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Mit über 60 mitten im Studentenleben

Probleme, seinen Rentneralltag zu gestalten, hat Günter Brakebusch nicht: Am Montag besucht er eine Vorlesung an der Musikhochschule, danach geht er zum Lesen in die Universitätsbibliothek. Dienstag trifft er einen Seniorenkommilitonen zum Mittagessen in der Mensa, danach geht es wieder in die Bibliothek, abends in eine Oper der Musikhochschule. Mittwoch fährt er mit dem Studierendenausweis nach Emden, besucht das Henri-Nannen-Museum. Am Donnerstag gönnt sich der Rentner einen ausgiebigen Saunabesuch.

veröffentlicht am 16.12.2009 um 10:22 Uhr
aktualisiert am 31.10.2016 um 14:43 Uhr

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Philipp Killmann

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Philipp Killmann Reporter zur Autorenseite

Probleme, seinen Rentneralltag zu gestalten, hat Günter Brakebusch nicht: Am Montag besucht er eine Vorlesung an der Musikhochschule, danach geht er zum Lesen in die Universitätsbibliothek. Dienstag trifft er einen Seniorenkommilitonen zum Mittagessen in der Mensa, danach geht es wieder in die Bibliothek, abends in eine Oper der Musikhochschule. Mittwoch fährt er mit dem Studierendenausweis nach Emden, besucht das Henri-Nannen-Museum. Am Donnerstag gönnt sich der Rentner einen ausgiebigen Saunabesuch. Freitag trifft Brakebusch eine gleichaltrige Kommilitonin, mit der er in dem hannoverschen Café Kanapee einen Jazzabend verbringt.

Die Frage, wie er mal seinen Ruhestand verbringen würde, trieb Brakebusch bereits lange vor der Rente um: „Dann renoviert man vielleicht erstmal das ganze Haus. Doch wenn das erledigt ist? Schaut man seiner Frau beim Kaffeekochen über die Schulter oder läuft stumpfsinnig ums Karree?! Nein, danke!“

Günter Brakebusch ist ein umtriebiger Mensch, der gerne reist. Bereits als junger Mann fuhr er mit einem Freund auf dem Moped von seinem Heimatort Letter (heute: Seelze) bei Hannover nach Avignon in Frankreich. Nach Volksschulabschluss und einer Lehre zum Werkzeugmacher unternahm er 1965 eine Tour durch den Orient.

Zurück in Deutschland, ging Brakebusch nach Offenbach. Dort besuchte er die Techniker Abendschule und lernte Maschinenbau, im Anschluss arbeitete er als Maschinenbautechniker. 1971 heiratete er, 1974 ging Brakebusch nach Wennigsen und arbeitete fortan als Technischer Fachberater im Außendienst. Die meiste Zeit nahmen nun das Berufs- und Familienleben mit drei Töchtern und einem autistischen Sohn in Anspruch.

In den späten Achtzigern entdeckte Brakebusch das Segeln für sich. Mit einem eigenen Segelboot befuhr er Steinhuder Meer und Ostsee. „Das Segeln war schon als Freizeitbeschäftigung in der Rente angedacht. Aber länger alleine zu segeln, macht keinen Spaß, stellte ich fest.“

Als die Firma, bei der Brakebusch angestellt war, Anfang 2002 in Konkurs ging, begann für Brakebusch die Rente. Ein halbes Jahr später schrieb er sich für das Seniorenstudium an der Leibniz-Universität Hannover ein. Das Seniorenstudium ist ein Gasthörer-Studium, für das sich jeder, unabhängig von Alter und Schulabschluss, einschreiben kann. Als Gasthörer absolviert man keine Abschlüsse und hat freie Fächerwahl. Allerdings können Gasthörer an der Universität Hannover nur maximal acht Semesterwochenstunden belegen. Die Kosten betragen 100 Euro pro Semester.

Seine Frau stand von Anfang an hinter dem Studium ihres Mannes. „Dann wusste sie wenigstens immer, wo sich der Knabe aufhält!“, scherzt Günter Brakebusch. Seit 2009 ist auch sie Rentnerin. Die ehemalige Erzieherin lernt nun Englisch und nebenbei etwas Italienisch.

Im Herbst 2003 nahm Brakebusch ein Magister-Studium auf, ebenfalls in Hannover – und ganz ohne Abitur: Sein Abschluss als Maschinenbautechniker wurde anerkannt. Als Hauptfächer wählte er Geschichte und Religionswissenschaften. „Die Frage, wie Religion entsteht, hat mich schon immer interessiert.“ Auf Brakebuschs Arbeitstisch liegt gerade Rudolf Augsteins Buch „Jesus Menschensohn“. Nicht zuletzt auf seinen zahlreichen Reisen habe er viele verschiedene Gläubige kennengelernt. Heute zählt er unter anderem Buddhisten und Muslime zu seinen Freunden, in Deutschland wie auch anderswo. Brakebusch selber gehört keiner Konfession an. Diese Unabhängigkeit ist ihm wichtig.

Wenn die Brakebuschs mit ihrem autistischen Sohn in den Urlaub fuhren, habe er oftmals einen Unterschied wahrgenommen, zum Beispiel in der Türkei: „Die Menschen dort“, sagt er ein bisschen traurig, „waren uns und vor allem unserem Sohn gegenüber oft offener und freundlicher als hier.“ Brakebusch kann etwas Türkisch, bis Ende der achtziger Jahre hatte das Ehepaar ein kleines Haus in der Türkei. Immer wieder zieht es ihn ins Ausland. „Hierzulande zählen doch nur Zeit und Geld. Und alles wird immer schneller!“ Als scheinbar banales Beispiel führt er die Beschleunigung bei den 100-Meter-Läufen der letzten Jahrzehnte an.

Zurück zur Uni. Anfangs sei er dort geradezu „mit geschwellter Brust“ aufgetreten. „Das war für mich schon was Besonderes. Ich war ganz euphorisch.“ In jungen Jahren sei ein Studium nie ein Thema gewesen. Eltern und Großeltern seien „einfache Leute“ gewesen.

„Die ,geschwellte Brust‘ legte sich aber schnell wieder“, lacht der Magister Artium. Denn Brakebusch musste sich, wie alle Erstsemester, dann doch erstmal an der Universität zurechtfinden. Dazu kam ein Nachholbedarf bei der Rechtschreibung, die Schule lag schon lange zurück. Außerdem war es neu für ihn, Referate zu halten und Hausarbeiten zu schreiben: „Das war schon hart. Aber meine Euphorie machte es leichter.“ Brakebusch teilte sich die Woche ein in Tage, an denen er wechselweise an der Uni oder zu Hause arbeitete.

Sozial machte Brakebusch an der Uni die Erfahrung, die viele Studierende kennen: Viele Bekanntschaften beschränken sich auf die Zusammenarbeit in einem Semester – nur aus wenigen werden Freundschaften, die übers Studium hinaus anhalten. Im Laufe seines Studium freundete sich Brakebusch sowohl mit gleichaltrigen als auch mit jüngeren Kommilitonen an. Auch wenn anfangs für beide Generationen der Altersunterschied von rund 45 Jahren etwas ungewohnt war.

Zwischendurch nahm Brakebusch mal ein Freisemester, wollte herausfinden, ob er sich langweilen würde. Doch Langeweile kam nicht auf: „Selbst mit wenig Geld kann man heute schon günstig fliegen.“ So ging Brakebusch weiter seinem „Hobby“ nach, dem Reisen – und zehrte bereits von den vorangegangenen Studien. Schließlich nahm er sein Studium wieder auf, um es auf dem schnellsten Wege abzuschließen. Grund dafür waren die halbjährlich fälligen Studiengebühren von etwas mehr als 1000 Euro.

Als besonders schön in Erinnerung hat Brakebusch ein Seminar mit starkem Praxisbezug. Für eine Arbeit seiner Professorin Dr. Dr. Ina Wunn über muslimische Patienten führten sie gemeinsam Interviews mit muslimischen Frauen, befragten sie, ihre Männer und Ärzte etwa nach der Problematik bei der Untersuchung der Frau durch einen männlichen Arzt. Abschließend trug Brakebusch im Rahmen des Seminars einen wissenschaftlichen Text zu Wunns Buch bei: „Muslimische Patienten. Chancen und Grenzen religionsspezifischer Pflege“ (erschienen 2006 beim Verlag Kohlhammer).

In diesem Jahr war es dann schließlich soweit: Günter Brakebusch machte mit 67 Jahren seinen Universitätsabschluss. Der Titel seiner Magisterarbeit: „Herrnhuter Missionare im West-Himalaya-Gebiet im 19. Jahrhundert“. Er habe schon immer „eine gewisse Affinität“ zum Himalaya, der Mongolei, China oder Vietnam empfunden. Regionen, in die es ihn und seine Frau während der Studienzeit immer wieder zog. „Ich mag das Lächeln der Menschen dort und ihre Gelassenheit: Wie es kommt, so nimmt man’s.“

Brakebusch empfindet es schon „als gewisse Leistung“, mit 67 noch seinen Abschluss zu machen. „Darauf bin ich auch etwas stolz“, sagt er. Vor allem gehe es ihm aber darum, andere Rentner zu motivieren, ihren Lebensabend sinnvoll zu gestalten. „Solange man gesund ist, kann man doch so viel machen. Ein Studium ist nur eine Möglichkeit!“

Günter Brakebusch ist weit davon entfernt, sich zu langweilen. Und wenn sich doch mal Langeweile breitmachen sollte? „Dann schreibe ich vielleicht doch noch meine Doktorarbeit“, sagt er gelassen lächelnd.

Günter Brakebusch ist übrigens nicht der einzige ältere Student – aber einer von wenigen. Von den rund 17 000 Studierenden, die im Wintersemester 2008/09 an der Universität Bielefeld regulär eingeschrieben waren, sind gerade mal knapp 50 über 50 Jahre alt oder älter. Höher liegt die Zahl bei den Gasthörern des „Studiums ab 50“. Pro Semester nehmen etwa 500 Gasthörer an Vorlesungen und Seminaren teil. Einen Abschluss erlangen kann man allerdings nur als regulär eingeschriebener Studierender.

Auffällig ist, dass sich das Gros der Gasthörer und älteren Studierenden für geisteswissenschaftliche Fächer immatrikuliert haben: Pädagogik, Psychologie, Rechtswissenschaften und Philosophie sind in Bielefeld die am häufigsten frequentierten Wissenschaftsdisziplinen.

Ähnlich verhält es sich an der Leibniz-Universität Hannover. Allerdings war die Zahl der älteren Studierenden im Wintersemester 08/09 wesentlich niedriger als in Bielefeld: Nur 32 von rund 21 000 Studierenden waren dort älter als 55. Ein Trend zum Studium unter älteren Menschen ist dem vieldiskutierten demografischen Wandel zum Trotz bislang allerdings nicht erkennbar, erklären die Universitäten. Die Zahlen sind in den letzten Jahren gleich geblieben.

Der Magister Artium bei der Lektüre einer wissenschaftlichen Studie über „Muslimische Patienten“, an der er im Rahmen seines Studiums selber mitgewirkt hat. Foto: pk



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