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Das rätselhafte Ende des NSDAP-Kreisleiters Fritz Schmidt vor 70 Jahren

Mord, Selbstmord, Unfall?

Vor 70 Jahren kam unter ungeklärten Umständen einer der damals mächtigsten und einflussreichsten Männer der hiesigen Region ums Leben. Der aus Eisbergen stammende Fritz Schmidt hatte es bis in die oberste NSDAP-Führungsriege gebracht. Zum Zeitpunkt seines Todes 1943 war er Verwaltungschef („Generalkommissar“) in den besetzten Niederlanden. Die Begräbnisfeier in Münster wurde auf Anweisung Hitlers als pompöser Staatsakt begangen. „Er war immer für seine Heimat da“, war in den Nachrufen der Mindener und Schaumburger Zeitungen zu lesen. „Und auch die Heimat wird ihren großen Sohn nie vergessen“.

veröffentlicht am 14.12.2013 um 00:00 Uhr

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Wilhelm Gerntrup

Das Gelöbnis geriet bald in Vergessenheit. Nach 1945 mochten sich selbst seine einstigen Anhänger und Weggefährten nicht mehr an den fanatischen Nationalsozialisten erinnern. Einen Mantel des Schweigens bereiteten die Nachbarn und Ex-Freunde auch über Fritz’ jüngeren Bruder Wilhelm aus, der sich ebenfalls als bedingungsloser Gefolgsmann des NS-Regimes betätigt hatte und dabei – im Fahrwasser des Bruders – zum NSDAP-Kreisleiter in Minden (ab 1934) und Bückeburg (1938) sowie zum stellvertretenden Regierungschef des Landes Schaumburg-Lippe aufgestiegen war. Nach Ausbruch des Krieges war er dem Bruder nach Holland gefolgt und von diesem auf den Posten eines Gebietskommissars von Limburg gehievt worden.

Geboren und aufgewachsen waren die Schmidt-Brüder in einer Malermeisterfamilie. Das politische Klima im Hause war von Empörung über das schmähliche Ende des Ersten Weltkriegs und das Versailler Friedensdiktat sowie von tiefer Abneigung gegen das Weltjudentum geprägt. Der 1903 zur Welt gekommene Fritz ging nach der Volksschule eine Zeit lang ins nahe Rintelner Gymnasium, musste die höhere Ausbildung jedoch zwecks Entlastung der Haushaltskasse vorzeitig abbrechen. Er verdingte sich als Arbeiter in Rinteln, absolvierte eine Fotografenlehre in Barkhausen und heuerte anschließend als Reichswehr-Zeitfreiwilliger im Mindener Pionierbataillon an. Nur mit viel Glück überlebte er das katastrophale Fährunglück am 31. März 1925 in Veltheim, bei dem während eines Manövers 80 Rekruten ums Leben kamen. Ein Jahr später schied Schmidt aus dem Militärdienst aus, um das Geschäft seines Ex-Lehrherrn zu übernehmen.

Seine Begeisterung für die nationalsozialistische Sache war nach eigenem Bekunden während einer Begegnung mit Hitler geweckt worden. 1929 trat er in NSDAP und SA ein. Mit großem Einsatz nahm er den Aufbau der Bewegung im Mindener und Schaumburger Land in Angriff. Dank seiner rednerischen Begabung und seines umgänglichen Wesens kam es bereits vor der „Machtübernahme“ 1933 zur Gründung mehrerer heimischer NSDAP-Ortsgruppen, darunter 1930 in Minden und in seinem Heimatdorf Eisbergen. Fritz Schmidt wurde zum Kreisleiter befördert. 1932 holte ihn die „Gauleitung Westfalen Nord“ als Organisations- und Propaganda-Chef nach Münster. Zu seinem Zuständigkeitsbereich gehörten neben Ostwestfalen auch die Länder Lippe, Schaumburg-Lippe und der Kreis Grafschaft Schaumburg.

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  • Rudolf Heß
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  • M. Bormann
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1938 holte die damals noch in München beheimatete NSDAP-Parteizentrale den wortgewandten Pg. in die Isar-Metropole. Dort gehörte Schmidt fortan dem engeren Führungsstab von Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß und dessen damaligem persönlichen Referenten Martin Bormann an. 1939 heftete der Führer seinem inzwischen auch im Reichstag sitzenden Bewunderer das Goldene Parteiabzeichen an die Brust.

Nach Ausbruch des Krieges wechselte der Portaner ins Propagandaministerium von Goebbels über und wurde nach Eroberung der Niederlande im Mai 1940 mit dem nationalsozialistischen Neuaufbau der dortigen Verwaltungsstrukturen beauftragt. Dabei setzte er sich vehement für den Anschluss und die Einverleibung Hollands ins Großdeutsche Reich ein. Unklar ist, ob und in welchem Umfang Generalkommissar Schmidt an der Unterdrückung und Verfolgung der holländischen Juden beteiligt war. Immerhin wurden, trotz anhaltenden Widerstands der liberalen Bevölkerung, aus den Niederlanden prozentual mehr Juden deportiert als aus Belgien oder Frankreich.

Dass dies nicht, wie bei vielen anderen hochrangigen Führungskräften des Regimes, nach 1945 aufgearbeitet und gesühnt wurde, hat mit dem frühen und jähen Tod Schmidts zu tun. Ende Juni 1943 nahm er zusammen mit anderen Funktionären an einer Besichtigungstour zu den Befestigungsanlagen an der französischen Atlantikküste teil. Für die Rückfahrt nach Paris hatte man Waggons in einem Nachtzug reserviert. Als Schmidt morgens nicht zum Frühstück erschien, stellte man fest, dass sein Abteil leer und das Zugfenster geöffnet war. Kurze Zeit später wurde seine Leiche, mit einem Schlafanzug bekleidet, am Bahndamm gefunden.

Der Vorfall sorgte europaweit für Wirbel. Die Parteiführung versuchte, die Sache als Unfall abzutun. Möglicherweise sei Alkohol im Spiel gewesen, war zu hören. Doch diese Erklärung war für die meisten derjenigen, die den Verstorbenen näher gekannt hatten, wenig plausibel. Nicht wenige glaubten an Selbstmord. Ein Reiseteilnehmer berichtete, Schmidt habe in den Tagen zuvor äußerst nervös, gereizt und verunsichert gewirkt. Andere vermuteten, der Repräsentant der verhassten Besatzungsmacht sei von Mitgliedern der holländischen Widerstandsbewegung ermordet worden. Und eine weitere Gruppe ließ hinter vorgehaltener Hand verlauten, der ehrgeizige und machthungrige Emporkömmling sei von Neidern aus dem eigenen Lager aus dem Weg geschafft worden.

Wie immer die Wahrheit ausgesehen haben mag – der Tod Fritz Schmidts war und ist nicht das einzige ungelöste Rätsel, das die Familie bis heute beschäftigt. Auch die Begleitumstände des Ablebens des jüngeren Wilhelm wurden nie aufgeklärt. Fest steht nur, dass der damals 41-Jährige am 6. Juni 1945 im berüchtigten alliierten Internierungslager Recklinghausen starb. Als offizielle Todesursache wurde von den Besatzern „Selbsttötung durch Erhängen“ angegeben. Ein Mithäftling aus Bückeburg gab später zu Protokoll, dass Wilhelm Schmidt von Angehörigen einer holländischen Wachmannschaft schwer misshandelt worden sei.

Fritz Schmidt (r.) im Gespräch mit seinem Besucher Joseph Goebbels (M.) in Den Haag.



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