 20 Meilen vor Schluss ans Aufgeben gedacht habe: „Immer wieder kamen Tiefpunkte, aus denen ich mich durch Gehen und mentale Stärke herausgezogen habe.“

Traditionell erreichen beim GUCR etwa 40 Prozent der Läufer das Ziel. 2009 sind es 34 inklusive Bergmann, 52 mussten aufgeben. Mit seinem elften Platz etabliert er sich in der europäischen Ultra-Spitzenklasse. Seine 37 Stunden bedeuten die beste Zeit von allen jemals beim GUCR gestarteten, sieben deutschen Läufern.

Damit gerechnet hat er offenbar nicht. Anderthalb Stunden später sitzt er noch in Decken gehüllt auf einem Stuhl, wird in ein kurzfristig für ihn gebuchtes Hotelzimmer gebracht. Es folgt eine 60-Minuten-Dusche und viel tiefer Schlaf. Am nächsten Morgen erlaubt ihm sein Körper bereits wieder eine Stadtbesichtigung in London.

Die folgende Nacht „übernächtigt“ er im Flughafen von Stanstedt auf dem Fußboden. „Das war mir völlig egal, durch die vielen Laufreisen muss Geld gespart werden.“

Trotz vieler unkonventioneller eigener Projekte – zum Beispiel einem „Laufband-Marathon“ – und werbewirksamer Ideen rund um seine zeitaufwendige Passion, hat der 32-Jährige noch keinen Sponsor gefunden. Vielleicht liegt es daran, dass Bergmann ungern Aufhebens um sich macht.

Seine Reisen finanziert er sich selbst, seine Eltern unterstützen ihn, wo es nur geht. Vater Franz hat Sohn Jan schon begleitet, so vor zwei Jahren bei der Schaumburg-Querung von Goldbeck im Süden quer durch den Landkreis nach Hagenburg im Norden.

Bergmann bescherte sich damit selbst. Er konzipierte die Strecke mit Bedacht so, dass er um Mitternacht – in den ersten Minuten seines 30. Geburtstages – zusammen mit seinem Laufpartner und seinen Eltern am Hagenburger Ortsschild mit einem Glas Sekt anstoßen konnte.

Laufen auch für den guten Zweck

Läuft er gerade nicht, lebt er ganz normal, Ernährung und Feiern inklusive. Wenn da nur diese außergewöhnlichen Träume nicht wären: „Um das Steinhuder Meer herum kenne ich jeden Baum“, schmunzelt er. Und doch gehört die Strecke immer mal wieder zu seiner Trainingsarbeit – allerdings nicht immer so intensiv, wie im November 2007. In diesem Monat lief er täglich die rund 32 Kilometer um den Flachsee.

Sein damaliges Trainingsziel harmonierte mit dem guten Zweck, nämlich die Typisierungsaktion für die an Leukämie erkrankte Ulrike Möllmann in Steinhude zu unterstützen. Nicht nur, dass Bergmann exakt 1000 Kilometer für die gute Sache unterwegs war, er organisierte auch noch unter seinen Lauffreunden eine Benefiz-Runde. Schirmherr Alexander zu Schaumburg-Lippe bedankte sich beim Dauerläufer mit einem Gutschein für eine Übernachtung auf dem Wilhelmstein.

Bergmann nahm gerne an – das Eiland inspirierte ihn zu einem weiteren Laufprojekt: Er umrundete die Insel, lief 50 Kilometer.

„Früher haben mich meine Eltern öfter mal zu Volksläufen mitgenommen.“ Das waren seine Anfänge. Aber gefunkt hat es erst viel später, als Freunde ihn überredeten, mitzulaufen, packte ihn die Leidenschaft – bislang ist kein Ende abzusehen. Bei den Ultra-Marathonläufern zählt nicht in erster Linie das Alter, sondern die Erfahrung in Kopf und Körper.

In diesen Tagen war der Hagenburger beim längsten europäischen Berglauf im Schweizer Jura – 350 Kilometer von Genf nach Basel – unterwegs. Insgesamt mehr als 11 000 Höhenmeter, sieben Etappen zwischen 46 und 56 Tageskilometern über Fels- und Steinwege, Pfade, Wiesen und Bergkämme. Bergmann ging es langsam an. Bei der vierten Etappe merkte er, dass ihm Berge offenbar liegen: „Dann zog ich mein Tempo stark an bis nach Basel. So machte ich zehn Ränge gut und kam auf den zehnten Gesamtplatz.“ Von 59 Startern erreichten 40 das Ziel.

Für ihn bedeutet der erfolgreich absolvierte Grenzgang wieder eine neue Extrem-Erfahrung, einen Schritt weiter zur Verwirklichung seines ultimativen Traumes, der Teilnahme am „Badwater“, dem schwierigsten Ultra-Marathon der Welt: „Ich bin bereit“, sagt er jetzt. 217 Kilometer mitten durch das „Death Valley“ in Kalifornien, mit bis zu 57 Grad im Schatten, über drei Bergketten hoch auf den 2500 Meter messenden Mount Whitney. Das alles in 60 Stunden, unter anderem mit der Pflicht, zwei Helfer zu stellen, die den Läufer ständig mit Wasser besprühen. Gegen den „Badwater“ wirken andere Ultra-Marathons wie ein Spaziergang. Teilnehmen will Bergmann im Jahr 2011.

Bei Ultra-Marathonläufer Jan Bergmann weicht die Skepsis vor dem Start des „Swiss-Jura-Marathons“ schnell der Freude an der eigenen Leistung. Unten: Der Hagenburger erholt sich nach einem 238-Kilometer-Lauf von Birmingham nach London. Am Tag danach lässt sein Körper schon wieder eine Stadtbesichtigung zu.



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