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Ein Rückblick auf Schaumburgs Mühlenlandschaft

Mühlen haben steten Frieden

Wer heute an charakteristische Schaumburger Bauwerke denkt, dem dürften als erste die herrschaftlichen (Weserrenaissance-) Schlösser, Adelshöfe, Klöster und die übers Land verstreuten alten Kirchen und Fachwerkhäuser einfallen. Das wäre vor 100 Jahren noch anders gewesen. Ganz oben auf der Liste hätten Mühlen, Stauwehre und technische Anlagen zur Herstellung und Nutzung von Wind- und Wasserenergie gestanden. In dem Ende der 1970er Jahre erschienenen Standardwerk „Niedersächsische Mühlengeschichte“ sind an die 100 derartiger Standorte aufgelistet. In Wirklichkeit dürften es mehr als doppelt so viele gewesen sein. Die hiesige Region war eine der mühlenreichsten weit und breit. Erste Aktenhinweise gab schon vor mehr als 800 Jahren. Vieles aus der Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der heimischen „molinas“ (lat. für „Mühlen“) ist noch unerforscht.

veröffentlicht am 11.04.2015 um 00:00 Uhr

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Autor:

Wilhelm Gerntrup

Noch auffälliger als Anzahl und Alter sind Vielseitigkeit und technisches Know-how der hiesigen Anlagen. Bis ins späte Mittelalter hinein wurde – wie andernorts auch – hauptsächlich Getreide (Hafer, Roggen und Weizen) gemahlen. Später kam die Herstellung von Graupen (durch Schälen von Gerste) hinzu. Daneben wurde Leinentuch „gewalkt“ (geschmeidiger und haltbarer gemacht), „Lohe“ (Eichenrinde) zur Gewinnung von Gerbsäure zerstampft sowie eine Mixtur aus Salpeter, Schwefel und Holzkohle zu Schießpulver zerrieben. Ein weiterer wichtiger Zweig war die Herstellung von Lampen- und Speiseöl aus Raps und Leinsamen. Und vom 17. Jahrhundert an wurden an etlichen Standorten Fachwerkbalken gesägt, Papierbrei gestampft, Zement gemahlen und nicht zuletzt bis in unsere Tage hinein Strom produziert. Als besondere, wasserradmäßig betriebene Schaumburger Spezialität darf das „Blankhämmern“ (Eisenschmieden) gelten. Und nicht vergessen werden dürfen in der Auflistung auch die seit Ende des 16. Jahrhunderts in Oldendorf und Rinteln auf der Weser festgezurrten (Mahl-) Schiffsmühlen.

Hauptgrund für die Vielfalt der heimischen Produktionsstätten war die Wirtschaftspolitik der hierzulande herrschenden Potentaten. Die Herren von der Schaumburg und ihre Nachfolger versuchten, ihr kleines Territorium bis in die jüngste Vergangenheit hinein importunabhängig zu erhalten. Jede Möglichkeit zur Energiegewinnung wurde zur Ansiedelung neuer Betriebe genutzt. Das größte Reservoir bildete die Wasserkraft. Die Folge: An nahezu jedem der zahlreich von den Gebirgsketten und Hügeln zu Tal fließenden Bäche wurden Wasserräder installiert. Das Wissen um Konstruktion und Antriebstechnik hatten bereits die Römer mit über die Alpen gebracht.

Auf dem Gebiet der früheren hessischen Grafschaft Schaumburg wurden noch vor gut 100 Jahren an die 60 Wasserkraftanlagen gezählt. Auf dem einstigen schaumburg-lippischen Territorium dürfte es damals an die 40 Standorte gegeben haben. Hinzu kamen etwa 20 Windmühlen, darunter mehrere Bockwindmühlen. Sie waren weiträumig über das Land verstreut. Einen gewissen Schwerpunkt bildete die „Seeprovinz“.

Eine überregional einmalige Mühlenstruktur gab es im Kirchspiel Steinbergen. Hier waren auf engstem Raum eine Zementmühle, eine Papiermühle, eine Mühle zur Herstellung von Waffen und landwirtschaftlichem Gerät („Blankhammer“) sowie eine Korn- und eine Sägemühle („Schlingmühle“) in Betrieb. Die Schaumburger Mühlensiedlung schlechthin war Stadthagen. Im Laufe der Jahrhunderte waren in der heutigen Kreismetropole fünf Wassermühlen („Obern-“, „Mittel-“, „Western- oder Nagels-“, „Niedern-“ und „Pörtkenmühle“) sowie eine in der Nähe des heutigen Bahnhofs gelegene Windmühle in Betrieb. Die Windmühle wurde vor gut 100 Jahren abgebaut und nach Bergkirchen verfrachtet.

Strenge Vorschriften für Müller und „Mahlgäste“

Das Gros der Schaumburger Mühlen waren „herrschaftliche“ Mühlen. Historischer Hintergrund: Das Recht zur Nutzung von Wasser und Wind und zum Betreiben einer Mühle war lange Zeit – genauso wie etwa das Privileg des Münzprägens oder Bierbrauens – dem Landesherrn vorbehalten. Er verlieh das Mahlrecht gegen Zahlung eines Mietzinses an (Erb-) Pachtmüller. Die Dörfer waren in Mühlbezirke aufgeteilt. Den Untertanen war die Benutzung „ihrer“ Mühle vorgeschrieben („Mühlenbann“). In einem „Mühlenregal“ waren strenge Vorschriften für Müller und „Mahlgäste“ festgelegt. Die Müller behielten als Lohn einen Teil des Mahlgutes als „Matte“ ein.

Wegen ihrer großen Bedeutung waren Mühlen seit alters her besonders gesetzlich geschützt. „Mühlen haben steten Frieden“, heißt es im Sachsenspiegel, dem ältesten deutschen Rechtsbuch aus der Zeit um 1200. Wer eine Mühle beraubte, wurde Mördern und Kirchenräubern gleichgestellt und gerädert.

Das Rauschen und Klappern der Wind- und Wasserräder im Schaumburger Land verstummte, als ab Mitte des 19. Jahrhunderts vermehrt Dampf- und Elektrotechnik zum Einsatz kam. Als neuer, hierzulande im Überfluss vorhandener Energielieferant wurde Kohle genutzt. Viele ältere Mühlenstandorte, vor allem die der aus Holz gebauten Bockwindmühlen, sind, wenn überhaupt, nur noch an Hand alter Lagepläne und/oder Flurkarten auszumachen. Auch das Gros der steinernen Anlagen ist verfallen oder wurde umgebaut und abgetragen.

Mit dem Verschwinden der Wasser- und Windkraftanlagen geriet auch ein höchst bedeutsames Kapitel heimischer Kultur-, Technik- und Sozialgeschichte in Vergessenheit, denn ohne Mühlen und insbesondere ohne den Naturmotor Wasserrad ist die wirtschaftliche Entwicklung des Schaumburger Landes nicht vorstellbar.

Heute wird die Erinnerung an die Tradition der Mühlen und des Mühlengewerbes auch durch die zahlreichen berufsständischen Namensträger wie „Müller“ bzw. „Möller“, „Mühlbauer“, „Mühle“ bzw. „Möhle“, „Mühlleiter“, „Mühlheims“, „Mühlenharz“, „Mühlmeister“, „Möhling“ oder „Möhlmann“ wach gehalten. Und nicht selten erinnern auch Gemeindewappen sowie Straßen-, Flur- und Ortsbezeichnungen an die einstige Mühlenherrlichkeit – hierzulande am augenfälligsten beim Ortsnamen „Möllenbeck“ (= „Mühlenbach“).

Ein kolorierter Kupferstich aus dem 19. Jahrhundert zeigt – rechts anschließend an das „Mindener Tor“ – Mühle und Müllerwohnhaus der einstigen „Schlossmühle“. Stauanlage, Müllerwohnhaus und Mühlenunterbau sind noch vorhanden.



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